Heimatkunde Wallenkreuz, ein Lesezeichen der Geschichte

Munderkingen / Ingeborg Burkhardt 14.07.2018

Wenn einst die Ehinger Katholiken zur Wallfahrt auf den Frauenberg pilgerten und auf dem Weg durch Neudorf hindurch ihre Kreuze und Fahnen senkten, geschah es nicht zum Gedenken an die vielen Menschen, die in der Nähe hingerichtet wurden, sondern weil sie nur so das lutherische Gebiet von Rottenacker passieren durften, sagt Dr. Winfried Nuber aus Munderkingen. Er hat das dunkle Kapitel der Gerichtsbarkeit in Munderkingen aufgearbeitet.

In Archiven, Pfarrbüchern und Sterberegistern fand der Historiker bei seinen Forschungen für sein Munderkinger Heimatbuch Hinweise, dass am Ehinger Weg, wie die Verbindungsstraße zwischen Neudorf und der Stadt früher hieß, viele zum Tode verurteilte Menschen hingerichtet wurden. Daran erinnern heute die Flurnamen „Hochgericht“ und „Alter Galgen“ sowie das so genannte Wallenkreuz.

Es ist, wie es auf der Homepage des Schwäbischen Heimatbundes über dem Kapitel Kleindenkmale steht, „ein Lesezeichen der Geschichte“. Vor 20 Jahren hatte Nuber bei der Vereinigung der Handwerkerzünfte, die sich der Kleindenkmale auf der Gemarkung der Stadt annimmt, gebeten, anstelle eines abgegangenen Wallenkreuzes auf der Anhöhe am Weg zum Rottenacker Teilort Neuburg eine neue Gedenkstätte zu schaffen. Die „Vereinigten Zünfte“, wie sich der mehr als 450 Jahre alte Bund nennt, folgten der Anregung. Sie ließen einen alten Grabstein umarbeiten, widmeten die Gedenkstätte den drei 1535 wegen mehreren Diebstählen zum Tode am Strang verurteilten und hingerichteten Wallen/Welschen Hanns Boys, Jakob von Mömppelgat und Hanns Biog.

Die „armen Kerle“, die aus Frankreich und Belgien kamen, hatten auf ihrer Wanderschaft  aus Scheunen Butter, Brot, Schmalz und einmal auch ein Kalb gestohlen, bevor sie irgendwann in Munderkingen ankamen. Hier wurde das Trio festgenommen, mit den Fremden kurzer Prozess gemacht.

Drastische Strafen drohten

„In Munderkingen war man bei Urteilen oft nicht zimperlich“, hat Nuber bei seinen Recherchen festgestellt. In der vorderösterreichischen Donaustadt gab es, wie in Wien, Jahrhunderte lang auch ein dunkles Kapitel der Geschichte. Hier nutzten die Schultheißen und Ratsherren das ihnen zugesprochene Recht zu richten. So hatten Menschen, denen Vergehen vorgeworfen wurden, mit drastischen Strafen zu rechnen. Sie wurden mit Stockschlägen bestraft, an den Pranger gestellt oder zum Tode verurteilt. Frauen, die als Hexen bezeichnet und angeprangert wurden, starben auf der Anhöhe hinter dem Wallenkreuz auf dem Scheiterhaufen. „Gnädigerweise“ wurde manchmal gestattet, dass den Verurteilten ein Säckchen Pulver um den Hals gebunden wurde, damit sie schneller von ihren Qualen erlöst seien, wie Anmerkungen in den Dokumenten belegen.

Die Herren Truchsess von Waldburg, an die die Stadt ab 1394 verpfändet war, hätten sich kaum um den Umgang mit der Rechtsprechung in den vorderösterreichischen Donaustädten gekümmert, zumal drastische Strafen bei den Habsburgern bis Ende des 18. Jahrhunderts gängige Praxis gewesen seien, sagt Nuber.

