Literatur Autorenlesung: Nähe durch Erinnern

Laura Behn mit Hannes Köhlers Roman „Ein mögliches Leben“. Am Freitag liest der Autor im Ehinger Buchladen.
Laura Behn mit Hannes Köhlers Roman „Ein mögliches Leben“. Am Freitag liest der Autor im Ehinger Buchladen. © Foto: Christina Kirsch
Ehingen / Christina Kirsch 13.06.2018
Ein Großvater und sein Enkel machen sich in Hannes Köhlers neuem Roman auf die Reise in die Vergangenheit.

„Mir gefällt an dem Buch, dass es sprachlich sehr flüssig und elegant geschrieben ist“, sagt Laura Behn. Am Freitag stellt Hannes Köhler im Ehinger Buchladen seinen zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ vor.  Es ist die letzte Lesung vor der Sommerpause und es ist ein Buch, das eher leise daherkommt. Trotzdem entfaltet es einen Sog, der etwa nach den ersten 30 Seiten unmerklich beginnt.

Hannes Köhler erzählt in seinem Buch die Geschichte eines deutschen Wehrmachtssoldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft am Ende des Zweiten Weltkrieges. Als 90-Jähriger möchte der alte Franz noch einmal das Land aufsuchen, in das er unfreiwillig verbracht wurde und das er zu lieben begann. Franz macht sich mit seinem Enkel Martin auf eine Reise in die Vergangenheit. Zu zweit begeben sie sich an die Orte von Franz’ Gefangenschaft in den USA.

Die Geschichte beginnt damit, dass Enkel Martin einen Brief bekommen hat, dass er als Lehrer bis zum Beginn des neuen Schuljahrs beurlaubt ist. Die finanziell prekäre Situation gibt ihm jedoch Gelegenheit, sich mit Opa Franz auf den Weg zu machen. Hannes Köhler beschreibt die Erinnerungen des alten Franz an seine Gefangenschaft sehr plastisch. Man kann sich seine Freundschaft zu einem Mitgefangenen und seinen Zwiespalt zwischen der ihm eingebläuten Kameradschaft gegenüber den deutschen Mitgefangenen und der humanistisch-demokratischen Gesinnung der Amerikaner gut vorstellen.

„Franz geht es in der Gefangenschaft eigentlich gut, er hat genug zu essen und akzeptable Arbeitsbedingungen“, berichtet Laura Behn. Der Buchhändlerin ist vor allem eine Szene noch sehr gegenwärtig. „Da bekommt Franz von seinen deutschen Angehörigen ein Päckchen mit Lebensmitteln geschickt und er weiß genau, dass sich seine Lieben daheim die Lebensmittel vom Mund abgespart haben“, erzählt die Buchhändlerin. „Er weiß nicht, wie er seinen Verwandten in Deutschland klarmachen soll, dass sie nichts mehr schicken sollen“.

Erleichterung und Scham

Das Buch beginnt zeitlich mit der Gefangennahme in der Normandie. Die Erleichterung, so gut davongekommen zu sein, mischt sich mit der Scham über das gute Schicksal. Im Lager ist Franz den Anfeindungen und Übergriffen strammer Hitlergetreuer ausgeliefert. Der Leser erkennt nach und nach, warum sich Franz gegenüber seiner Frau und Tochter abschottete. Das Verhältnis von Franz zu seiner Tochter Barbara verliert nach und nach an Schwere und Endgültigkeit. Man erkennt auch, dass das Leben von Franz an einigen Punkten hätte anders laufen können und dass jeder Protagonist immer eines von vielen möglichen Leben lebt. Es ist immer „Ein mögliches Leben“.

„Ich finde das Buch auch geschichtlich interessant“, sagt Laura Behn, die es bedauert, dass die Lesung mit dem Eröffnungskonzert des Ehinger Musiksommers und der Fußball-WM konkurriert. Aber zumindest, was den Fußball angeht, weiß Hannes Köhler einen Rat. „Die Höhepunkte des Spiels könnt ihr danach auch noch anschauen“, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. Die Höhepunkte der Lesung gebe es nur einmal, und zwar am Freitag.

Info Die Lesung mit Hannes Köhler findet am Freitag, 15. Juni, von 20 Uhr an im Ehinger Buchladen statt.