Ehingen / Stuttgart / SWP Die Schlecker-Kinder Meike und Lars müssen ins Gefängnis. Der BGH hat ein Urteil des Landgerichts Stuttgart gegen die Kinder des Drogerie-Königs Anton Schlecker bestätigt – und die Strafen ein Stück weit herabgesetzt.

Nächste Episode in der Schlecker-Pleite: Der Bundesgerichtshof (BGH) bestätigte ein Urteil des Landgerichts Stuttgart, das die 45-Jährige Meike und ihren 47 Jahre alten Bruder Lars zu zwei Jahren und neun Monaten respektive zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Der BGH versandte am Donnerstag eine entsprechende Pressemitteilung. Meike und Lars Schlecker waren gegen das Urteil in Revision gegangen.

Das Urteil ist bestätigt, aber was sagen die Menschen auf den Straßen in Ehingen dazu? Die SÜDWEST PRESSE hat sich umgehört.

Mit dem Urteil des BGH wurden die Strafen auf jeweils zwei Jahre und sieben Monate Haftstrafen für Meike und Lars Schlecker angepasst. Den beiden war in der schriftlichen Urteilsbegründung vom Landgericht Stuttgart attestiert, sie seien von „besonders großer Geldgier geprägt“ gewesen.

Vor acht Monaten ging der Prozess zu Ende – jetzt wurde das schriftliche Urteil freigegeben. Die vier wichtigsten Punkte aus der Urteilsbegründung.

Der Prozess gegen Anton Schlecker und seine Kinder Meike und Lars

Der Prozess gegen Anton Schlecker und seine Kinder Meike und Lars gehört zu den spektakulärsten Wirtschafts-Fällen der Bundesgeschichte der vergangenen Jahre. Er erregte nationales Interesse schon weit im Voraus, natürlich aber vor allem auch zum Auftakt und während des Prozesses. Unsere Redakteurin Simone Dürmuth hat den Prozess verfolgt. Hier beschreibt sie exemplarisch Szenen vom Tag der Urteilsverkündung.

Anton Schlecker hat schon immer die Öffentlichkeit gescheut. Auch beim Prozessauftakt hüllt sich der Firmenchef in Schweigen. Das ist für ehemalige Beschäftige schwer zu ertragen.

Wie Simone Dürmuth das Urteil damals einschätzte, kann man in ihrem Kommentar zu dem Ende des Prozesses gegen Anton Schlecker nachlesen.

Meike und Lars Schlecker müssen in Haft: So geht es nun weiter

Meike und Lars Schlecker, 45 und 47 Jahre alt, müssen in Haft. Das bringt die Bestätigung des Landgerichts-Urteils durch den BGH mit sich. Das weitere Vorgehen hat eine Pressesprecherin des Stuttgarter Landgerichts skizziert.

Meike und Lars Schlecker müssen in Haft. Der BGH schmetterte die Revision der Kinder des Drogerie-Königs Anton Schlecker ab und bestätigte ein Urteil des Landgerichts Stuttgart.

Eine besondere Nebenrolle der Schlecker-Pleite: die Schlecker-Frauen

Im Rahmen der Schlecker-Pleite wurde immer wieder sehr stark auf die Rolle der sogenannten „Schlecker-Frauen“ eingegangen. Sie hatten immer wieder geschlossen für eine Rettung der Filialen und damit ihrer Arbeitsplätze gekämpft. Wie sehr und vor allem überraschend sie die Nachricht der Insolvenz traf, zeigt dieses Video aus dem Jahr 2012.

Mit einer Solidaritätsaktion haben gestern Beschäftigte des Schlecker-Lagers auf die Angst vieler Frauen um ihren Arbeitsplatz aufmerksam gemacht.

Zum Nachlesen: das Porträt einer Schlecker-Frau und wie sie sie Pleite und die Zeit danach wahrgenommen hat.

Menschen verfolgen Prozess und Urteil gegen Schlecker gespannt

Viele Menschen, gerade in Ehingen, der Stadt des Stammsitzes des Drogerie-Imperiums, verfolgten den Verlauf und die Urteile sehr genau.

Die Reaktionen nach dem Urteil reichen von Verständnis bis Kritik. Kaum Bedauern für die Haftstrafen der Kinder.

Für Verwunderung, Kritik und Befremden sorgte rund um die Prozess und die Urteilsverkündung auch immer wieder das Verhalten und der offenbar weiterhin ausschweifende Lebensstil der Schleckers.