Erste Hinweise auf Hinrichtungen in Munderkingen gebe es schon bevor Kaiser Friedrich I. der Stadt die Hochgerichtsbarkeit verliehen hatte, die bis ins 18. Jahrhundert ausgeübt wurde. Wie viele Menschen in dieser Zeit am Galgen oder auf dem Scheiterhaufen starben, lasse sich nicht mehr lückenlos verfolgen, sagt Nuber.

Bezichtigt, Hexen zu sein

Die beiden letzten Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen fanden im Februar 1754 und in den 1780er Jahren statt. Es waren zwei Bürgerinnen, die bezichtigt wurden, Hexen zu sein. Erstere war die „schöne Frau eines wohlhabenden und angesehenen Bürgers“ gewesen. Ihr Ehemann hatte sie als Hexe bezeichnet, weil sie nachts öfters „das Ehebett verlassen hat“. Bei seinen Freunden im Rat der Stadt hatte er Unterstützung gefunden und so wurde die Frau zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die letzte als „Hexe“ Verurteilte war eine 20-jährige Dienstmagd aus einem Metzgerhaushalt. Die arme Frau hatte ihr Kind nach der Geburt umgebracht, wie im Urteil steht. Mit der Hinrichtung der jungen Frau endete in Munderkingen das dunkle Kapitel der Geschichte.

Die Scharfrichter Vollmer, die wegen ihres „unehrenhaften Berufs“ außerhalb der Stadtmauer in ihrem Haus lebten und ihr Amt stets vererbt hatten, gingen diesem seit 1799 nicht mehr nach. Johannes Vollmer habe sich „aber weiterhin Scharfrichter“ genannt, heißt es in einem Vertrag mit der Gemeinde Zwiefalten, in dem Vollmer das Amt des Kleemeisters bekam.

Straffall der drei Welschen

Die Akten zu dem Straffall der drei Welschen befinden sich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, im Privilegien-Buch und als Kopie auch im Munderkinger Museum. Es lautet wie folgt:

Urgicht dreier Wallen

Vergicht dreier Wallen, so anno 1535 zu Munderkhöngen mit dem Strang gerichtet worden sein, samt einem Schreiben für die Absolution. Als kurz verschiener Zeit unndter Tag durch glaublich Anzaigen und grundlicher Erfahrnus diese gegenwertigen Thäter mit Namen Hanns Boys von Elikurt (Elincourt), Jakob von Mömppelgart (Monbeliard) und Hanns Biag, ein Franzos 12 Meil Wegs hinder Paris bürtig. In meiner Herrn Amann Bürgermeister und Rath dieser Statt Fänggnuß komen seind unnd darinnen aus aignem Mund bekhant haben wie hernach folget:

Des ersten hat er Hanns Boys sich bekhant, er habe selbdritt auf Bewegens des Hungers bey Straßburg selbst ein Kalb fanghen und dasselb essen. Am bednen haben sich alle drey bekhant, sie haben zue Eindueren [?] benachtet, ein Speicher aufgebrochen und daraus gestohlen 8 Batzen, 2 Laib Broth, etlich Schmalz, Ayer und Garn. Zu dem dritten haben sie sich alle einhelliglich bekhant, sie haben derselbigen Nacht zue Endüren [?] einem Bauren Theiß Bomers genannt, noch uber ein Speicher gebrochen, darin 4 Trög aufgethan, daraus gestohlen ungefehrlich bej 300 fl an Gold und allerley Münz. Darzue etlich Silber, Pater Noster und ander dergleichen Gleinecker . . .

Darumb unnd uff solches habent die Richter bey Ihren Ayden uff der genannten armen Männer hiezu gegen bekhantlich Urgicht und nach kayserlich Freyheit uff des Amanns Umbfragen mit der Urtel zue Recht erkhant und gesprochen, dass diese armen Thäter mit ihr Übelthät ihr Leben verwürkht haben und sie …. Gebunden sollen zu der gewohnlich Richtstatt ziehen, mit dem Strang zwischen Himmel und Erden an den …. Galgen henckhen, daran vom Leben zu Tod richten, als des s:Heilig-en Reichs gebührt . . . bu

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