Außerordentliche Situationen erfordern außerordentliche Entscheidungen. So formulierte es Bischof Dr. Gebhard Fürst am Montag in einer Videoansprache. Und tatsächlich – der mehrmals wöchentlich tagende Krisenstab um den Bischof hat für die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart, und damit auch für den Raum Ehingen, zum Schutz vor dem Coronavirus Beschlüsse gefällt, die wohl ohne Beispiel sind. So sind alle Gottesdienste bis einschließlich 19. April abgesagt. Damit wird es an Palmsonntag, in der Karwoche und sogar an Ostern, dem wichtigsten Fest des Kirchenjahres, keine Eucharistiefeiern geben.

Sonntagspflicht aufgehoben

Auch die Sonntagspflicht hebt der Bischof auf – also die Verpflichtung eines jeden Gläubigen, an Samstagabenden oder an Sonntagen eine Messe zu besuchen. Taufen und Hochzeiten werden abgesagt, Beerdigungen sollen nur noch im kleinsten Kreis stattfinden, Trauerfeiern und Requien werden nachgeholt. Auch die für April geplanten Feiern zur Erstkommunion finden nicht statt, sie werden auf die Zeit nach den Sommerferien verschoben. Ebenso werden die Firmungen auf Herbst und das kommende Frühjahr verlegt.

Verbot zuvorgekommen

Geschlossen hat jetzt auch das Sekretariat der Seelsorgeeinheit Ehingen-Stadt. Die Diözese kam mit den Absagen der Gottesdienste einem Verbot des Staates zuvor. Das Verbot von Versammlungen gilt für alle religiösen Stätten, also auch für Moscheen und Synagogen. Die katholischen Kirchengemeinderats- und Pastoralratswahlen am kommenden Sonntag werden zwar stattfinden – aber ausschließlich als Briefwahl. Die Wahllokale bleiben geschlossen. Dabei werden zwei Fälle unterschieden – bei einem Fall ist die Frist zur Abgabe verlängert worden (siehe Info).

Es herrscht Klarheit

Für Harald Gehrig, den leitenden Pfarrer der katholischen Seelsorgeeinheit Ehingen-Stadt, ist die Entscheidung der Diözese zwar schmerzlich. Andererseits ist er froh, dass jetzt Klarheit herrscht. Zu viele Fragen seien in den vergangenen Tagen offen gewesen. Die Mütter von Erstkommunionkindern wollten etwa wissen, wie es weitergeht, denn bald wären die Beichttage angestanden. Viele seien verunsichert gewesen. Sehr speziell seien auch die kirchlichen Feiern in den vergangenen Tagen gewesen. Einige Ältere seien dagewesen, die ja jetzt besonders geschützt werden sollen, sagt Gehrig. Jeder sei zusammengezuckt, wenn jemand gehustet habe. Die Konzentration habe darunter gelitten.

Pitour: „Blutigen Herzens“

Er füge sich „blutigen Herzens“ der Entscheidung, schreibt Pfarrer Dr. Thomas Pitour, Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit Munderkingen, im Kirchenanzeiger. Denn durch das Verbot der Gottesdienste könnten zwei Säulen des Glaubens nicht mehr ausgeübt werden: Die Verkündigung und die Liturgie, also die Feier des Gottesdienstes. Wichtig sei ihm, dass die Kirchen für das private Gebet zu den üblichen Zeiten geöffnet seien, schreibt Pitour. Darauf weist unter anderem auch die katholische Seelsorgeeinheit Schelklingen hin. „Wir bedauern diese Regelungen sehr, wollen aber gerne unsere Verantwortung in dieser besonderen Situation ernst nehmen“, schreibt das katholische Pastoral-Team aus Allmendingen.

Reusch bietet Spaziergänge an

Auch Pfarrer Jochen Reusch von der evangelischen Kirchengemeinde in Rottenacker weist auf der Internetseite der Gemeinde auf die Absage von Gottesdiensten, Taufen und Trauungen hin. Alle Termine und Veranstaltungen von Gruppen und Kreisen in der Gemeinde fallen aus, das Gemeindehaus und die Bücherei sind geschlossen. Aber auch Reusch weist darauf hin, dass die Kirche in Rottenacker täglich tagsüber geöffnet hat. Und er sei gerne bereit, Termine zu vereinbaren, um mit Menschen Zuhause, auf einem Spaziergang oder am Telefon ins Gespräch zu kommen.

Diözese setzt auf das Internet

Doch wie soll jetzt die Karwoche und Ostern ohne Gottesdienste gefeiert werden? Pfarrer Gehrig weist darauf hin, dass sich das Liturgie-Team der Diözese darüber Gedanken mache – und Angebote im Bereich der Medien anbieten will. Schon jetzt will die Diözese den sonntäglichen Gottesdienst in der Domkirche St. Martin in Rottenburg (Beginn 9.30 Uhr) live auf ihrer Homepage www.drs.de übertragen. Für die Karwoche und die Ostertage soll es dann weitere Lösungen geben, sagt  Gehrig.

Eine Hoffnung hat Gehrig im Übrigen noch: Die Krise könne, wenn sie denn einmal überstanden ist, vielleicht die Bedeutung der kirchlichen Arbeit bewusster machen.

Kirchengemeinderäte werden nur per Brief gewählt


Zwei Fälle Am kommenden Sonntag bleiben die Wahllokale für die Kirchengemeinderatswahl in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geschlossen. Es ist nur eine Briefwahl möglich. Dabei werden zwei Fälle unterschieden. In Gemeinden mit allgemeiner Briefwahl haben die Wähler ihre Briefwahlunterlagen bereits erhalten. Abgabefrist für die Wahlbriefe ist Sonntag, 22. März, 16 Uhr, im Briefkasten des jeweiligen Pfarramts.

Frist verlängert In Gemeinden mit Briefwahl auf Antrag – etwa in der Seelsorgeinheit Ehingen – werden die Fristen verlängert. Briefwahl kann in diesem Fall bis zum Freitag, 3. April, 12 Uhr beim jeweiligen Pfarramt beantragt werden. Abgabefrist ist dann Sonntag, 5. April, 16 Uhr.