Verwunderung. Erstaunen. Sprachlosigkeit. Wer in Ehingen und Umgebung zwei Jahre nach der Insolvenz Schleckers Menschen auf die Pleite des einstigen Drogeriegiganten anspricht, erntet noch immer ein Kopfschütteln. Gerechnet? Gerechnet hatte hier kaum einer damit.

Dass der Schlag für viele Mitarbeiter und die Öffentlichkeit so unvermittelt kam, liegt am Geschäftsverständnis Anton Schleckers. Bis zuletzt handelte er so, als sei sein mächtiger Konzern noch eine mittelständische Metzgerei mit ein paar Filialen, sagen Kritiker. Es war seine Firma, ganz allein - es hatte niemanden zu interessieren, wie es dem Unternehmen ging. Eine am Ende fatale Strategie.

Viele Jahre lang war auch die riesige Schlecker-Konzernzentrale an der Donau für die Öffentlichkeit tabu. Heute, zwei Jahre nach der Insolvenz, stehen große Teile des Baus leer. Nur noch 36 Mitarbeiter kümmern sich im Auftrag des Insolvenzverwalters darum, die Reste des einstigen Drogerieimperiums abzuwickeln. Verträge einstiger Filialen müssen bearbeitet, Akten archiviert werden. Außerdem sind Mitarbeiter von Vitalsana vor Ort - der Arzneihandel wurde nach der Pleite von ehemaligen Schlecker-Mitarbeitern übernommen.

Aber es ist noch jemand im Haus: Anton Schlecker. Eingeweihten zufolge fährt der 69-Jährige noch fast täglich zu seinem einstigen Firmensitz. Zu Gesicht bekommt ihn niemand. Schlecker steuert zunächst die Tiefgarage des Glaskomplexes an und nutzt dann den reservierten Aufzug, um direkt in die Büroräume im obersten Stockwerk zu gelangen. So wie er es immer gemacht hat. Sein altes Chefbüro soll die Familie vom Insolvenzverwalter angemietet haben. Auch Ehefrau Christa weile regelmäßig in der einstigen Firmenzentrale. Drei Mitarbeiter arbeiten noch für Schleckers in der obersten Etage des früheren Konzernsitzes. Es soll dem Vernehmen nach aber strenge Auflagen geben, welche Gebäudeteile Schlecker noch benutzen darf. Ein Besuch bei seinen einstigen Angestellten, die in den unteren Etagen für den Insolvenzverwalter arbeiten, sei etwa per Vertrag ausgeschlossen. Auch sonst sei der Bewegungsspielraum Schleckers in dem Gebäude eingeschränkt.

Doch was macht der einstige Drogeriekönig jeden Tag in seiner ehemaligen Konzernzentrale? Geht er nochmal die Ereignisse der vergangenen Jahre und Jahrzehnte durch? Sucht er die entscheidenden Fehler? Oder kommt er an seinen alten Arbeitsplatz, weil er nicht wahrhaben will, was geschehen ist? Kann er nicht loslassen? Keiner weiß es.

Es heißt, es würden noch Geschäfte mit den bei den Familienmitgliedern verbliebenen Immobilien gemacht. Eine Firma CML Schlecker-Immobilienverwaltung bietet etwa Räume in der Ehinger Innenstadt an - unter anderem in der Hauptstraße 74, wo sich einst einer der Schlecker-Märkte in der Stadt befand. Nicht weit davon, in der Ehinger Bahnhofsstraße, lag einst die Metzgerei, die die Keimzelle des Unternehmens war.

Ein Bild der Abgehobenheit und des Realitätsverlusts

Aber es bleibt ein irritierendes Bild, sich den gestürzten Drogeriekönig vorzustellen, wie er dasitzt und durch die Fassade seines einstigen Glaspalasts blickt. Ein trauriges Bild der Abgehobenheit und des Realitätsverlusts - Zustände, die wohl auch die letzte Phase der Firma Schlecker prägten.

Ab und zu seien auch Schleckers Kinder da, heißt es. Sie führen aber Eingeweihten zufolge ansonsten ihr Leben in den Metropolen Europas. Lars hat sich laut "Lebensmittel-Zeitung" gemeinsam mit seiner Frau Mirja im März vergangenen Jahres mit der "Mila Königsberg Beteiligungsgesellschaft" in der Berliner Sophienstraße niedergelassen und versuche sich im Immobiliengeschäft. Meike Schlecker, die in einer denkwürdigen Pressekonferenz als einziges Familienmitglied den Mut fand, sich zur Lage zu äußern ("Es ist nichts mehr da"), soll wieder in London leben, heißt es. Anton und Christa Schlecker selbst wohnen wohl noch im Anwesen im Ehinger Ammerweg. Die Villa gehörte zu einem Paket von Immobilien, das die Angehörigen Anton Schleckers zu "realistischen Marktwerten" erwarben. So lautete die Formulierung in einer Pressemitteilung im März vergangenen Jahres. Der Insolvenzverwalter hatte zuvor die Übertragung von Sach- und Barvermögen an Familienmitglieder Schleckers erfolgreich angefochten. Die Familie zahlte 10,1 Millionen Euro.

