Munderkingen Sailer macht Schwäbisch hoffähig

Elmar Ertle (links) und Ludwig Walter berichteten in Munderkingen über Sebastian Sailer.
Elmar Ertle (links) und Ludwig Walter berichteten in Munderkingen über Sebastian Sailer. © Foto: Ingeborg Burkhardt
Munderkingen / INGEBORG BURKHARDT 16.12.2014
Seit 237 Jahren ruht Sebastian Sailer in der Mönchsgruft unterhalb des Klosters Obermarchtal. Am Sonntagabend würdigten Elmar Ertle und Ludwig Walter das Leben und die Werke des Prämonstratenser-Paters.

Pater Sebastian Sailer haben wir es zu verdanken, dass wir heute genau wissen, wie das Leben in der Bussenlandschaft in der Barockzeit war, betonten am Sonntagabend im vhs-Saal am Alten Schulhof der gebürtige Obermarchtaler Rektor a.D. Ludwig Walter aus Munderkingen und der Munderkinger Pädagoge Elmar Ertle. Aufgrund ihrer Herkunft sahen sie sich berufen, "wieder einmal das Leben und das Werk von Sebastian Sailer, des Begründers der Schwäbischen Mundartdichtung", vorzustellen, bereichert mit Rezitationen der Baurapredigt und der bis ins kleinste Detail beschriebenen Baurahochzeit sowie Zitaten aus dessen Predigten. Die 60 Zuhörer und Sailer-Kundigen amüsierten sich, dankten mit viel Applaus und persönlichem Dank an die beiden Referenten.

In Anlehnung an Sailer hatte Ertle die "großmächtigen Herre, die liebwerte Gäst' und vortrefflichen Zuhörer, denen das Wasser schon im Munde zusammenläuft . . .", begrüßt, bevor er im Wechsel mit Walter die Vita von Johann Valentin Sailer vortrug. Der ist 1714 in Weißenhorn geboren, wurde als 16-Jähriger aufgrund bruderschaftlicher Verbindungen Klosterschüler in Obermarchtal und 1730 unter dem Klosternamen Sebastian eingekleidet. 1743, als er zum Priester geweiht und an der Marchtaler Ordenshochschule Lehrer des kanonischen Rechts war, hatte der Chorherr, spätere Kanzelredner und Pfarrer in Kirchbierlingen, Reutlingendorf und Dieterskirch schon viele Geschichten in Hochdeutsch und in der Mundart der Bussenlandschaft geschrieben, die in zahlreichen Verlagen erschienen und immer wieder neu aufgelegt worden sind.

Pater Sixt Bachmann habe die sprachlichen Fähigkeiten Sailers erkannt und ihn gefördert, erklärte Walter, der begeistert über das literarische Erbe des Autors mit den Predigttexten, den drei Tagebüchern aus Dieterskirch mit Klagen über ausgiebige Feiern, Tänze und übers Maß hinausgehende Würfelspiele berichtete. Ferner über Komödien, eine Abhandlung über den Heiligen Tiberius und eben die in die Bussenlandschaft gestellte "Schwäbische Schöpfung". Somit habe Sailer auch den Dialekt der Donaulandschaft zur Literatursprache gemacht, die noch heute im Raum Obermarchtal und Munderkingen mit kleinen Abweichungen gesprochen wird.

Sailer, der griechische, französische, italienische und spanische Werke im Original gelesen habe, sei mit der internationalen Gelehrtenwelt in Kontakt und auch als Hofprediger öfters in Wien gewesen, was in der Folge wohl der Grund gewesen sei, dass Marie Antoinette auf ihrer Hochzeitsreise in Obermarchtal übernachtet habe, erfuhren die Zuhörer. Die Schnupftabaksdose, die Sailer von Kaiserin Maria Theresia erhalten hat, habe er schon gesehen, fügte Walter an. Dann ging's zurück zum von Sailer 1743 selbst uraufgeführten "Singspiel vom Sündenfall" im Kloster Schussenried. Kritik über den profanen Umgang mit der biblischen Geschichte sei bis zum Bischof nach Konstanz vorgedrungen. Dank einer Fürsprache des Bischofs Ulrich von Augsburg sei die Klage im Sand verlaufen.

Auch wenn die Texte heute sehr schmutzig wirkten, damals hätten sie dem Zeitgeist entsprochen, betonte Walter. Ertle fügte dem eine "philosophische Betrachtung" Sailers über Druckfehler an, denen man "Barmherzigkeit widerfahren lassen" und die man als "unheilbare Krankheit" betrachten sollte.

Nach einer kurzen Erinnerung an die Hexenverbrennungen in Marchtal und an die Auswanderungswellen kamen die Referenten auf die letzten Jahre Sailers im Kloster zu sprechen. Dorthin habe er sich nach einem Schlaganfall begeben müssen, eine Geschichte über Aderlass und Kräuter ist entstanden. Nachdem beide Mittel kaum geholfen hatten, habe Sailer kurz vor seinem Tod 1777 erklärt, er werde in der Mönchsgruft mit seinen Kollegen um die Wette schlafen.

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