Lokale Agenda Mit Morgenluft in die Schule

Ehingen / Christina Kirsch 13.01.2018
Ein Schulweg, der zu Fuß gegangen wird, hat viele Vorteile. Das Projekt „Morgenluft“ möchte Schulkinder wieder mehr zum Gehen animieren.

Der Mensch braucht Bewegung, um zu gedeihen. Obwohl diese Tatsache bekannt ist, haben vor allem Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt zu wenig Bewegung. Das beginnt bereits morgens, wenn den Kindern selbst ein kurzer Fußweg zur Schule nicht zugemutet wird. Warum das so ist und wie man Kinder morgens wieder auf die Beine bringt, damit sie mit etwas frischer Morgenluft in den Lungen zur Schule kommen, diskutierte eine kompetente Runde im Bürgerhaus Oberschaffnei. „Morgenluft“ heißt ein Projekt, in dem man das Elternverhalten und auch die teilweise chaotische Verkehrsverhältnissen vor Schulen in den Blick nehmen möchte.

„Wir möchten praktikable und leicht umsetzbare Projekte starten“, sagte Alexander Rothenbacher als Moderator einer Runde aus Schulleitern, Elternvertretern, Stadt und Polizei. Bereits in der Zukunftswerkstatt vor einigen Jahren sei das Schulweg-Thema zur Sprache gebracht worden, wusste Alexander Rothenbacher. Nun will man bei dem Querschnittsthema, das die Bereiche Sicherheit, Umwelt und Erziehung beinhaltet, unter dem Begriff der Bildung für nachhaltige Entwicklung erste Schritte tun. Offensichtlich besteht Handlungsbedarf, da ein steigendes Verkehrsaufkommen dazu führt, dass Eltern verunsichert sind. „Die Zahl der Schulwegunfälle ist in Ehingen jedoch sehr gering“, führt Dietmar Moll vom Ulmer Polizeipräsidium an. So wurde in Ehingen 2017 nur ein Schulwegunfall gemeldet. 2016 waren es drei, 2015 zwei und 2014 ebenfalls zwei Schulwegunfälle.

Als gefährlich empfunden

Das subjektive Empfinden der Eltern gehe jedoch in die Richtung, dass der Schulweg immer gefährlicher wird, war sich die Runde einig. Dagmar Fuhr, die Schulleiterin der Michel-Buck-Schule, berichtete aus Gesprächen mit Eltern, die damit argumentieren, dass ihre Kinder auf dem Schulweg nicht nur den Gefahren des Straßenverkehrs ausgesetzt sind, sondern auch „weggeschnappt“ werden könnten. „Eltern haben auch Angst, dass ihr Kind im vollen Bus nicht klar kommt“, hat die Schulleiterin gehört.

Aus eigener Erfahrung berichtete Andreas Tietzel, der Leiter der Grundschule im Alten Konvikt. Ihm sei oft mulmig, wenn seine beiden Kinder alleine mit dem Fahrrad unterwegs seien, „obwohl wir ländlich wohnen“. Es scheint eines mit dem anderen Hand in Hand zu gehen: Die Autos werden immer größer, der Verkehr dichter, die Eltern ängstlicher und bequemer. „Wir stellen auch fest, dass die Berufstätigkeit beider Elternteile dazu führt, dass niemand mehr Zeit hat, sein Kind auf dem Schulweg zu begleiten“, warf Alexander Bochtler ein, der Leiter der Realschule. Da werde das Kind auf dem Weg zur Arbeit schnell an der Schule abgesetzt, was zu Stoßzeiten in der Sackgasse vor der Realschule ein Stau produziert.

Gestern morgen konnte man an der Wendeplatte vor dem Pausenhof der Realschule sehen, wie Autos heran preschen, wie Kofferräume geöffnet werden und Schulranzen und Kinder schnell ausgeladen werden. Weil es meistens eilt, laufen die Kinder zwischen den Autos herum. Bei Dunkelheit ist die Situation zudem unübersichtlich. Wenn dann noch Eltern bei laufendem Motor erst ihr Handy checken oder zur Zigarette greifen, trägt das zusätzlich zur verstopften Verkehrssituation bei.

An der Realschule wurde erst kürzlich eine Hinweistafel angebracht, auf der den Autofahrern ihre Geschwindigkeit angezeigt wird. Manche steuerten gestern Morgen mit mehr als 20 km/h auf die Schule zu.

Schnell kam man in der Oberschaffnei auf die neuralgischen Punkte wie den Fußgänger-Übergang an der Biberacher Straße Richtung Michel-Buck-Schule zu sprechen. „Da strecken die Kinder den Arm aus und trotzdem halten die Autofahrer nicht“, berichtet Dagmar Fuhr.

Zunächst Befragung geplant

Das Projekt Morgenluft will sich jedoch zunächst nicht in Details verzetteln, sondern allgemein bleiben und Ideen entwickeln, wie Kinder sicher zu Fuß zur Schule gehen können. Eine besondere Kennzeichnung des Schulwegs mit Farbe oder mit auf dem Pflaster aufgemalten Fußabdrücken beziehungsweise eine Verbannung von Autos in bestimmten Bereichen schlug der Gesamtelternbeiratsvorsitzende Danny Mattstädt vor. Man könne jedoch nicht willkürlich markieren und sei an die Straßenverkehrsordnung gebunden, warf Dietmar Moll ein.

Diskutiert wurde auch der Einsatz von Schülerlotsen oder der so genannte „Laufbus“. Dabei wird eine bestimmte Schulwegroute mit einer Begleitperson abgelaufen und die Kinder stoßen Haus für Haus dazu. Nach der Ideensammlung einigte man sich auf ein Vorgehen, dem eine Analyse voraus geht. Dann folgen Aktion und Motivation. In einer Fragebogenaktion an Ehinger Schulen und Kindergärten soll ausgelotet werden, wie der Schulweg des Kindes aussieht, was bemängelt wird und ob Eltern zur Mitarbeit an dem Projekt Morgenluft bereit sind. Die Stadt und der Elternbeirat arbeiten den Fragebogen aus und koordinieren die Befragung. Sind die Ergebnisse ausgewertet, werden konkrete Handlungsschritte besprochen.

Kinder fahren immer schlechter Fahrrad

Anmerkung „Die motorischen Fähigkeiten der Kinder beim Fahrradfahren nehmen rapide ab“, stellten Karl-Josef Enz von der Verkehrswacht und Dietmar Moll von der Polizei fest. Zudem werde den Kindern immer weniger zugetraut. „Wenn man den Kindern immer weniger zutraut, verkümmern auch ihre Fähigkeiten“, sagt Moll. Aber: Nur wer etwas einübt, wird darin sicherer.

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