Protest Obermarchtaler Psychotherapeutin Adelheid Blome bei Aktionstag in Berlin

Schwerpunktpraxis Gruppenpsychotherapie: Die Psychologische Psychotherapeutin Adelheid Blome in ihrem Gruppenraum in Obermarchtal. Sie habe ihr Leistungsangebot einschränken müssen, berichtet sie.
Schwerpunktpraxis Gruppenpsychotherapie: Die Psychologische Psychotherapeutin Adelheid Blome in ihrem Gruppenraum in Obermarchtal. Sie habe ihr Leistungsangebot einschränken müssen, berichtet sie. © Foto: Leonie L. Maschke
LEONIE L. MASCHKE 25.09.2014
Am Donnerstag protestieren in Berlin Psychotherapeuten und Psychiater für eine Gleichbehandlung ihres Berufsstandes gegenüber Ärzten. Zwei Psychotherapeuten aus der Region berichten über ihre Situation.

Adelheid Blomes Blick ist aufmerksam, im Gespräch wirkt sie zugewandt, ruhig und freundlich. Eigenschaften, die die Psychologische Psychotherapeutin ihren Patienten gerne zukommen lässt, doch heute könnte es zumindest mit der Ruhe bei der Akademikerin vorbei sein: Sie wird mit zahlreichen Kollegen in Berlin gegen die Benachteiligungen, unter denen ihr Berufsstand aus ihrer Sicht leidet, demonstrieren.

Zum Aktionstag haben die Berufsverbände der Psychotherapeuten und Psychiater aufgerufen. Sie wollen Politik und Öffentlichkeit auf die schlechte Bezahlung ihrer Arbeit und die ungleiche Behandlung im Vergleich zu anderen Arztgruppen aufmerksam machen. "Die Psychotherapeuten wehren sich endlich", sagt Blome. "Ich halte es für meine Pflicht, bei diesem Aktionstag teilzunehmen."

Blome unterhält ihre eigene Praxis im Zentrum von Obermarchtal. Sie arbeitet im Schnitt knapp 30 Stunden in der Woche direkt mit dem Patienten, daneben schreibt sie Gutachten und Protokolle, übernimmt Verwaltungsaufgaben, geht auf Fortbildungen und kümmert sich um das Qualitätsmanagement ihrer Praxis. Für Vielbeschäftigte hat sie sich bis vor kurzem noch bis in den späten Abend Zeit genommen, Studenten konnten zu ihr an den Wochenenden kommen.

"Persönliche Freizeit und privater Konsum existiert nicht", berichtet Blome. Trotz des immensen Arbeitsaufwandes rentiere sich die Praxis wirtschaftlich kaum, an eine anständige Altersvorsorge sei kaum zu denken. Vier Jahre vor Rentenbeginn hätte Blome in den ersten Monaten ihres Ruhestandes gerade einmal Anspruch auf monatlich 500 Euro, sagt sie. "Viele Kollegen können sich nicht einmal eine Assistentin leisten, da sie sonst überhaupt keine Altersvorsorge erbringen könnten." Ohne eine Sekretärin sei eine professionelle Praxisführung aber kaum möglich.

Seit 15 Jahren sind Psychotherapeuten, also studierte Psychologen mit einer mehrjährigen therapeutischen Zusatzausbildung, den Haus- und Fachärzten rechtlich gleichgestellt. Zumindest theoretisch: Aus einer Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) von 2012 geht hervor, dass Kassenärzte ein monatliches Nettoeinkommen von knapp 5500 Euro erzielen konnten, Psychotherapeuten lagen bei etwas über 2857 Euro. Und das, wie die Berufsverbände der Psychotherapeuten betonen, bei gleichem Arbeitseinsatz und Zeitaufwand. Der Unterschied liege auch in der Abrechnung der Leistungen: Während Psychotherapeuten zeitlich vorgeschriebene Sitzungen in Rechnung stellen können, können Ärzte die Patienten abrechnen, unabhängig von der Behandlungsdauer. "Sie können gar nicht so viel arbeiten, um aufs gleiche Gehalt wie ein Arzt zu kommen", sagt Blome.

Eine Unzufriedenheit über die Gesamtsituation ist auch Andreas Groß anzumerken. "Das persönliche Engagement wird bei der ständigen Ungleichbehandlung schon sehr strapaziert", sagt der Psychologische Psychotherapeut, der vor 14 Jahren seine Praxis in Ehingen eröffnet hat. "Es ist nicht so, dass ich meinen Kollegen, den Ärzten, ihr Honorar nicht gönnen würde, aber es ist natürlich schon eine gewisse Frustration über das bessere Gehalt da."

Seit der rechtlichen Gleichstellung streiten sich die Psychotherapeuten jedes Quartal aufs Neue mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) um eine gerechtere Bezahlung ihrer Leistungen. 2008 hat das Bundessozialgericht die niedrige Vergütung von Psychotherapeuten sogar für teilweise rechtswidrig erklärt. Die Kassenärztlichen Vereinigungen halten dagegen, dass keine Rücklagen vorhanden seien und sie mit einer Honorarsteigerung die Gehälter der Ärzte belasten würden.

Das Problem sei seit Jahren bekannt, berichtet Adelheid Blome, auch in der Politik wisse man darum, nur geändert habe sich in all der Zeit wenig. "Es ist das systematische Hinhalten eines akademischen Berufes, der wesentlich für die Gesundheit der Bevölkerung wichtig ist", klagt sie. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge hat im Jahr 2011 jeder dritte Deutsche an einer psychischen Störung gelitten. Es wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Patienten für Blome und ihre Kollegen.

Dabei fordern die psychotherapeutischen Berufsstände auch mehr Selbstständigkeit ein. Beispielsweise darf ein Psychologischer Psychotherapeut keine Überweisungen für Krankenhäuser oder weiterführende Therapien ausschreiben. Dies kann nur ein niedergelassener Arzt.

"Wir sind schon sehr geduldig mit all dem gewesen", bemerkt Groß mit Blick auf den Aktionstag. "Aber nun ist es an der Zeit, dass wir das Problem und unsere Anliegen an die Öffentlichkeit tragen. Daher dieser Schritt nach außen."

Adelheid Blome hat aus dem anhaltenden Konflikt bereits ihre persönlichen Konsequenzen gezogen: Um ihre eigene Arbeitsfähigkeit und die Wirtschaftlichkeit ihrer Praxis aufrecht zu erhalten, habe sie ihr psychotherapeutisches Leistungsangebot einschränken müssen. "Jede angebotene Einzeltherapie bringt mich unter den gegebenen Zahlungsbedingungen dem persönlichen finanziellen Fiasko näher."

Info aktionstag-psychotherapie.de