Wohnen Seit 60 Jahren in ein und derselben Wohnung

Heute feiert  Hildegard Pelekies ihren 86. Geburtstag. Seit 60 Jahren lebt die Ehingerin, die einst aus Königsberg in den Westen floh, in der gleichen Wohnung an der Keltenstraße.
Heute feiert  Hildegard Pelekies ihren 86. Geburtstag. Seit 60 Jahren lebt die Ehingerin, die einst aus Königsberg in den Westen floh, in der gleichen Wohnung an der Keltenstraße. © Foto: Christina Kirsch
Ehingen / Christina Kirsch 23.01.2019

Wenn man Hildegard Pelekies erzählen hört, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Seit 60 Jahren lebt die Ehingerin in einer schönen Dreizimmer-Wohnung, ihre Kindheit jedoch hat sie in Baracken verbracht.

Hildegard Pelekies kommt aus Ostpreußen und lebte mit ihren fünf Geschwistern von 1945 an in einem Lager unter sowjetischer Verwaltung. „Mein Vater war im Krieg verschollen und meine Mutter starb im Lager“, erzählt die Seniorin. Sechs Kinder standen ohne Eltern da. Die 13-jährige Hildegard war die Zweitälteste und ging mit ihrem fünfjährigen Bruder zum Betteln. Die Kinder hungerten ständig, litten an der Krätze. Hildegard riss von umliegenden Scheunen Bretter ab, um den Ofen ihrer Baracke zu befeuern. Im Lager seien viele Kinder gestorben, andere wunderten sich, „dass die Pelekies immer noch leben“.

Als die Möglichkeit bestand, nach Litauen zu gehen, „haben wir unsere kleinste Schwester auf dem Markt an eine Bauersfamilie verschenkt“. Die Geschwister sahen die Dreijährige bei Bauern besser versorgt. Das Rote Kreuz fand in den 50er Jahren das Mädchen und brachte es wie ihre Geschwister schließlich in die Bundesrepublik.

Hildegard Pelekies fand als 14-Jährige in einem litauischen Haushalt Arbeit, mit 15 lernte sie ihren späteren Mann kennen. „Der war ein Draufgänger und fünf Jahre älter als ich.“ Bei ihm habe sie sich versorgt und beschützt gefühlt, was als Grund für eine Heirat ausreichte. Mit 17 war Hildegard Pelekies schwanger, 1950 heirateten die beiden. Im gleichen Jahr kam Sohn Lothar auf die Welt. Die Familie lebte in Heydekrug, dem heutigen Šiluté im westlichen Litauen. „Dann hat der Adenauer 1958 die letzten Deutschen aus Ostpreußen rausgeholt.“

Alle Stellen abgeklappert

Die Eltern ihres Mannes stammten aus Deutschland und als der Nachweis erbracht war, dass die Pelekies’ „echte“ Deutsche sind, kamen sie ins Auffanglager nach Friedland. Dort habe man gefragt, welche Berufe die Männer erlernt hatten, „und weil der Schlecker Metzger suchte, sind wir zuerst nach Biberach in ein Lager gekommen“. Ihr Mann Paul wohnte mit Arbeitern in Ehingen in einem Zimmer, arbeitete täglich zwölf Stunden in Schleckers Metzgerei und kam am Wochenende zur Familie nach Biberach.

Die patente Mutter beschloss, dass man sich in Ehingen eine Unterkunft suchen müsse und klapperte alle Stellen ab. „Der evangelische Pfarrer  wusste dann, dass hier was gebaut wird.“ Der Block der Genossenschaft für Wohnungsbau Oberland (GWO) an der Keltenstraße war das erste Haus in dem Viertel, „wir sind 1958 in den Rohbau eingezogen“. Die Familie war der erste Mieter, erzählt die Seniorin. „Drumherum waren nur Äcker.“

Wieder musste Hildegard Pelekies Brennholz im Wald sammeln, diesmal mit ihren Kindern. „Aber die Wohnung war ein Paradies, wir hatten sogar eine Toilette.“ Bis dato kannte sie nur Plumpsklos. Es war allerdings in den Anfangsjahren nur ein Zimmer heizbar, dort hielt sich die fünfköpfige Familie meist auf.

Die Dreizimmer-Wohnung kostete 84 Mark Miete und auch heute wohne sie noch günstig. Für die Familie ging es aufwärts, weil ihr Mann jeden Tag ein Stück Wurst vom Schlecker heim brachte. Die ersten Möbel kaufte die Familie auf Kredit bei Möbel Decker, von der Caritas gab es fünf Zentner Briketts. Es habe ein paar Jahre gedauert, bis es Elektrizität im Haus gab, sagt die Mieterin. Als die Zentralheizung eingebaut wurde, gaben Pelekies dafür einen Kellerraum her.

Gute Hausgemeinschaft

Als älteste Bewohnerin hat sie viele Mieter kommen und gehen sehen und lobt die gute Hausgemeinschaft, aus der auch Geburtstagsgäste – Hildegard Pelekies feiert heute ihren 86. Geburtstag – zu Besuch kommen.

20 Jahre arbeitete sie bei „Wasser und Wärme“, einer Firma, die es heute – wie das Ehinger Möbelhaus Decker – nicht mehr gibt. Als Rentnerin war sie vier Jahre in Schloss Mochental, wo sie als Bezahlung auch Bilder von Dorothea Schrade erhielt.

Von ihren sechs Kindern leben noch zwei und ihr Mann Paul starb vor zwei Jahren. Hildegard Pelekies freut sich, dass sie in einer warmen Wohnung wohnt, in der nichts daran erinnert, welches Schicksal sie einst nach Ehingen führte.

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