Das Urteil des BGH zu Meike und Lars Schlecker

Die Pressemitteilung des BGH-Beschlusses vom 14. März 2019 im Wortlaut:

„Das Landgericht Stuttgart hat die beiden Kinder des Gründers der Drogeriemarktkette A. Sch. wegen Untreue in Tateinheit mit vorsätzlichem Bankrott, vorsätzlicher Insolvenzverschleppung und Beihilfe zu zwölf bzw. zwei Bankrottstraftaten ihres Vaters zu Gesamtfreiheitsstrafen von zwei Jahren und neun Monaten sowie von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Gegen A. Sch. hat das Landgericht eine zweijährige Bewährungs- und eine Geldstrafe verhängt.

Nach den Feststellungen des Landgerichts erkannten die Angeklagten, dass dem eingetragenen Kaufmann A. Sch. spätestens seit dem 1. Februar 2011 die Zahlungsunfähigkeit drohte. In diesem Wissen schaffte der Mitangeklagte A. Sch. etwa durch die Gewährung überhöhter Stundensätze zugunsten des Personaldienstleisters LDG GmbH, deren Gesellschafter seine beiden Kinder waren, oder durch die Bezahlung eines Karibikurlaubs seiner Kinder und von Rechnungen für die Erstellung der Privatwohnung seines Sohnes Vermögenswerte beiseite. Hierbei unterstützen ihn seine beiden Kinder.

Als A. Sch. zudem im Januar 2012 kurz vor seinem damals bereits beabsichtigten Insolvenzantrag sieben Millionen Euro an die LDG GmbH überwies, zahlten sich deren Gesellschafter seine beiden Kinder diesen Betrag sofort per Blitzüberweisung je zur Hälfte aus, ohne zu einer Rückzahlung bereit zu sein. Da die LDG GmbH die von A. Sch. erhaltene Zahlung an dessen Insolvenzverwalter zu erstatten hatte (§§ 129 ff. InsO), führten die Kinder von A. Sch. nach den Urteilsgründen durch ihr vorsätzliches Handeln eine Überschuldung der LDG GmbH in Höhe von mehr als 6,1 Mio. Euro herbei. Hierin hat das Landgericht die schwerwiegendste Tat gesehen (Untreue in Tateinheit mit vorsätzlichem Bankrott). Bei der Strafzumessung hat es zugunsten der Angeklagten die später erfolgte Schadenswiedergutmachung berücksichtigt.

Familie Schlecker: Christa und Anton (links) mit den zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilten Kindern Lars und Meike.
© Foto: Archiv, dpa, Volkmar Könneke

Während A. Sch. gegen seine Verurteilung kein Rechtsmittel eingelegt hat, wenden sich seine beiden Kinder gegen Ihre Verurteilung. Sie rügen mit ihren Revisionen eine falsche Rechtsanwendung durch das Landgericht und mehrere Verfahrensfehler.

Der Bundesgerichtshof hat die Revisionen der beiden Angeklagten ganz überwiegend als unbegründet verworfen. Er hat lediglich jeweils eine Einzelfreiheitsstrafe wegen Beihilfe zum vorsätzlichen Bankrott (überhöhte Vergütung der LDG GmbH) und die Gesamtfreiheitsstrafen herabgesetzt, weil das Landgericht die den Angeklagten fehlende Schuldnereigenschaft nicht zu ihren Gunsten bedacht hat (§ 28 Abs. 1 StGB). Damit sind die beiden Angeklagten jeweils rechtskräftig zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt.“

