Landwirtschaft Hühnermobil: Sommerfrische im Grünen

Schlechtenfeld / Christina Kirsch 04.06.2018
Familie Braig in Schlechtenfeld hat sich ein Hühnermobil angeschafft. Die Legehennen picken im grünen Gras.

Morgens um 4 Uhr geht das Licht an. Dann gehen die Hühner der Familie von Franz Braig in Schlechtenfeld an die Arbeit. Sie verlassen die Schlafstange und marschieren in das Legenest. Dort tun sie das, womit sie sich ihr Leben im Grünen verdienen. Sie legen ein Ei. „Ab 10 Uhr machen wir den Stall dann auf und die Hühner dürfen raus“, sagt Franz Braig, der sich einen mobilen Hühnerstall zugelegt hat.

Das Hühnermobil steht derzeit auf der Wiese an der Straße und tagsüber herrscht hier geschäftiges Scharren und Treiben. Vier Gockel krähen ab und zu. Pflichtbewusst gehen sie ihrer Aufgabe nach und bewachen die Hühner, wenn ein bedrohlicher Schatten über den mobilen Stall fliegt. Dem etwas kleinen Hirn der Hühner und Gockel ist es dabei geschuldet, dass sie keinen Unterschied zwischen einem Milan und einem Segelflugzeug machen. Kommt der Schatten, verschwinden die Hühner in aller Eile unter ihr Mobil und die Gockel postieren sich in den vier Himmelsrichtungen des abgezäunten Geheges. Als Wachposten richten Gockel eigentlich nicht viel aus und im Ernstfall geht es ihnen an den Kragen, aber die Hühnernatur hat es nun mal so angelegt, dass die Männer die Aufpasser und Chefs sind.

Seit diesem Jahr haben sich Waltraud und Franz Braig das Hühnermobil zugelegt. Was von außen ziemlich solide und einfach aussieht, ist in Wirklichkeit ein Hightech-Wohnhaus für Federvieh. Die gackernden Damen leben dort klimaneutral und autark. Auf dem Dach gibt es Solarzellen und das Licht geht automatisch an und aus. Auch die Legenester öffnen sich erst, wenn die Automatik es will. Sonst würde ein Huhn die Gunst der Stunde nutzen und sich auch tagsüber auf die faule Haut legen, was aber vom Menschen nicht erwünscht ist. Nach getaner Legearbeit sollen die 340 Hühner im Gras picken, trinken und sich für das nächste Ei stärken.

„Hühner sind gerne an der frischen Luft“, sagt Waltraud Braig. Da ähneln sie den Menschen. „Sie genießen Staub- und Sonnenbäder“, meint die Schlechtenfelderin. Das ist der Unterschied zum Menschen, der ein Sonnenbad dem Staubbad eindeutig vorzieht. Hühner reservieren sich ihren Liegeplatz aber auch nicht mit Handtüchern, obwohl man auf der Braig’schen Wiese durchaus beobachten kann, dass das Gerangel um besonders kuschelige Sonnenplätze groß ist. Aber was soll man in seiner Freizeit auch tun? Ein bisschen Streit mit der Nachbarin rückt das soziale Gefüge wieder zurecht und sichert den Platz auf der Schlafstange.

Alle sieben Tage Platzwechsel

Das Hühnermobil ist ein vollautomatischer Stall, der alle sieben Tage den Platz wechselt. „Hühner kratzen sonst den Boden bis zur Grasnarbe ab“, meint Franz Braig junior, dem es obliegt, sich um die Technik und um die Eierentnahme zu kümmern. Die Eier purzeln automatisch aus dem Legenest und können unter einer Klappe von außen entnommen werden. „Wir verkaufen die Eier in unserem neuen Verkaufshaus im Regiomat“, erklärt Waltraud Braig. Das Verkaufshäuschen steht erst seit einer Woche und funktioniert wie ein Fahrkartenautomat. Man wirft Geld ein oder schiebt einen Schein durch den Schlitz, wählt die Nummer des gewünschten Artikels und bekommt frische Eier, Wurst, Grillfleisch oder Honig. Der Automat wechselt auch. Das Grillfleisch stammt vom Ehinger Bauer Wolfgang Gölz, der auf seinem Hof in der Biberacher Straße auch so einen Automaten stehen hat.

Waltraud Braig verkauft zudem auf dem Ehinger Wochenmarkt Eier und Kartoffeln. Die Braig’schen Legehennen kamen im Alter von 18 Wochen auf den Hof und bezogen das Hühnermobil. Nach eineinhalb Jahren endet ihr Leben und sie landen als Suppenhuhn im Kochtopf. Bis dahin könnten sie mit ihrem sauberen und glänzenden Gefieder jeden Schönheitswettbewerb gewinnen.

Möglicherweise ist auch schon der Milan auf die Hühnerschar aufmerksam geworden. Doch in der Wiese liegen hochglanzpolierte Stahlkugeln, die den Hühnern nicht als Kunst am Bau dienen, sondern den Hühnerjäger abschrecken sollen. „Ein Milan fliegt seine Beute nie zu zweit an“, erklärt Franz Braig. Wenn solch ein Raubvogel jedoch über der Hühnerwiese kreist, spiegelt sich sein Ebenbild in der Metallkugel. Der Milan muss annehmen, dass es ein Artgenosse ebenfalls auf die Hühner abgesehen hat und dreht wieder ab. Bis jetzt hat der Trick mit dem Spiegelbild gut funktioniert.

Tagsüber Strom im Zaun

Auch Fuchs und Marder haben in dem Gehege und Stall noch nicht ihr Unwesen getrieben. Tagsüber ist ohnehin Strom auf dem Elektrozaun und abends geht jedes Huhn gerne in den Stall. Das Hühnermobil ist eine große Investition, mit der Braigs sehr zufrieden sind. Bei einem stationären Stall sehe der Auslauf schnell unansehnlich aus, meint Waltraud Braig. Der Kot der Tiere überdünge das Erdreich des stationären Auslaufs und es könnten sich dort Krankheitserreger vermehren. Der mobile Hühnerstall fährt einfach auf die nächste Wiese und die Hühner verbringen ihre Sommerfrische stets im Grünen.

Wenn eine Hühnergeneration ihre Arbeit getan hat, wird das Hühnermobil gründlich gereinigt, desinfiziert und von der nächsten Generation bezogen. Bei sehr strengen Außentemperaturen im Winter steht der Stall bei Braigs im Gewächshaus. Doch bis dahin ist erst einmal Sommer angesagt. Der lässt sich als Braig-Huhn in Schlechtenfeld unter einem ausladenden Obstbaum genießen. Nur wenn Franz Braig mit Körnern oder frischen Salat kommt, muss man sich sputen. Sonst haben einem die gefräßigen Kolleginnen wieder alles vor der Nase weggepickt.

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