Ehingen Schleckers letzter Verkauf

Ehingen / Bernhard Raidt/Stefan Bentele 28.11.2012
Endspiel bei Schlecker. Rund 700 Teilnehmer kommen zur Insolvenzversteigerung ins Zentrallager in Berg. Doch nicht jeder machte einen erfolgreichen Kauf. Für die Lagergebäude gibt es mehrere Interessenten.

„107. Akkuschrauber Bosch. 10 Euro. 20 Euro. Nummer 89“: Ein monotoner Singsang von Zahlen begleitete gestern die Abwicklung des einstigen Drogeriegiganten Schlecker. Im Zentrallager in Berg bot der Insolvenzversteigerer Holger Haun Maschinen, Werkzeug und Regale der Firma an.

Der Andrang war groß. Die Auktion begann kurz nach 10 Uhr in einem Teil einer Schlecker-Lagerhalle. Rund 700 Besucher hatten Mühe, Plätze auf den bereitgestellten Bierbänken zu finden. Auch der Parkplatz war voll – auffallend viele Auktionsbesucher waren mit Autoanhängern angereist, um die Ware gleich mitzunehmen. „Wir sind zufrieden mit dem Besucherzahlen“, sagt ein Mitarbeiter des Insolvenzversteigerers und blickt anerkennend in die Runde. „Bei rund tausend Artikeln brauchen wir auch so viele Kunden.“ Fast nur Männer waren zu sehen, manche waren gleich im Arbeitsoverall gekommen. Auch Schaulustige waren da – mit Handwurst und Bier, das in der Halle verkauft wurde, verfolgten sie interessiert die Versteigerung.

Zum Aufruf kamen Unmengen von Akkuschraubern, Winkelschleifern, Schlagbohrmaschinen, Fräsen, Werkbänke, Farbspritzmaschinen und Werkzeuge vieler anderer Handwerksbereiche. Mit 10 Euro startete jeweils die Versteigerung – nur selten wurde ein Preis über 60 oder 70 Euro erzielt. Trotzdem runzelte mancher Heimwerker die Stirn angesichts der Preise. „Da kommen ja noch die Gebühren drauf“, grummelte ein älterer Auktionsteilnehmer. „Da fahre ich doch leichter in den Baumarkt und kaufe ein neues Gerät samt Garantie.“ Tatsächlich verlangt der Insolvenzversteigerer 18 Prozent Aufpreis auf die erfolgreiche Gebotssumme, dazu noch 19 Prozent Mehrwertsteuer – manches vermeintliche Schnäppchen entpuppte sich so als gar nicht mehr so günstig. Zudem zweifelte doch der eine oder andere an der Qualität der gebrauchten Werkzeuge. „Mit denen ist zum Teil schon viel gearbeitet worden, die können auch schnell kaputt gehen.“ Dennoch steigerten die Teilnehmer eifrig, jeder Artikel erhielt am Vormittag mehrere Gebote.

Die Auktion müsse stattfinden, damit die Lager in Berg für den Verkauf geräumt seien, sagte Patrick Hacker, der Sprecher des Insolvenzverwalters. Es gebe Interesse an den Lagern, und zwar sowohl von regionalen Firmen, die Teilflächen nutzen wollten, als auch von Unternehmen aus dem Ausland. Diese möchten sich mit den Schleckern-Lagern einen Logistik-Stützpunkt in Deutschland sichern. Das alles werde derzeit geprüft. Noch unklar ist weiterhin auch, wie es mit der großen Schlecker-Hauptverwaltung in der Talstraße weitergeht. Dem Vernehmen nach hat die Familie Schlecker noch Räume im Gebäude vom Insolvenzverwalter angemietet. Anton Schlecker sei immer wieder vor Ort, fahre in die Tiefgarage, dann mit dem Aufzug nach oben in sein Büro und bearbeite dort die an ihn adressierte Post.

Im nahen Zentrallager spielt bei der Versteigerung das Schicksal Anton Schleckers allerdings keine Rolle. Es geht ums Geschäft und günstige Werkzeuge, viele Teilnehmer kommen von auswärts. Erstaunt war mancher Besucher darüber, was bei Schlecker alles selbst erledigt wurde. „Da hätte ich doch mal Fremdfirmen beauftragt“, sagte ein Handwerker bereits vorgestern, als er die Menge an Wasserrohren sah, die Schlecker auf Vorrat hielt. Teilweise arbeiteten die Firmenhandwerker wohl auch für Schlecker privat: Regalschilder mit der Aufschrift „Altsteusslingerstr.“ und „U-Marchtal“ – beides Wohnsitze der Schlecker-Familie – in der Werkstatt deuten jedenfalls darauf hin.

Spannend wurde es bei der Versteigerung dann am Nachmittag. Rund 4000 laufende Meter Warenregale kamen zum Aufruf – eine Lagerhalle voller Ladeneinrichtungen. Kaum war der Anschlagpreis von 60 000 Euro ausgerufen, boten drei Interessensgruppen um den Zuschlag. Sekunden später war der Großposten für 75 000 Euro an Peter Rogler, Geschäftsführer der Firma Protec, vergeben. Roglers Unternehmen ist auf Industriegüterverwertung spezialisiert. Den geplanten Weiterverkauf eines Objekts dieser Größe könne er stemmen. „Dieses Geschäft wird für uns passen“, sagte Rogler zufrieden. Erste Kaufinteressenten suchten unmittelbar nach dem Zuschlag bereits Kontakt zu Rogler. Darunter zwei Vertreter einer auch in Polen agierenden Drogeriekette, die den Namen ihres Arbeitgebers nicht veröffentlicht wissen wollten.

Parallel dazu ging die Versteigerung auch für Daniel Schwenkedel aus Laichingen weiter. Er hatte eine Hebebühne für private Autobasteleien im Blick. „Mehr als 800 Euro biete ich nicht.“ Zu wenig, wie sich herausstellte: Der Posten wechselte für 1300 Euro den Besitzer. Für den Studenten übertrieben teuer. Für 1500 Euro bekomme er eine neue.

Diese und die übrigen Versteigerungen von Werkzeugen für 50 oder 60 Euro dürfte aber bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Zu groß sind die Gläubiger-Forderungen, die durch die Insolvenz des Drogeriegiganten entstanden sind.

Info Weitere Fotos unter www.swp.de/bilder

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