Mit Josef Seibold kann man in eine Zeit abtauchen, die mit der aktuellen nicht mehr viel zu tun hat. Der Ehinger wurde als 14-Jähriger am Bahnhof als Reichsbahnjunghelfer eingestellt und erledigte einfache Hilfsdienste. „Wir Buben durften im Betriebsdienst gar nichts machen, sondern halfen nur im Verkehrsdienst“, erzählt der heute 91-Jährige. Josef Seibold fertigte Gepäck ab oder bediente die Sperre zum Bahnsteig.

Halbe Karten für die Kinder

Schon bei der Aufzählung der verschiedenen Beschäftigten am Ehinger Bahnhof kann man sich vorstellen, welchen Rang dieser Verkehrsknotenpunkt damals eingenommen hatte. „Wir hatten einen Bahnhofsvorsteher und dessen Vertreter“, berichtet Josef Seibold, der sich das genau aufgeschrieben hat. „Dazu kamen zwei Fahrdienstleiter, zwei Schalterbeamte und zwei Bahnhofsschaffner.“ Die Bahnhofsschaffner knipsten beispielsweise die Bahnsteigkarten ab. Ohne Bahnsteigkarte durfte man den Bahnhof gar nicht betreten. „Zehn Pfennige hat die gekostet“, erinnert sich der Senior, der bis zu seiner Pensionierung der Eisenbahn treu geblieben ist.

An die Zeiten der Edmondsonschen Fahrkarte, ein rechteckiger, hochkant beschrifteter graubrauner Pappdeckel, können sich vor allem ältere Menschen noch gut erinnern. Es gab die Karten bis in die 1980er Jahre mit Streifen für die erste und zweite Klasse. Und auch als halbe Karte für Kinder. Die Bahnsteigkarten und Fahrkarten wurden damals mit einer Art Lochzange als gültig abgeknipst und entwertet. „Deshalb gibt es ja den Spruch ‚Ohne Loch darf man nicht fahren’“, schmunzelt der Pensionär, der mit der Aufzählung des Personals noch lange nicht fertig ist. Denn der Ehinger Bahnhof hatte auch eine Güterabfertigung.

Fässer mit Kraut oder Hering

„Da brauchte man zwei Ladeschaffner, vier Weichenwärter und zwei Assistenten des Güterdienststellenleiters“, nennt Josef Seibold weiteres Personal. Täglich fuhren am Güterbahnhof private Rollfuhrunternehmer mit Pritschenwagen vor, die das Rollgut entgegen nahmen und mit ihren vorgespannten Pferden ausfuhren. Zum Rollgut gehörten größere Fässer mit Lebensmitteln wie Kraut oder Hering, aber auch Eisenwaren, die zur Eisenwarenhandlung Mantz gefahren wurden. Der Rollfuhrunternehmer wurde mit Rollgeld bar auf die Hand entlohnt.

Das große Personalaufgebot sei nötig gewesen, weil am Bahnhof von 5 bis 23.30 Uhr Betrieb war. Jeder Dienst arbeitete also in zwei Schichten. „Damals hatte der Bahnhof auch noch drei Gleise“, erinnert sich Josef Seibold. Dazu gehörten Vorsignale und Einfahrsignale, 13 einfache Weichen und drei doppelte Kreuzungsweichen. Auch Josef Seibold ging die Strecke ab und hatte bei Dunkelheit eine Karbidlampe dabei, die er heute noch aufbewahrt. Die Signallaternen seien mit Petroleum befüllt worden, erinnert er sich. Die Karbidlampen waren bis weit in die 50er Jahre geläufig. Die tragbaren Lampen wurden mit Calciumcarbid in kleinen Brocken befüllt. „Aus dem oberen Behälter tropfte da Wasser drauf“, erklärt Josef Seibold die Funktionsweise.

Im April 1944 ist Seibold als Bub zum Reichsarbeitsdienst einberufen worden. Im September 1944 musste er zur Luftwaffe, wurde in Ulm entlassen und lief wieder heim nach Ehingen. Gleich zog es den jungen Mann wieder an den Bahnhof, wo er bis 1961 beschäftigt war. Allerdings war der Zugverkehr nach dem Krieg nur marginal, denn der Zug sei immer bloß bis Rechtenstein gefahren, weil die Rechtensteiner Eisenbahnbrücke zerstört war. „Die hat man aber bald gemacht, auch die in Zwiefaltendorf“, sagt Josef Seibold, der 1962 als Rangiermeister nach Friedrichshafen ging und 1962 als Oberrangiermeister am Ulmer Bahnhof beschäftigt war. „Da war ich bis zur Rente.“ 1955 heiratete er seine Frau Maria.

Eine Kappe aus dem Bestand der Kleiderkasse der Bundesbahn hat er als Souvenir aus seinem Arbeitsleben aufbewahrt. Außerdem sammelte er leidenschaftlich Spielzeug- Lokomotiven und Wagen, die fein säuberlich aufgereiht in einer Vitrine in seinem Haus stehen. Eine richtige Eisenbahnanlage besaß der Ehinger nie. „Mein Vater hatte eine ganz kleine Eisenbahn, die nur im Ringa rum fuhr“, erinnert sich Josef Seibold, der sein Leben lang lieber mit großen Eisenbahnen auf Du und Du war.

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