Die Erzählungen vom Wolf, der über die Schwäbische Alb streift, sind keine Märchen. Das steht fest, seit im November an der Autobahn bei Merklingen ein überfahrener Wolfsrüde gefunden wurde. Vielleicht nicht unbedingt dort auf der Schwäbischen Alb, aber sicherlich irgendwo in Baden-Württemberg streifen Wölfe umher, meint Martin Herre aus Gerhausen. Er ist einer von bundesweit 500 Wolfsbotschaftern des Naturschutzbunds (Nabu). Der tote Wolf von Merklingen war der zweite eindeutige Nachweis in Baden-Württemberg nach der Ausrottung vor etwa 150 Jahren. Im Juni 2015 war auf der A 5 bei Lahr ein Wolf überfahren worden. Die beiden waren Brüder und stammen aus dem so genannten Calanda-Rudel aus der Schweiz.

"Wir müssen uns arrangieren, mit den Tieren zu leben", sagt Herre, der sich längst vor den ersten Wolfs-Nachweisen im Ländle der Sache angenommen hat. Im Jahr 2000 hörte er vom ersten Auftauchen eines Wolfes in Deutschland. "Das interessierte mich", sagt der 55-Jährige, der jahrelang einen Hund hatte und vom Sozialverhalten des Wolfes begeistert ist. Nach Schulungen beim Nabu wurde Herre, der als Lehrer am Schulzentrum St. Hildegard in Ulm tätig ist, im Jahr 2012 ehrenamtlicher Wolfsbotschafter.

Wenn er in Schulklassen geht, hat er ein ganzes Wolfsrudel dabei: Vater, Mutter und drei Welpen. In Lebensgröße. Allerdings in Pappe. Zudem die Nachbildung eines Schädels und ein Fellstück aus einer ehemaligen Pelzjacke. "Das kommt an", berichtet Herre. In der Natur-AG der Schule mit Schülerinnen von 10 bis 16 Jahren sei der Wolf zum beliebten Thema geworden.

Auch Andrea Klemer, Wolfsbotschafterin aus Münsingen, gibt ihr Wissen gerne an Kinder weiter. Wenn sie die beeindruckend großen Papp-Wölfe sehen oder das Geheul eines Wolfes vom Band hören, sei "schon ein gewisses Kribbeln dabei", hat die Mutter von drei Kindern festgestellt. "Durch Wissensvermittlung die Angst nehmen", lautet das Ziel ihrer Arbeit. Kindern müsse erklärt werden, "dass bei richtigem Verhalten keine Gefahr von Wölfen ausgeht und Menschen nicht auf dem Speiseplan des Wolfes stehen". Es gehöre auch eine Lektion dazu, wie ein Wolf verscheucht werden kann für den wohl eher selten zu erwartenden Fall, dass Kinder überhaupt je einen der scheuen Wölfe zu Gesicht bekommen.

Andrea Klemer (45) will jetzt auch mehr auf Erwachsene zugehen. Jetzt, eben vor der möglichen Wiederbesiedlung der Alb durch Wölfe, könne man noch "in Ruhe, präventiv und sachorientiert informieren". Zu ihren Zielgruppen gehören auch Reiter, Pferdezüchter und -halter, die sich um ihre auf den Koppeln grasenden Tiere sorgen, oder Jäger. Andrea Klemer ist Pferdetrainerin und kommt aus einer Jägerfamilie. Ihr Argument gegen die Ängste der Jäger: In Wolfsgebieten sind die Jagdstrecken, also die Zahlen der von Jägern erlegten Tiere, nicht kleiner geworden. Und für Wildschweine, deren Bestand teils recht hoch ist, wäre der Wolf "der richtige Jäger", sagt sie.

Der Wolf ist freilich kein Streicheltier. Er ist ein Wildtier, das Begegnungen mit dem Menschen vermeidet. Sollte es doch zu einem Aufeinandertreffen mit dem Wolf kommen, rät der Nabu in seinem Leitfaden: "Nicht weglaufen, stehen bleiben. Man kann einen Wolf vertreiben, indem man ihn laut anspricht, in die Hände klatscht und mit den Armen winkt. Sich langsam zurückziehen." Hunde sind nach der Empfehlung in Wolfsgebieten grundsätzlich beim Menschen zu halten.

Die Schwäbische Alb zählt noch nicht als Wolfsgebiet. Ob sich dort ein Rudel halten könnte, ist fraglich. Am ehesten wohl auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen und im Biosphärengebiet drumherum. "Vor allem für die Schäfer würde dies eine Umstellung und einen Mehraufwand bedeuten", sagt Andrea Klemer, die am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes lebt. Sie begrüßt, dass der Landesschaftzuchtverband und der Nabu Baden-Württemberg gemeinsam das Projekt "Herdenschutz in der Praxis" gestartet haben. Eine wichtige Rolle spielen Herdenschutzhunde, die vom Welpenalter an mit den Schafen aufwachsen und im Ernstfall diese gegen den Wolf verteidigen sollen. Andrea Klemer hat solche Hunde schon erlebt. "Die sind schon allein von ihrer Größe und Statur her respekteinflößend."

Der tote Wolf, der bei Merklingen gefunden wurde, hat sich nach einer Untersuchung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin vor allem von Rehwild ernährt. Im Mageninhalt sind keine Überreste von Nutztieren wie Schafen gefunden worden. Der Wolf war auf der Alb ziemlich unbemerkt unterwegs, und das wohl über längere Zeit, stellt Dr. Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg fest.

Brüder der bei Merklingen und Lahr gefundenen Wölfe im Calanda-Gebiet in der Schweiz üben offenbar weniger Zurückhaltung. "Sie zeigen sich in Siedlungen, was man dort für kritisch hält", sagt Micha Herdtfelder. Laut Zeitungsberichten haben sich Wölfe bis an Stalltore, Freilaufgehege oder Gebäude gewagt und sich nur noch widerwillig vertreiben lassen. Ralph Manz vom für das Wolfs-Monitoring in der Schweiz zuständigen Verein "Kora" möchte die von den Kantonen Graubünden und St. Gallen verfügten und von Naturschützern kritisierten Abschussgenehmigungen nicht in Kurzform kommentieren. Die Sache müsse sehr differenziert betrachtet werden, sagt er.

Eine dauerhafte Gefahr bedeutet für den Wolf der Verkehr. Wie Ralph Manz berichtet, sind in der Schweiz bereits zwei einjährige Wölfe von Zügen überfahren worden. Wolfsbotschafter Martin Herre meint, dass in Baden-Württemberg der Straßenverkehr das größte Hindernis für eine Wolfspopulation ist. Der Wolf brauche nicht unbedingt große Waldgebiete. "Er kann in jeder Landschaft überleben." Auch die Akzeptanz dürfte wohl vorhanden sein - mit ein Verdienst der Wolfsbotschafter. An Menschen, die sich ehrenamtlich für den Wolf einsetzen, fehlt es dem Nabu übrigens nicht: Für Wolfsbotschafter gilt bereits ein Aufnahmestopp.