Ritt auf dem Feuerlöscher

Ralph Künzler hat sich im Museum Villa Rot kunstvoll-spaßig eingerichtet. Foto: Christina Kirsch
Ralph Künzler hat sich im Museum Villa Rot kunstvoll-spaßig eingerichtet. Foto: Christina Kirsch
CHRISTINA KIRSCH 27.03.2014
Ein Wiedersehen mit dem Design der 60er bietet die Ausstellung "Betrachtungen sind Ansichtssache" von Ralph Künzler im Museum Villa Rot. Der Stuttgarter hat das Haus komplett okkupiert.

Sogar die Anhänger der Schließfachschlüssel wurden ausgetauscht. Das Sponsorenplakat musste ebenfalls weichen. Neben dem Eingang stehen an Stelle der ursprünglichen Garderobe jetzt zwei Holzspinde aus Armeebeständen. Man darf sich bei Mützen und T-Shirts bedienen. Ralph Künzler hat im Museum Villa Rot ganze Arbeit geleistet und das Haus bis in die Toilette mit seinen Objekten in Beschlag genommen. Dass dem 53-Jährigen die Aufbauarbeit Spaß gemacht hat, sieht man an allen Ecken. "Es war wie Weihnachten", sagt der Stuttgarter.

Künzler hat sich in den Museumsräumen über drei Stockwerke ausgebreitet. Nichts blieb unberührt, unbeklebt und unverschont. Die Reproduktionen der ehemaligen Besitzer bekamen Sprechblasen, und über dem Empfangstresen hängt jetzt eine Liedanschlagtafel aus einer Kirche. Künzler hat sie mit Notrufnummern besteckt. In der Kirche des Stuttgarter Hospitalhofs, wo diese Tafeln auch schon hingen, soll sich jemand über "die komischen Lieder" gewundert haben, die dort angeschlagen waren.

Die Ausstellung mit dem Titel "Betrachtungen sind Ansichtssache" strotzt vor funktionslosen Wunderdingen. Zwei Tanksäulen liegen auf dem Gestell eines Zwillingskinderwagens: Zapfpistolen wie Babys, nährend verbunden mit einem gemeinsamen Schlauch. "Yin und Yang fällt mir dabei ein", sagt der Künstler. "Die Sachen sind mir in den 60er Jahren zugefallen", erklärt Künzler, der einen Zahnarztstuhl oder ein Kettcar zuerst mit den Augen zerlegt. Während das Unterteil noch ein Pumpstuhl ist, sitzt oben eine Trockenhaube, die ein Plexiglasballon verschließt. "Steuern, richtig steuern" heißt das Teil.

Irritation weicht in der Ausstellung schnell der Faszination und dem schmunzelnden Erkennen. Im Raum Eiermann, benannt nach dem Berliner Architekten Egon Eiermann, stehen zwei von Eiermann entworfene Klappstühle. Daneben hat Künzler sieben Eier arrangiert, die aus 14 Föhnhauben zusammengesetzt sind. Räder, Kindersitze oder Minischeibenwischer von Autoscheinwerfern geben den Föhnhaubeneiern einen Bedeutungszusammenhang, der vollkommen offen ist. Man kann im Museumscafé bei harten Eiern und Eierlikör darüber nachdenken.

Aber Künzler schraubt nicht einfach Körper und Stiele zusammen. Form- und Farbästhetik sind durchdacht. Die formale Lösbarkeit einer Verbindung sei oft das eigentliche Problem gewesen. In jedem Objekt ist die Wertigkeit der Materialien spürbar. Kinderwagengestelle waren vor 50 Jahren verchromt, Gehäuse bestanden aus Bakelit und Ski aus Holz. Ralph Künzler ließ die Flohmarktstücke neu lackieren oder polierte sie auf. Im Kinderzimmer der Villa stehen ganz bezaubernde Kindergefährte aus Dreirädern, Feuerlöscher und Eisbär mit Elchgeweih. In Künzlers detailreichen Collagen trifft man auf alte Illustrierten-Titel, die erste Handygeneration und Werbung aus den Aufbruchsjahren der Republik.

Das Museum Villa Rot ist eine einzige Spielwiese für das Auge und die Fantasie. Dabei darf man den Begriff "Spielwiese" auch auf das Lotterbett übertragen. Das hat Ausmaße, die Gruppensex zuließen. Doch die plüschige Bettumrandung täuscht. Die Liegefläche ist ein Röhrenheizkörper. "Altdeutsche Weihnacht" heißt dieses Objekt, bei dem es einem ganz warm wird.

Info Diese Ausstellung des Museums Villa Rot (Burgrieden) wird am Sonntag, 11 Uhr, eröffnet und läuft bis 22. Juni; Mi- Sa 14-17, So 11-17 Uhr.

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