Schlecker-Prozess Ex-Manager: Christa Schlecker hatte die Hosen an

Ehingen / Andreas Hacker 29.12.2017
Mit Gerhard Sauter äußert sich erstmals einer aus dem Kreis der früheren Direktoren über den Niedergang des Unternehmens.

Innenansichten eines Gescheiterten“ nennt das Manager Magazin seine Artikelreihe, mit der es nach den Urteilen gegen Anton, Lars und Meike Schlecker noch einmal zusammenfasst, wie der heute 73-Jährige sein Drogerie-Imperium ruiniert hat. Der Schlecker-Prozess, die Bewährungsstrafe für Anton Schlecker und die Haftstrafen für die beiden Kinder gehören in den Jahresrückblicken auf den Wirtschaftsseiten zu den vorherrschenden Themen. Mit ganz unterschiedlichen Interpretationen und Bewertungen, darunter so anklagende  wie ein Kommentar auf Spiegel Online, der Anton Schlecker vorwirft, durch die Abwälzung von Schuld seine Kinder geopfert zu haben.

In Ehingen ist der Schlecker-Prozess zwar mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt worden, aber eigentlich ohne öffentliche Debatte. Nur im Mai kam es zu einem der seltenen Momente, dass bei der Anhörung des früheren Schlecker-Vertrauten Reinhold Freudenreich im Ehinger Amtsgericht einer aus dem engsten Führungskreis Angaben machte über Internas aus dem Unternehmen und über sein Verhältnis zur Familie, ohne dabei aber Einzelheiten über das zu nennen, was 2009 zum Zerwürfnis mit Anton Schlecker geführt hatte. Ansonsten aber blieb es in Ehingen auffällig ruhig, was von vielen damit erklärt worden ist, dass viele bis in die letzten Jahre von 2010 bis 2012 auf vielfältige Weise mit diesem Unternehmen verbunden waren.

Nun hat sich im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE Gerhard Sauter zu Wort gemeldet, einer aus dem Kreis der einflussreichen Direktoren. Er war von 1959 bis 1987 bei Schlecker tätig und dort zuletzt verantwortlich für die Gesamtlogistik und die Warenhäuser, ehe er nach einer Auseinandersetzung mit Christa Schlecker vor 30 Jahren das Unternehmen verlassen hat. Es sei schwer erträglich, sagt der heute 74-Jährige, die Berichterstattung in den Medien über Schlecker zur Kenntnis zu nehmen. Oftmals unsachlich, manchmal mit Häme und ohne viel Hintergrundwissen werde von selbsternannten Kennern vieles „zusammengemodelt“, werde  ab­geschrieben oder kolportiert.

Ohne Weitblick und Empathie

Was Sauter vor allem aber kritisiert ist die Tatsache, dass „die ganze große Verantwortung“ von Christa Schlecker, führungstechnisch wie menschlich gesehen, völlig unterbeleuchtet bleibt. „Es ist schon eine Meisterleistung der Anwälte, Christa Schlecker von diesem Prozess gegen eine kleine Geldbuße zu entlassen. Wenn jemand die Internas bei der Firma Schlecker gekannt hat, dann wusste er sehr schnell, wer eigentlich dort mit die Führungshosen anhatte. Allerdings ohne den notwendigen unternehmerischen Weitblick und ohne die echte, oder wenigstens zweckmäßige und dem Unternehmenserfolg dienende Empathie für die Angestellten.“ Und das hatte nach Ansicht Gerhard Sauters weitreichende Folgen: „Natürlich färbt das auf die Führungskräfte in nicht gerade positiver Weise ab.“  Christa Schleckers Stil habe mehr oder weniger auch von denen gelebt werden müssen. „Was Frau Schlecker stets verkörperte, war zum Beispiel sinngemäß die Aussage: Wissen die eigentlich, wer ich bin??!! Absolut reiner Standesdünkel in einer äußerst unangenehmen Art. Ganz im Gegenteil zu Frau Schlecker senior, die mit ihrer menschlichen Art viele von uns überzeugt und motivierend beeinflusst hatte. Sie war ein Teil der alten Firma und sie hat diese als Anker und Leitfigur mitgeprägt.“ Viele Ehinger sehen das bis heute so, meint Gerhard Sauter. Er unterscheidet deshalb zwischen alter und neuer Firma. Er erinnert sich gern an die Pionierzeit, in der auch Gerhard Sauters Vater für Schlecker gearbeitet hatte. Alle, ob Führungskraft oder sonstige Mitarbeiter, hätten sich fürs Unternehmen eingesetzt. „So gut wie alle haben sich mit dieser Firma persönlich voll identifiziert.“ Es sei fast keine Überstunde abgerechnet worden; dass es vorwärts und aufwärts ging, „war für uns alle Lob und Dank genug“.

Das hat sich geändert, schildert Gerhard Sauter. „Die schiere Größe, der Gesamtumsatz, stand im Fokus“, schreibt Sauter, der „eine mehr als ungesunde Expansion“ beklagt. „Hohe Umsätze, damit auch mehr Rückvergütungen, Werbekostenunterstützungen und bessere Einkaufspreise waren offenbar die wichtigsten und entscheidenden Ziele.“

Was er bis heute nicht verstehen kann und es „unverzeihbar, ja fast arrogant“ nennt, ist das Ignorieren der immer stärker und vor allem besser und kundenfreundlicher aufkommenden Konkurrenz. „Wir hatten doch große Vorteile, aber nur in einer bestimmten Zeitspanne, und die wurden leider – unternehmerisch gewollt oder unfähigerweise – verschlafen und später durch unsinnige, von vornherein nicht zukunftsträchtige Filialeröffnungen gegen die Wand gefahren.“ Gerhard Sauters Fazit: „Viele tatkräftige Mitarbeiter haben der Firma Schlecker zur einstigen wirtschaftlichen Blüte verholfen. Und von ganz Wenigen ist diese blühende Zukunft der Firma einem Dauerfrost ausgesetzt worden.“

Die Kinder als Puffer

Mit Blick auf die verhängten Strafen gehört Gerhard Sauter zu denen, die Bemerkungen widersprechen, dass die Jungen mehr Dreck am Stecken hätten als ihr Vater. „Nein, sage ich, es sind Kinder, die in einen Betrieb eingebaut wurden und später als eine Art Puffer für die Kommandozentrale gedient haben. Wer glaubt denn so was, dass sie das größte Strafmaß verdient haben, wer meint denn ernsthaft, dass irgendetwas ohne die Eltern verteilt worden ist? Da möchte ich Christa Schlecker gerne in Mithaftung sehen.“ Vielleicht im noch ausstehenden Zivilprozess vor dem Landesgericht Linz in Österreich. Dort fordert der Insolvenzverwalter der Schlecker-Nachfolgefirma Dayli 20 Millionen Euro Schadenersatz von Christa Schlecker und den beiden Kindern. „Das fällt ihr unter Umständen noch auf die Füße.“

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