Die Geschichte des Schlecker-Konzerns – Eine Chronologie

  • 1975: Anton Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es schon 100 Filialen.
  • 1987: Schlecker expandiert ins Ausland - zuerst nach Österreich. Nach dem Fall der Berliner Mauer öffnen schnell Märkte in den neuen Bundesländern.
  • 1994: Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden. Gewerkschafter kritisieren, Mitarbeiter würden schikaniert und schlecht bezahlt. Schlecker spricht von Einzelfällen.
  • 2007: Nach eigenen Angaben ist Schlecker mit mehr als 14.000 Märkten in 13 Ländern europäischer Marktführer in der Drogeriebranche. Über Jahre gibt es aber Kritik an Dumpinglöhnen und Leiharbeit.
  • 2011: Nach Jahren in den roten Zahlen beginnt ein radikaler Umbau des Filialnetzes.
  • 2012: Im Januar meldet Schlecker Insolvenz an. Im Sommer werden die letzten Filialen geschlossen, 25.000 Mitarbeiter in Deutschland verlieren ihre Jobs. Die Gläubiger fordern mehr als eine Milliarde Euro.
  • 2013: Im März zahlt die Familie Schlecker dem Insolvenzverwalter im Streit um übertragenes Firmenvermögen 10,1 Millionen Euro. Anton Schlecker hatte vor der Insolvenz unter anderem seine Villa im Wert von zwei Millionen Euro an seine Frau übertragen. Später zahlt die Familie weitere vier Millionen Euro.
  • 2016: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt im April Anklage gegen Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts. Insgesamt soll er Vermögen von etwa 25 Millionen Euro beiseite geschafft haben. Auch seine Ehefrau, seine beiden Kinder und zwei Wirtschaftsprüfer sind angeklagt - wegen Beihilfe, Insolvenzverschleppung oder Untreue.
  • 2017: Im März beginnt in Stuttgart der Prozess. Nach der Zahlung von Geldauflagen werden im Mai die Verfahren gegen Schleckers Ehefrau Christa und die Wirtschaftsprüfer eingestellt. Für die übrigen Angeklagten fordert die Staatsanwaltschaft bis zu drei Jahre Haft. Meike und Lars Schlecker gehen gegen das Urteil in Revsion.
  • 2019: Der BGH bestätigt das Urteil des Landgerichts Stuttgart. Die Kinder des ehemaligen Drogerie-Königs müssen ins Gefängnis.

Schlecker: Einblicke in ein intransparentes Drogerie-Imperium

Der Schlecker-Konzern generell, insbesondere aber auch die Führung und die Strukturen um Anton, Meike und Lars Schlecker, wirkten während des Bestehens als sehr verschlossen und intransparent.

Von Interesse war für viele Menschen daher unter anderem ein Bericht der Südwest Presse über das Büro des Drogerie-Königs Anton Schlecker am Stammsitz in Ehingen.

Wirkliche Einblicke in die Strukturen des Unternehmens zu erlangen, war auch nach dem Zusammenbruch des Imperiums schwierig. Eine Idee der Strukturen vermittelte ein Gespräch mit einem der ehemaligen Direktoren des Unternehmens, Gerhard Sauter.

Mit Gerhard Sauter äußert sich erstmals einer aus dem Kreis der früheren Direktoren über den Niedergang des Unternehmens.

Familie Schlecker privat – die Entführung von Meike und Lars und ZDF-Dokumentation

So wenig über die Strukturen der Firma nach außen getragen wurde, so wenig Einblick hatte man auch in das Privatleben der Familie Schlecker. Nach der Insolvenz des Familienunternehmens Schlecker brachte eine Dokumentation, ausgestrahlt im ZDF, nähere Erkenntnisse. 2014 hat unsere Redakteurin Corinna Jirrmann sich die Doku angeschaut und sie analysiert.

Zuvor war vielen aus dem Privaten der Schleckers vor allem die Entführung der Kinder Meike und Lars Schlecker im Jahr 1987 erinnerlich.

Ehingen – Wie der Hauptsitz des Schlecker-Imperiums die Pleite verkraftet

In Ehingen im Alb-Donau-Kreis war der Stammsitz des Schlecker-Konzerns. Die Pleite war auch für die Stadt an der Donau ein herber Schlag. Eine Bestandsaufnahme, wie sie damit umgegangen ist, hat unser Redakteur Bernhard Raidt 2014, zwei Jahre nach der Pleite, gemacht. Ein Rundgang durch die ehemalige Zentrale von Schlecker in Ehingen hier im Video:

Youtube

Schnell gab es in der Stadt aber Pläne, das bestehende Areal der Firma zu nutzen – und umzunutzen.

Konferenzzentrum, Fitness-Studio, später hotelähnliches Wohnen auf Zeit - der Businesspark Ehingen in den früheren Schlecker-Gebäuden kommt voran.

Schlecker-Pleite: Insolvenzverwalter Geiwitz kämpft noch immer um Milliarden

Nach dem Zusammenbruch des Schlecker-Konzerns sind noch viele Forderungen aus dem Umfeld des Unternehmens ungeklärt. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz kämpft noch immer um Milliarden.

Schlecker – Was vom Imperium aus Ehingen bleibt: die Versteigerung

Der Zerfall des Drogerie-Konzerns Schlecker sorgte derart für Aufsehen, das noch jede Art von Devotionalie interessant wurde. Am Ende gab es sogar eine Versteigerung von Materialien und Gegenständen aus dem Konzern.

Bildergalerie Schlecker Versteigerung

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