Schnitzen als Balsam für die Seele

Bildhauer Wolfgang Schaller mit Schüler Marius Maucher.
Bildhauer Wolfgang Schaller mit Schüler Marius Maucher. © Foto: Beate Reuter-Manz
BEATE REUTER-MANZ 09.06.2016

Seit 2005 bietet Wolfgang Schaller aus Dietenheim über die Volkshochschule im Alb-Donau-Kreis vier Mal im Jahr Bildhauer-Kurse an - vornehmlich zum Werkstoff Holz. Zu dem freischaffenden Künstler im alten Bauernhaus im Dietenheimer Flutenwinkel kommen Interessierte aus der Region - die jüngste Teilnehmerin bisher war gerade 9, der älteste 80 Jahre alt.

Manche haben noch nie ein Schnitzmesser in der Hand gehalten, erzählt der 60-Jährige. Andere haben mehr praktische Erfahrung, bringen Vorlagen und Bilder davon mit, was sie in den sechs Kursabenden schaffen möchten. Willkommen sind beide: "Es ist schön, wenn man etwas weitergeben kann", sagt der Dozent, schöne Freundschaften hätten sich durch die VHS-Kurse entwickelt.

Es ist der letzte von sechs Abenden im zweiten Frühjahrs-Kurs 2016. Zwei Fensterbänder erhellen die vier Meter hohe Werkstatt. An sechs Schnitzböcken wird konzentriert gearbeitet, während draußen der Regen an das braune Tor der Scheune trommelt, wo Schallers zwei Reitpferde stehen. Marius Maucher hat sich den größten Holzklüpfel geholt, den er im Atelier finden konnte - wer saubere Oberflächen bekommen will, braucht Schnitzeisen in unterschiedlichen Stichformen und -breiten, von 1 bis 60 Millimeter. Ecken, Kanten, Flächen, Wellen oder komplexe, faltenreiche Motive benötigen spezielle Werkzeugformen. "Je mehr Schnitzeisen der Anfänger zur Verfügung hat, desto mehr kann er ausprobieren", erklärt der Dozent.

Maucher ist kein blutiger Anfänger. Am Ende seines ersten Kurses stand ein formvollendeter Bison, 20 Zentimeter hoch. "Der Junge hat Talent", bestätigt sein Lehrer. Der junge Dietenheimer, der als technischer Zeichner arbeitet, benötigt den schweren Klüpfel, weil er sich bei seinem zweiten, einem abstrakten Werk, mit hartem Kirschbaumholz abmüht. "Puh!", sagt der 24-Jährige und schwingt erneut den Hammer, um ihn zielsicher auf das Heft des Schnitzmessers fallen zu lassen. Das geht auf die Oberarme.

Vom Rohling bis zur Skulptur: "Es ist eine Herausforderung, das Wesentliche herauszuarbeiten - bei abstrakten wie bei gegenständlichen Objekten", kommentiert der Lehrer das Objekt von Schüler Maucher, das sich an "Drei Punkte" des englischen Bildhauers Henry Moore anlehnt. Wie erkennt man das Wesentliche? Wie erfasst man Dynamik, die richtigen Proportionen? "Man muss das Sehen lernen", bringt es Schaller auf den Punkt. Er selber hat es in intensiven Naturstudien gelernt. Schönheit, Anmut, Kraft: Das sieht Schaller, der leidenschaftliche Reiter, in jedem Pferd.

Die Hobby-Bildhauer bei Schaller arbeiten in der Regel mit dem weichen und leicht zu bearbeitenden Lindenholz. Einsteiger starten mit einem Relief. Julia Hofmann hat mit Bleistift Ähren auf ihr rechteckiges Stück Lindenholz gezeichnet. Die Hintergründe hat sie bereits vertieft, nun ist die 25-Jährige dabei, Feinheiten herauszuarbeiten.

Grundsätzlich wird vom eigenen Körper weggeschnitzt, hat die Maschinenbau-Studentin gelernt. Und auch, in welchem Winkel sie das Eisen ansetzen, wie stark der Druck sein muss. Schaller spricht von einem Dialog mit dem Holz: Schicht um Schicht die Form herausarbeiten, alles sorgsam überlegen - und immer wieder alles überprüfen. Dennoch: Fehler dürfen sein. "Man muss sich was trauen und dann aus diesen Erfahrungen lernen", erläutert der studierte Bildhauer.

"Das beruhigt total. Die Zeit verfliegt nur so", beschreibt Julia Hofmann die intensiven abendlichen Stunden in der Werkstatt. Den Tipp bekam sie von der Mama, die Stammgast im Schallerschen Atelier ist. Die 25-Jährige rechnet nach: Zehn Kurse hat sie mindestens absolviert. Ihre "liegende Frau", gehalten in einer Einspannvorrichtung an der Werkbank, zeugt von der Erfahrung. "Da gibt es nichts mehr zu verbessern", sagt Schaller. Das gilt auch für die stehende Frauenfigur von Christa Erhart aus Illerrieden. Sie erhält gerade den letzten Schliff - im wahrsten Wortsinn. "Perfekt! Hier stimmt einfach alles", lobt Schaller. "Das Arbeiten hier tut in der Seele gut", sagt Erhart - das Lob aus fachmännischem Mund sicher auch.

Ausstellung in Marbach

Werdegang Wolfgang Schaller kam in der Werkstatt seines Vaters, des Holzschnitzers Hans Schaller, früh mit Bildhauerei in Berührung. Der Lehre in Oberammergau schloss sich 1973 das Studium für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart an. 1979 eröffnete er im Geburtshaus der Mutter in Dietenheim sein Atelier. Er ist Dozent der VHS Alb-Donau und im Kloster Roggenburg. Derzeit sind seine Werke am Haupt- und Landgestüt Marbach zu sehen.

Info www.bildhauer-schaller.de

SWP

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