Spiritualität Pilgern als Spiegel des Lebens

Ein Blick in die Pilgerausweise ist wie ein Blick in die Biografien der Teilnehmer des Pilgertags.
Ein Blick in die Pilgerausweise ist wie ein Blick in die Biografien der Teilnehmer des Pilgertags. © Foto: Christina Kirsch
Oberdischingen / Von Christina Kirsch 23.07.2018

In dem Wort Be-weg-ung steckt ja schon das Wort ‚Weg‘“, sagt Regina Maigler, die sich am Pilgertag mit dem Fahrrad auf den Weg nach Oberdischingen gemacht hat. Dort traf sie Gleichgesinnte, die aus verschiedenen Richtungen kamen und sich vom Cursillo-Haus St. Jakobus aus auf verschiedenen Rundwegen auf den Weg machten. „Ich bin gerne in Bewegung, um meinen Weg zu mir selber zu finden“, meinte die Kinderpflegerin aus Mittelbiberach.

Mit dieser Motivation war sie nicht alleine. Trotz des wechselhaften Wetters, das auch manchen zu einer Pause mit einer Rast unter einem Dach einlud, machten sich etwa 80 angemeldete Pilger auf den Weg. Darunter waren auch sieben Fahrradpilger, die ab Aulendorf über Steinhausen und Biberach nach Oberdischingen kamen. Die Fußpilger liefen über Niederhofen, Blienshofen, Altheim und Ringingen oder sie nahmen den Weg nach Öpfingen. Eine dritte Strecke führte von Frankenhofen nach Oberdischingen. Viele kamen vom Regen durchnässt in Oberdischingen an und fanden eine warme Dusche vor.

Mit trockenen Kleidern am Leib genoss man die Gespräche mit anderen Pilgern bei Kaffee und Kuchen. „Das Pilgern ist für mich ein seelisches Aufräumen“, bekannte Renate Maucher aus Biberach. „Man wird Seelenmüll los“, sagte die Lernberaterin und Logotherapeutin. Wenn sie sich Zeit nehme und auf den Weg mache, dann stelle sich nach ein paar Tagen ein Bewusstsein dafür ein, „was wichtig ist im Leben und was nicht“. Der Allmendinger Heinz Templin war schon Wanderführer beim Albverein und hilft im Cursillo-Haus bei der Betreuung der Pilger mit. „Mein Ding ist bei ‚ora et labora‘ eher das ‚labora‘, sagt er schmunzelnd. Er sei ein „labora-Typ“ und arbeite gerne. Seit er seinem Schichtdienst im Zementwerk Ade gesagt hat und in Rente ging, baute er seine Pilgerschaft aus. „Wir haben schon alle Wallfahrtsstätten besucht“, sagt der Rentner. „Dort weht ein besonderer Geist.“

Viele sind keine Kirchgänger

Dieter Geiss aus Ulm hat beim Pilgern auf dem Jakobsweg die Erfahrung gemacht, „dass viele Pilger keine Kirchgänger sind“. Das Pilgern spreche immer mehr, auch der Kirche fern stehende Leute an, hat auch Regina Maigler festgestellt, die aber auch hofft, dass „die vielleicht auf diesem Weg zur Spiritualität finden“. In den Pilgergesprächen bestätigen die meisten Pilger, dass das Gehen in einer Gruppe die Seele frei mache. Berufstätige finden Ruhe nach dem Arbeitsalltag. „Gespräche unter Pilgern haben eine andere, tiefer gehende Dimension“, findet Regina Maigler.

Er fühle sich beim Laufen immer begleitet, beschreibt Heinz Templin sein inneres Empfinden beim Pilgern. „Man läuft beim Pilgern ja nicht nur auf der Sonnenseite, sondern kommt auch durch Hinterhöfe und erlebt die Schattenseiten“, sagt der Allmendinger. So gesehen empfinden die Pilger das Gehen wie ein Spiegelbild des Lebens. Auch am diesjährigen Pilgertag kam nach den Regengüssen wieder die Sonne zum Vorschein.

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