Schüler-Workshop Klischees und Wirklichkeit von Sinti und Roma

Obermarchtal / Christina Kirsch 06.06.2018
In Workshops und einem Podiumsgespräch haben sich Schülerinnen und Schüler in Obermarchtal mit den Klischees und der Wirklichkeit von Sinti und Roma beschäftigt.

Ich hatte bisher kein klares Bild davon, was Sinti und Roma eigentlich sind“, meinte die Abiturientin Lea Craemer vom Obermarchtaler Studienkolleg nach dem interkulturellen Tag an der Schule. Mit einem Planspiel zu Menschenfeindlichkeit und insbesondere zum Antiziganismus, mit Interviews und der Analyse der Gypsy-Kultur, mit Workshops, einem Podiumsgespräch und einem abschließenden Konzert nahmen die Schüler Einblick in die Lebenswelt der Sinti und Roma.

Der Historiker Dr. Stephan Janker beschäftigte sich mit der Geschichte der Sinti- und Roma-Kinder der St. Josefspflege in Mulfingen. Die Kinder wurden in der katholischen Internatsschule erzogen, nachdem ihre Eltern 1938 nach Auschwitz deportiert wurden. Am 9. Mai 1944 wurden die 35 Waisen ebenfalls deportiert. Eine eindrückliche Ausstellung mit dem Titel „Typisch ‚Zigeuner‘“ warf einen Blick in die Vergangenheit. „Die Zigeuner wurden seit jeher von den westlichen Kulturvölkern als Landplage empfunden“, kommentiert 1955 Hans Wilden das Bundesentschädigungsgesetz, nach dem den Sinti und Roma die Anerkennung der rassistischen Verfolgung verweigert wurde. „Die den Zigeunern eigenen Eigenschaften (Asozialität, Kriminalität, Wandertrieb) gaben Anlass zu ihrer Bekämpfung“, steht in dem Kommentar. Ein Urteil des Bundesgerichtshof von 1957 spricht in Zusammenhang mit „Zigeunern“ vom ungehemmten Okkupationstrieb, wie er Urmenschen zu eigen sei.

Dotschy Reinhardt, eine Nachfahrin aus der Familie des Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, klärte darüber auf, „dass wir uns untereinander nicht Zigeuner nennen“. Der Begriff sei diskriminierend. Die in Ravensburg geborene und in Berlin lebende Sängerin und Buchautorin ist Vorsitzende des Landesrates der Roma und Sinti Berlin-Brandenburg und fordert unter anderem, „dass die Lebensmittelindustrie umdenken muss“. Ein Zigeunerschnitzel sei genau so diskriminierend wie ein Negerkuss. Ihr Engagement gegen die Verbreitung von Klischees und der Verrohrung der Sprache sei von positiver Wut getragen, meinte die Rednerin.

Die Schulleiterin Christine Götz fragte die Sinti nach ihren Ausgrenzungserfahrungen. Er habe als Kind keine Lust gehabt, die Schule zu besuchen, „weil ich jeden Tag beschimpft wurde“, berichtete Aaron Weiß, der als Musiker und Dozent an der Hochschule Mannheim arbeitet. Der Musiker hat sich entschieden, in die Öffentlichkeit zu treten, um die Geschichte seiner Volksgruppe bekannt zu machen.

Auch Tiffany Grünholz, die einem Roman Power Club angehört, erzählte, dass sie sich früher selber stigmatisiert habe. „Ich kann das nicht“, zog sich durch ihr schulisches Leben. „Wir wollen, dass auch Sinti und Roma eine erfolgreiche Schulausbildung haben“, meinte Natalie Reinhardt vom Sinti Powerclub in Baindt bei Ravensburg.

Alle Podiumsteilnehmer riefen die anwesenden Schüler und Lehrer auf, keine Kollektivmeinungen zu vertreten, nicht von einem Negativbeispiel auf andere Sinti und Roma zu schließen und undemokratischen Bewegungen wie der AfD keinen Raum zu geben. Das Obermarchtaler Studienkolleg bietet jedes Jahr einen interkulturellen Tag an, „um über den Tellerrand hinaus zu schauen“, meinten die Organisatoren Christine Götz und Akademieleiter Dr. Berthold Suchan. „Das war bei mir bisher ein blinder Fleck“, sagte am Schluss eine Schülerin.

Das Gypsy-Jazz-Trio „Die Drahtzieher“ setzte dann am Abend mit einem Konzert im Spiegelsaal den musikalischen Schlusspunkt unter den interkulturellen Tag am Obermarchtaler Studienkolleg. Mit Eigenkompositionen und Titeln von Django Reinhardt entführte das Trio lässig swingend in Geschichten von Lebensfreude, Liebe und Freundschaft. Als Komponist sieht sich der Gitarrist David Klüttig in der Tradition der Gypsy-Ensembles und spielte wie seine Kollegen Bobby Guttenberger an der Rhythmusgitarre und Kolja Legde am Kontrabass die schwierigsten Läufe mit Leichtigkeit.

Ein Walzer zum Träumen

Man hörte Django Reinhardts „Swing ‚48“, das der Virtuose 1948 geschrieben hatte. Mit „Tres Notas“ erklang ein Bossa Nova von Vincente Amigo, bei dem die Füße der Besucher im gut besuchten Spiegelsaal zu wippen anfingen. Süffig und verführerisch spielte das Trio einen Musette-Walzer zum Träumen. Als special guest des Abends trat die Sängerin Dotschy Reinhardt auf die Bühne. Der jüngste Spross aus der Familie des Jazz-Gitarristen Django Reinhardt sang in Romanes, der Sprache der Sinti und Roma. Auch den bekannten Titel „The Girl of Ipanema“ hatte die engagierte Verfechterin der Menschenrechte in Romanes übersetzt. „Denn das Girl von Ipanema ist für uns der Junge vom nächsten Wohnwagen“, meinte die Sängerin.

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