Versorgung Mehr Förderung für Hausärzte

Viele Hausärzte auf dem Land werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen.
Viele Hausärzte auf dem Land werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. © Foto: A2931/_Bernd Weissbrod
Region / Chirin Kolb Samira Eisele 16.07.2018
Der Gesundheitspolitische Arbeitskreis setzt sich für eine bessere medizinische Versorgung im ländlichen Raum ein.

Die eigene Praxis ohne Nachfolger aufgeben. Dr. Hans-Michael Walter aus Ehingen hat diesen Schritt Ende 2017 getan. Mit fast 67 Jahren gab der Gynäkologe seine Patienten ans Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Ehingen ab. Walter, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Alb-Donau, spricht also aus eigener Erfahrung über die Schwierigkeit, Ärzte für den ländlichen Raum zu finden. Der Blick auf die Altersstruktur seiner Kollegen stimmt ihn nachdenklich: „Sehr viele sind über 60.“ Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) 34 Prozent im Kreis, 35 im Land. Noch ist die Versorgung mit Hausärzten aber gut: Mehr als 100 Prozent rechnet die KV für den Kreis, mehr als 110 Prozent für die Bereiche Ehingen und Ulm. Maßnahmen, um schon jetzt drohende Praxisschließungen zu verhindern, erkennt die Kreisärzteschaft nicht: „Das finden wir sehr bedauerlich.“

Der Gesundheitspolitische Arbeitskreis (GPA) Baden-Württemberg geht davon aus, dass in absehbarer Zeit jeder dritte Allgemeinmediziner in Rente geht, und spricht von einer „tickenden Zeitbombe“. Um dem Mangel zu begegnen, sieht der Arbeitskreis die Politik in der Pflicht.

„Wir begrüßen es, dass sich der Landtag derzeit intensiv mit möglichen Lösungen befasst, um dem Ärztemangel im ländlichen Raum entgegenzuwirken“, sagt der GPA-Vorsitzende Michael Drechsler. Der Arbeitskreis ist als Forum für alle im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen Anfang des Jahres in Ulm gegründet worden, Drechsler ist Geschäftsführer der Deutschen Traumastiftung mit Sitz in Ulm.

Junge Ärzte arbeiten in Teilzeit

Der Arbeitskreis schlägt finanzielle Anreize vor. Derzeit fördere das Land die Niederlassung von Hausärzten in ländlichen Gemeinden mit 30 000 Euro (siehe Info-Kasten). „Diese Förderung muss deutlich ausgebaut werden.“ Zusätzlich müssten Praxismodelle gefördert werden, die dem Wunsch nach Arztsitz-Sharing, Teilzeitmodellen und flexiblen Arbeitszeitmodellen nachkommen. Der GPA fordert insbesondere für Gemeinschaftspraxen oder ärztliche Zentren Förderprogramme des Landes.

Dr. Peter Müller aus Günzburg beobachtet: „Viele Ärzte, die sich niederlassen, machen das nicht mehr in Vollzeit.“ Der 2. Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Mittelschwaben erläutert: Dadurch steige die Anzahl der Ärzte, die Arbeitszeit aber schränkten die jüngeren Kollegen ein – „vernünftigerweise“. Im Landkreis Neu-Ulm sind knapp 37 Prozent der Ärzte 60 Jahre und älter, der Versorgungsgrad liegt laut KV bei 110 Prozent.

Doch auch die Bedarfsplanung müsse überarbeitet werden, sagt Müller, der als Facharzt für innere Medizin an der Klinik Günzburg arbeitet. „Sie sollte sich nicht mehr nur an der Personenzahl, sondern auch an der Altersstruktur und am Krankheitsstand orientieren.“ Denn: Immer ältere Patienten brauchen mehr Betreuung. Ein guter Ansatz – neben Förderprogrammen, die es auch in Bayern gibt – seien Notfallpraxen in Weißenhorn und Günzburg, die die Belastung in den Diensten reduzierten.

Telemedizin als Ergänzung

Die GPA sieht auch in der Telemedizin Chancen, die hausärztliche Versorgung auf dem Land zu verbessern. Baden-Württemberg wolle Vorreiter sein in der Telemedizin und Videosprechstunden oder medizinische Beratung durch Chat am Computer etablieren. „Telemedizin kann eine sehr sinnvolle Ergänzung sein“, sagt Drechsler. „Sie ersetzt aber nicht die Untersuchung oder das persönliche Gespräch.“

Im Durchschnitt betreut ein Hausarzt nach Angaben des GPA rund 1700 Patienten. Die wohnortnahe Betreuung sei nicht nur älteren Menschen ein wichtiges Anliegen. „Wer krank ist oder in einer Gemeinde mit eingeschränktem Busverkehr wohnt, will keinen langen Weg zum Arzt haben“, sagt Drechsler. Die örtliche Hausarztpraxis sei ein wichtiger Baustein der Daseinsvorsorge und Lebensqualität.

Förderprogramme für Landärzte

Vorgaben In Bayern und Baden-Württemberg gibt es Förderprogramme für Landärzte. Ministerien und KV schütten Geld aus, wenn ein bestimmter Versorgungsgrad unterschritten ist: Zum Beispiel gibt die KV Bayerns bis zu 112.500 Euro für eine neue Hausarztpraxis in einem Gebiet mit einem Versorgungsgrad unter 75 Prozent.

Beispiele Im Alb-Donau-Kreis gab das Sozialministerium seit 2012 jeweils bis zu 30.000 Euro an vier Praxen: Drei in Schelklingen, eine in Allmendingen. Die KV gibt in ihrem Programm auch dann Zuschüsse (bis 70.000 Euro), wenn bei einem Versorgungsgrad unter 100 Prozent alle Hausärzte einer Gemeinde über 63 sind.

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