Zehn Minuten Vom Leben am Bahnsteig

Warten auf den Zug am Bahnhof.
Warten auf den Zug am Bahnhof. © Foto: Johannes Maier
Ehingen / Johannes Maier 14.08.2018

Jeder, der im Laufe des Tages mit dem Zug zur Schule oder Arbeit pendelt, kennt die Abläufe am Bahnsteig in- und auswendig. Es sind diese immer gleichen Rituale, die einem auch an diesem Vormittag am Ehinger Bahnhof begegnen: Jeder der acht Wartenden sucht sich auf dem schätzungsweise 100 Meter langen Bahnsteig sein persönliches privates Plätzchen.

Das Ziel ist klar: Möglichst wenig Angriffsfläche für die prüfenden Blicke fremder Menschen bieten. Ein junger Mann nutzt dafür den Schatten, den der Süßigkeitenautomat wirft. Ein anderer tigert mit Kopfhörern im Ohr, tief in den Klängen der laufenden Musik versunken, den Bahnsteig auf und ab.

Hör mal wer da hämmert

Auch an dem am Eingang stehenden Ticketschalter herrscht, anders als auf dem Bahngleis, rege Bewegung: Ein Mann hämmert konzentriert seine Eingaben auf den Touchscreen ein, im zweiten Anlauf nimmt der Automat dann auch den angebotenen Schein. Rückgeld entnommen, Ticket eingesteckt – und der nächste bitte. Ein Paar startet den Fahrkartenkreislauf auf ein neues.

Nur noch acht Minuten warten, dann soll der Zug endlich seinen Weg hierher finden. Das ist zumindest die Hoffnung, die der Fahrplan bietet. Dann erklingen plötzlich Töne über den Lautsprecher, erstmals lassen die Wartenden ab von ihren Handybildschirmen, Ohrstöpsel werden aus den Ohren gezogen. Die Stimme des Bahnhofsvorsteher ertönt: „Der Zug fährt heute mit einer fünfminütigen Verspätung ein.“ Die Reaktionen der Wartenden am Bahnsteig reichen von vernehmbarem Seufzen bis zu kurzem Augenverdrehen. Die meisten tragen die Neuigkeiten aber mit Fassung.

Vermutlich sind es diejenigen, die regelmäßig die Bahnstrecke Ehingen–Ulm befahren. Ohne Verspätung geht da in der Regel nämlich gar nichts.

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