Islam Vielfältige Religion

In seinem zweiten, wieder gut besuchten Vortrag, gab Wolfgang Schwaigert einen Exkurs über die verschiedenen innerislamischen Strömungen.
In seinem zweiten, wieder gut besuchten Vortrag, gab Wolfgang Schwaigert einen Exkurs über die verschiedenen innerislamischen Strömungen. © Foto: Leonie L. Maschke
Ehingen / LEONIE L. MASCHKE 29.01.2015
Worin unterscheiden sich Sunniten und Schiiten? Sind Aleviten und Alawiten ein und dasselbe? Und wer sind die Jesiden? Wolfgang Schwaigert stellte die verschieden Gruppierungen im Islam in der VHS vor.

Nach seinem ersten viel beachteteten Vortrag, was es bedeutet, Muslim zu sein, gab Prof. Dr. Wolfgang Schwaigert aus Blaubeuren in seinem zweiten Vortrag im Franziskanerkloster einen Einblick in die verschiedenen religiösen Strömungen innerhalb des Islam.

Zuvor äußerte er aber noch seine Bedenken bezüglich aktueller politischer Kontroversen. So stimme er Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Aussage "Der Islam gehört zu Deutschland", die auch Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich wiederholte, nicht zu. "Die Muslime gehören zu Deutschland, ganz ohne Frage, aber nicht der Islam", sagte Schwaigert. "Das lassen unsere eigenen gesellschaftlichen Strukturen zu, außerdem ist der Islam eine internationale Religion, schon immer gewesen." Die Muslime in Deutschland müssten sich klar von der Gewalt, die im Namen ihrer Religion geschehe, abgrenzen, sonst drohe "eine Spaltung der Gesellschaft und noch mehr Zulauf für Pegida."

Gleichzeitig kritisierte Schwaigert die "unsägliche westliche Demokratiehörigkeit", die Kriegszüge wie in Afghanistan und im Irak möglich gemacht habe. In diesen Ländern herrschen Stammeskulturen, denen das westliche Demokratieverständnis nicht aufgezwungen werden könne: "Was der Westen dort verpasst hat ist, mit den Stammesführern ins Gespräch zu kommen und gemeinsam mit ihnen eine neue politische Struktur aufzubauen." Zugleich hätten die westlichen Staaten nichts gegen den Vormarsch des "Islamischen Staats" (IS) getan: "Ausgerechnet im 70. Jahr nach der Befreiung von Auschwitz sollten wir es besser wissen. Wir studieren doch nicht die Geschichte, um Fakten abzurufen, sondern um es besser zu machen."

Nach seinem gedanklichen Exkurs widmete er sich seinem eigentlichen Thema und stellte zunächst die zwei größten und bekanntesten Strömungen innerhalb des Islam vor: Die Sunniten, mit etwa einer Milliarde Anhängern, und die Schiiten, mit ungefähr 200 Millionen Anhängern. Die Trennung der beiden Gruppen geschah in der Frühzeit des Islam und geht auf Ali zurück. Ali war ein Schwiegersohn Muhammads und sein vierter Nachfolger nach dessen Tod. Für die Schiiten, abgeleitet von "Schia Ali", der Partei Alis, ist er der einzige rechtmäßige Nachfolger, da er mit Muhammad verwandt war. Bei den Sunniten, abgeleitet von "sunna", dem Brauch, musste ein Nachfolger zwar aus Muhammads Familienstamm kommen, aber nicht mit ihm verwandt sein und durch einen Rat im Amt bestätigt werden. Diese Nachfolge der Kalifen erkennen die Schiiten nicht an. Da sie aber selbst keinen leiblichen Nachfahren Muhammads als Führer durchsetzen konnten, entwickelten sie eine geistliche Herrschaft, die Imamatslehre. Der zwölfte und letzte Imam ist demnach nicht gestorben, sondern nur entrückt und kehrt eines Tages als Messias zurück, um Gerechtigkeit über die Welt zu bringen. "Die Geschichte des Islam ist spanend bis zum letzten Detail", sagte Schwaigert begeistert.

Ein weiteres Augenmerk lag auf den kleineren, aber nicht weniger bedeutsamen religiösen Gruppierungen, wie beispielsweise den Aleviten. Bei diesen zweifelte Schwaigert jedoch an, ob sie wirklich Muslime seien. Auch die Aleviten gehen auf Ali zurück und verehren die zwölf Imame wie die Schiiten, fühlen sich jedoch nicht an die fünf Glaubenssäulen des Islam gebunden. Außerdem lehnen sie die Scharia, das islamische Recht, ab, haben eine eigene Koraninterpretation und Frauen und Männer beten gemeinschaftlich in cem evis, Gebetshäusern.

Schwaigert betonte, dass diese liberal-islamische Glaubensgemeinschaft nicht mit den Alawiten verwechseln werden dürfe, eine "auf sich selbst gerichtete" schiitische Strömung, der auch der syrische Präsident Baschar al-Assad angehört. Eine Konversion in diese Gemeinschaft ist nicht möglich, Alawit wird man durch Geburt. Ihre Lehre halten sie geheim. Sie haben eine Dreieinigkeit, ähnlich wie die Christen, und glauben an eine Seelenwanderung bei Männern, Frauen werden hingegen als seelenlose Wesen angesehen. Im Gegensatz zu den Sunniten lautet ihr Glaubensbekenntnis "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt, außer Ali", was Schwaigert zufolge "für die Sunniten Häresie sein muss."

Eine "traurige Bekanntheit" erlangten die Jesiden, die vom IS zu Tausenden aus ihrem Heimatgebiet im Irak vertrieben, entführt und getötet wurden. Die Jesiden repräsentieren die älteste Religion der Welt, in ihr würden sich nach Schwaigert auch "alle Religionen des Orients" mit ihren Ritualen wie etwa dem Fasten oder der Seelenwanderung treffen. Bei ihnen kümmern sich sieben Engel, die aus göttlichem Licht entstanden sind, um die materielle Welt, angeführt werden sie dabei vom Engel Pfau, Melek e-Tawus. Sie sehen sich als exklusive Gemeinschaft und auch bei ihnen gibt es keine Konversion.

Schwaigert sprach am Ende seines Vortrages seine Hoffnung aus, dass er den Besuchern die Vielfältigkeit des Islams näher bringen konnte. "Das Wichtigste ist, dass wir, die wir unterschiedliche Glaubensvorstellungen haben, einander begegnen und einander in unserer Unterschiedlichkeit achten und wertschätzen."

Flüchtlinge und Migranten

Mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen in der Region und ihrer Situation, aber auch mit Integration von Migranten, Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen vor Ort wird sich die SÜDWEST PRESSE in den kommenden Wochen verstärkt beschäftigen. Einmal wöchentlich beleuchten wir, wie das Zuwanderungsland Deutschland in der Region funktioniert.

 

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