Ehingen / Christina Kirsch Annitta Bröckel-Lison nimmt als Rollstuhlfahrerin am Umzug teil. Ein Besuch bei einer Frau, für die manches unerreichbar ist.

„Ich würde gerne einmal bei so einer Rollstuhlbegehung in der Stadt teilnehmen“, sagt Annitta Bröckel-Lison, die seit elf Jahren auf ihren Rollstuhl angewiesen ist. Das sei mit einer „echten“ Rollstuhlfahrerin etwas anderes, als wenn sich Schüler in einem Rolli durch die Stadt kutschieren lassen. Manche Rampe sei zu steil und nur eine Alibirampe. Für Behindertentoiletten müsse man um Schlüssel bitten und gelegentlich weit fahren – sofern es sie denn überhaupt gibt.

Die Ehingerin will aber nicht klagen, sondern sich bedanken. Am Dienstag war sie beim Narrensprung die einzige Rollstuhlfahrerin, die im Häs mitgefahren ist. Beim Rosenmontagsumzug in Westerheim war das dem Fernsehen einen Kommentar wert und auch in Ehingen fiel sie auf. „Ich hatte ein Gastspringer-Häs des Narrenvereins Hölla-Hexa an“, sagt die 60-Jährige, die passives Mitglied der Hölla-Hexa ist. Das Häs und die Maske bekam sie für ein Jahr, ohne Maske hätte sie nicht teilgenommen „Sonst hätten mich alle angeguckt.“ Und das kann sie gar nicht leiden. Dafür, dass sie mitspringen konnte, sagt sie den Narren Danke. „Jeder hat um mich geguckt.“

Annitta Bröckel-Lison ist an Dermatomyositis erkrankt. Die Autoimmunerkrankung geht mit einer Muskelschwäche einher. Sie setzt alles daran, möglichst viel alleine zu machen. So kennt das auch ihr Sohn Mark Lison. Da quäle sie sich an seiner Haustüre lieber zwei Eingangsstufen robbend hoch und ziehe den Rollstuhl nach, als sich von ihm helfen zu lassen. „Das sieht dann so aus, dass ich daneben stehe und der Nachbar ruft, ob er helfen kann.“ Diese peinliche Situation muss dann der Sohn ertragen, der selbst gehandicapt ist. „Ich bin gehbehindert und fast blind.“

Wo Schwierigkeiten lauern

Mutter und Sohn wissen genau, wo in Ehingen die Schwierigkeiten für Behinderte lauern. „Viele Ampeln haben Vibrierknöpfe“, sagt Mark Lison, „aber nicht alle“. Für Sehbehinderte seien Ampelanlagen oft zu schnell geschaltet und Bordsteine, die schwimmend verlegt sind, bereiten Mark Lison Probleme. „Da weiß ich dann nicht, wo der Bordstein endet und wo die Straße beginnt.“

Er hat Vorschläge, die einfach umzusetzen seien und die sehbehinderten oder älteren Menschen das Leben einfacher machen könnten. „Der Tränkberg von der Bahnhofstraße runter zum Groggensee ist für uns zu steil“, sagt der Vorstand der Hölla-Hexa. „Da wäre ein Geländer entlang der Mauer sehr hilfreich.“

Mit mächtig G’schell fand am Dienstag in Ehingen der Faschingsumzug statt. Hunderte Hästräger zogen durch die Innenstadt.

Ein spezielles Kapitel sind Behindertentoiletten. Annitta Bröckel-Lison kennt sie alle – oder auch nicht, weil sie wie in einer Ehinger Familien-Gaststätte sich im ersten Stock ohne Aufzug befindet. Da sei sie mal um zig Ecken geschoben worden, „bis eine Behindertentoilette erreichbar war“. Manche Gaststätte sei aber auch behindertenfreundlich, weil die Toilette ebenerdig angelegt ist. Insgesamt sei die Ehinger Kneipenlandschaft für Rollifahrer meist aber schwer zu erklimmen, „aber ich geh abends sowieso kaum aus dem Haus“.

Ihr Lieblingscafé liegt am Marktplatz. „Da komme ich gut rein.“ Aber schon der Schuhkauf oder der Einkauf in einem Modegeschäft wird schwierig. „Ich klopfe dann meistens an die Scheibe und die Verkäuferinnen bringen mir die Sachen raus.“ Beste Erfahrungen hat sie mit Supermärkten gemacht, in einem habe man für sie einen Einkaufswagen angeschafft, den sie an ihren Rollstuhl einklinken könne.

Ein Lob gibt Kraft

Es gibt aber auch Ziele, die Annitta Bröckel-Lison nicht mehr aufsucht, ein großer Supermarkt in Ehingen etwa gehört dazu. „Wenn man das Gefühl hat, nur lästig zu sein, dann meidet man den Ort.“ Sie sagt aber auch, dass es ihr schwerfällt, sich helfen zu lassen. „Einmal haben meine Kollegen sie bei einer Gartenparty einfach hoch gehoben und über eine Treppe getragen“, erzählt Mark Lison. Für die Männer war das selbstverständlich, aber Annitta Bröckel-Lison sagt, sie sei wegen des Helfen-lassen-Müssens völlig fertig gewesen.

Die 60-Jährige saugt jedes Lob, das sie für ihre verbliebenen Fähigkeiten bekommt, gierig auf. „Das ist eine große Selbstbestätigung, wenn die mir an der Uni-Klinik sagen, wie toll ich etwas noch mache.“ Dann steht sie wieder vor einem winzigen Treppenabsatz und kann nicht weiter. „Das muss ich noch lernen, mir dann helfen zu lassen.“

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