Literatur Stilmittel Verwirrung

Peter Stamm bei der Lesung im Ehinger Buchladen.
Peter Stamm bei der Lesung im Ehinger Buchladen. © Foto: Christina Kirsch
Ehingen / Christina Kirsch 22.09.2018

Wenn man andere Menschen über ein Ereignis erzählen hört, bei dem man selbst dabei gewesen ist, kommt es einem manchmal so vor, als ginge es dabei um ein ganz anderes Geschehen. Und es kann sein, dass die gleiche Person die selbe Geschichte in ein paar Jahren wieder anders erzählt. Mit diesem Phänomen des Erinnerns, das Verwirrung stiftet und die Grenzen zwischen Wahrheit und Wirklichkeit verschwimmen lässt, spielt Peter Stamms neues Buch „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, das der Autor bei einer gut besuchten Lesung im Ehinger Buchladen vorgestellt hat.

Der 1963 geborene Peter Stamm ist Schweizer und sein Erstling „Agnes“ schaffte es zur Pflichtlektüre für Deutsch-Abiturienten in Baden-Württemberg. Diese Ehre schaffen nicht viele Schriftsteller zu Lebzeiten. Deshalb wurde der Autor an viele Gymnasien eingeladen. Dort sei immer wieder die Frage aufgetaucht, ob er nicht eine Fortsetzung der „Agnes“ schreiben könnte, erzählte der Autor im Ehinger Buchladen nach der Lesung. In gewisser Weise bestehen Ähnlichkeiten zwischen „Agnes“ und den Personen im neuen Roman, bestätigte Stamm. „Agnes“ erzählt vom Scheitern einer Liebe zwischen der Titelheldin und dem Ich-Erzähler, einem namenlosen Schweizer Sachbuchautor. Im jüngsten Buch heißt die weibliche Hauptfigur Magdalena, die der Autor durchaus in eine verwandtschaftliche Beziehung zu seiner Agnes setzt. Man weiß beim Lesen des Buches nicht, ob diese Magdalena real ist oder als Traumfigur erscheint. Zudem hat sie eine real wirkende Doppelgängerin namens Lena, die sich zu Beginn des Romans auf einem Friedhof im Süden Stockholms mit Christoph trifft. Der ehemalige Schriftsteller hat sie dorthin beordert und erzählt ihr seine Geschichte mit Magdalena, die Lenas Geschichte sehr gleicht.

Wie in „Agnes“ spielt ein Schriftsteller die Hauptrolle in dem Roman. Der Erzähler von Agnes ist Sachbuchautor, der Erzähler der „Sanften Gleichgültigkeit der Welt“ ist Schriftsteller. „Ich kenne beide Bücher“, meinte eine Zuhörerin nach der Lesung. Das neue Buch habe eine lebendigere Sprache. „Das liegt wohl daran, dass hier der Schriftsteller ein Romanautor ist“, erläuterte Peter Stamm. „Wenn Autoren über Leute Bücher schreiben, stehen da Sachen drin, die nicht stattfinden“, hielt Peter Stamm auch in Ehingen seine Geschichte im Unbestimmbaren. Er habe bis zum Schluss selber nicht ganz heraus bekommen, was Christoph von Lena will, gestand der Autor in einem Interview. Wie soll es dann der Leser erraten? Man muss sich in dem Roman von Anfang an damit abfinden, dass es keine Lösung, keine Logik, keine lineare Zeit und keine Eindeutigkeit gibt. „Ich fand das schwierig zu verstehen“, bekannte ein Zuhörerin. Zumal Peter Stamm ohne weitere erhellende Erklärungen einfach anfing, ab dem zweiten Kapitel seinen Text zu lesen und alles andere irgendwie im Raum stehen ließ.

In dem Roman scheint es um die Frage nach Individualität zu gehen. „Würde ich mich erkennen, wenn ich mir begegnete?“ könnte eine Frage sein, die als Quintessenz nach der Lektüre stehen bleibt. „Das Leben, das wir gelebt haben, ist in unseren Köpfen drin“, meinte Peter Stamm. Aber ist es das Leben, das wir real leben? Daran darf man wirklich zweifeln, wenn andere Menschen eine andere Version des eigenen Leben erzählen. In diesem Sinn ist Peter Stamm ein Meister des Vexierspiels und der Verwirrung.

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