Soziales Querschnittsgelähmt zurück ins Arbeitsleben

Als er 19 Jahre alt war, hatte Dirk Eichhorst einen schweren Autounfall. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.
Als er 19 Jahre alt war, hatte Dirk Eichhorst einen schweren Autounfall. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. © Foto: Jana Zahner
Ehingen / Jana Zahner 03.12.2018

Dass die Vereinten Nationen vor rund 25 Jahren den 3. Dezember als Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung ausgerufen haben, hat Dirk Eichhorst nicht gewusst. „Dann habe ich ja etwas zu feiern“ sagt er mit einem ironischen Unterton und lacht, während er mit seinem Rollstuhl durch die Gänge der Firma Kamo in Ehingen fährt. Dass der 40-Jährige einmal so selbstbewusst mit seiner Querschnittslähmung umgehen würde, hätte er sich vor 21 Jahren nicht vorstellen können. Doch heute hat er vieles, was nach seinem Unfall zunächst unerreichbar schien: eine Arbeitsstelle, eine Partnerin, eine fünfjährige Tochter.

Der damals 19-Jährige hatte als Koch täglich 12 bis 15 Stunden gearbeitet, war übermüdet. Eines Morgens fuhr er seine damalige Freundin zur Arbeit; auf dem Rückweg schlief er am Steuer ein. Auf der B 30 Richtung Biberach prallte er gegen einen Brückenpfeiler, sein Wagen überschlug sich. Er verletzte sich auf der Höhe des 8. Brustwirbels das Rückenmark und brach sich mehrere Rippen, von denen eine seine Lunge durchbohrte. Seine Lunge erholte sich schnell, doch bald stand fest, dass der Koch nie wieder gehen wird. „Davor habe ich immer gesagt, wenn ich jemals behindert sein sollte, will ich nicht mehr“, erzählt Eichhorst.

Er habe das Gefühl gehabt, sein ganzes Leben sei zusammengebrochen. Zu seiner Mutter habe er im Krankenhaus gesagt: „Geh weg, was willst du mit einem behinderten Sohn.“ Erst als sie in Tränen ausgebrochen sei, sei ihm klar geworden, dass er wieder anfangen müsse, zu leben.

In der Universitäts- und Rehabilitationsklinik Ulm musste er alles neu lernen, was vorher selbstverständlich gewesen war: sich selbst waschen, anziehen, auf die Toilette gehen. „Als ich wieder Autofahren konnte, war ich stolz wie Oskar.“

Arbeitssuche mit Hindernissen

Etwa zwei Jahre nach seinem Unfall kam die Frage auf, wovon Eichhorst künftig leben sollte. „Ich wollte unbedingt weg von dem Unterstützungsgeld.“ Ein Bürojob, den ganzen Tag vor dem Computer sitzen, sei für ihn vor dem Unfall nicht in Frage gekommen. „Ich bin ein Arbeiter.“

Trotzdem begann er in München eine Umschulung zum Bürokaufmann. Doch nach der Ausbildung hagelte es Absagen. „Es ist sehr schwer, als behinderter Mensch einen Job zu finden.“ Dabei ist es Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern gesetzlich vorgeschrieben, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Angestellten mit Behinderung zu besetzen. „Aber viele bezahlen lieber die Strafe, als jemanden wie mich einzustellen. Viele denken, ich sei nicht belastbar.“

Irgendwann sei der Integrationsfachdienst Ulm auf ihn zugekommen und habe ihm ein Vorstellungsgespräch bei Kamo vermittelt. Mit Erfolg: Seit 2003 kümmert sich Eichhorst bei dem Hersteller für Heizkreisverteiler 40 Stunden in der Woche um den Versand. Er erstellt die Lieferscheine, meldet die Ware bei den Speditionen an und bearbeitet Rücklieferungen. „Von Anfang an bin ich hier super angenommen worden.“ Der Integrationsfachdienst unterstützte die Firma bei der Einrichtung von Eichhorsts Arbeitsplatz. „Überall, wo ich bei meiner Arbeit hin muss, da komme ich alleine hin.“ Eichhorst teilt sich sein Büro mit Blick auf die Fertigungshalle mit dem Produktionsleiter Mithat Yurdagül; er ist nicht nur sein Kollege, sondern sein bester Freund, wie Eichhorst sagt. Den beiden merkt man sofort an, wie gut sie sich verstehen. „Wenn er mal nicht da ist, dann fehlt etwas“, sagt Yurdagül.

Mehr Achtsamkeit im Leben

Für Eichhorst ist der Rückhalt von Familie und Freunden das Wichtigste. „Durch meinen Unfall habe ich gemerkt, wer wirklich meine Freunde sind.“ Außerdem habe er gelernt, mehr darauf zu achten, was ihm gut tue: „Ich habe nur dieses eine Leben und einen Körper. Nur wenn es mir gut geht, dann kann ich auch für andere da sein.“

Seit zehn Jahren ist Eichhorst zusätzlich Vertrauensmitarbeiter bei Kamo. Wenn er alle Lieferungen bearbeitet hat, hilft er seinen Kollegen manchmal in der Produktion, indem er zum Beispiel Kleinteile verpackt. Auf diese Weise müsse er nicht nur vor dem Computer sitzen und seine Kollegen sparten Zeit. „Hier macht jeder für jeden etwas.“

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