Die Konzernzentrale selbst ist auch heute noch ein abgeschotteter Bereich. Einen Termin, um das Gebäude zu besichtigen? Sei nicht möglich, heißt es von Seiten des Insolvenzverwalters. Wer über edlen Stein und eine Glastür dann trotzdem das Gebäude betritt, wird von einem Pförtner freundlich, aber bestimmt an den Insolvenzverwalter zurückverwiesen.

Draußen, vor der Tür, geht das Leben weiter. Eher schlecht denn recht für etliche der ehemaligen Schlecker-Mitarbeiter, die noch keine neue Arbeit finden konnten. Für viele von ihnen war der Untergang der Firma brutal. Sie hatten ihr ganzes Leben lang für Schlecker gearbeitet und müssen sich noch einmal dem Wettbewerb am Arbeitsmarkt stellen. Viele Ältere tun es vergeblich. Auch in der ehemaligen Zentrale gibt es Ängste und Sorgen. Die Mitarbeiter, die sich im Glasbau um die Reste des einstigen Drogerieimperiums kümmern, sind froh um jeden Monat, den sie noch Arbeit haben. 15 Mitarbeiter mussten bereits Ende 2013 gehen. "Die Zahl der Mitarbeiter wird kontinuierlich weiter sinken", sagt Patrick Hacker, Sprecher des Insolvenzverwalters. Allerdings gilt ein kompletter Abschluss des Insolvenzverfahrens bis Ende dieses Jahres unter Eingeweihten als wohl nur schwer machbar. Auch Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz sprach gegenüber der "Lebensmittel-Zeitung" davon, dass er für die eine oder andere ehemalige Schlecker-Immobilie noch keine Lösung bis Ende 2014 sehe. Das Insolvenzverfahren könne sich voraussichtlich bis 2015 oder sogar 2016 hinziehen.

Kein Weltuntergang in Ehingen

Trotz der gigantischen Schlecker-Pleite - der Weltuntergang blieb aus in Ehingen. Oberbürgermeister Alexander Baumann erinnert sich, dass damals, als Schleckers Absturz öffentlich wurde, Medienvertreter aus der ganzen Republik bei ihm anriefen. An eine Frage kann sich Baumann noch besonders erinnern: "Müssen Sie jetzt in Ehingen die Straßenbeleuchtung abschalten?", fragte der Reporter eines Nachrichtenmagazins.

Die Lampen blieben an in Ehingen. Mehr noch: Der Stadt geht es gut. Weder im städtischen Haushalt, noch auf dem Ehinger Wohnungsmarkt und nicht einmal in der Arbeitslosenstatistik sind dramatische Verwerfungen durch Schleckers Absturz zu sehen. Eine Rolle spielt, dass Schlecker schon lange vor der Pleite aufgrund seiner Verluste als Gewerbesteuerzahler nicht mehr ins Gewicht fiel. Dass Ehingen noch glimpflich davonkam, will Oberbürgermeister Baumann aber trotzdem so nicht so hören. Er denke an die vielen Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren hätten, sagt Baumann. Etliche davon kenne er persönlich. "Es wäre für sie ein Hohn, zu sagen, wir sind mit einem blauen Auge davongekommen."

Doch auch in einer anderen Hinsicht fällt Schleckers Absturz für Ehingen bemerkenswert undramatisch aus. Es gibt Interesse, aber wenig Bedauern oder gar Mitleid für Anton Schlecker. Der Firmenchef hat als Person kaum eine Rolle gespielt in der Stadt. Er nahm nicht am öffentlichen Leben teil, viele in der Stadt kennen ihn nur von jahrzehntealten Fotos. So entrückt, so abgehoben, wie er sogar nach der Pleite in seinem Glaspalast residiert, lebte er schon seit vielen Jahren. Er fehlt nicht als Person.

Die Abschottung hinter der spiegelnden Glasfassade hat Schlecker nichts genutzt. Es gibt nicht wenige Stimmen, die sagen, genau dieses Abkapseln habe sogar entscheidend zum Untergang Schleckers beigetragen. Denn es seien zuletzt viel zu schwache Signale aus der Realität zu Schlecker vorgedrungen.