Berührungsängste kennen die Kinder nicht, die an diesem Tag im Rahmen des Ferienprogramms der Gemeinde Rottenacker zu Gast auf dem Hof von Margit und Willy Keckeisen in Emerkingen sind. Begeistert wühlen sie mit ihren Händen in Grassilage, probieren geschrotetes Getreide und streicheln Kühe. Margit Keckeisen kennt das auch anders. Seit zehn Jahren sind die Hauswirtschaftsmeisterin und ihr Mann Teil des Projekts „Lernort Bauernhof“ des Alb-Donau-Kreises; mehrmals im Jahr bekommt die Familie Besuch von Kindergärten, Schulen und Jugendgruppen aus der Region.

Das Ziel: Kindern das echte Leben auf dem Bauernhof zeigen

„Für mich ist das ein Hobby“, sagt Keckeisen. Ihr ist es wichtig, dass Kinder das echte Leben auf einem Bauernhof kennenlernen, dass sie selbst erleben, wie viel Arbeit und Einsatz nötig sind, um frische Milch, Brot, Fleisch, Obst und Gemüse auf den Tisch zu bringen. Und Aufklärung tut Not. Manchmal blieben Kinder an der Hofeinfahrt stehen, weil sie sich vor den typischen Bauernhofgerüchen ekelten. Manchen würde es schlecht. „Andere haben Angst und trauen sich nicht zu den Kühen in den Stall“, beschreibt die 47-Jährige ihre Erlebnisse.

Umso mehr freut sie sich aber, wenn am Ende eines mehrstündigen Aufenthalts aus Angst und Skepsis Begeisterung geworden ist. „Zum Schluss bekommt man die meisten Kinder kaum mehr von den Tieren weg“, sagt sie und lacht.

Die gutmütigen Hochlandrinder dürfen gestreichelt werden

Ein Besuch auf dem Keckeisen-Hof beginnt bei den Tieren. 50 Milchkühe und ihre Nachzucht gehören zum Betrieb, seit etwa zwei Jahren besitzt Willy Keckeisen außerdem zehn schottische Hochlandrinder. Die zotteligen Gesellen sind extrem genügsam – „sie bleiben das ganze Jahr über im Freien“, erklärt der Landwirtschaftsmeister den Kindern.

Mit eindrucksvollen Hörnern, aber friedlich: Die Hochlandrinder von Willy Keckeisen freuten sich über Brot und Streicheleinheiten.
Mit eindrucksvollen Hörnern, aber friedlich: Die Hochlandrinder von Willy Keckeisen freuten sich über Brot und Streicheleinheiten.
© Foto: Foto: Amrei Oellermann

Als überaus gutmütige und friedliche Zeitgenossen lassen sie sich gerne streicheln und mit hartem Brot füttern. „Wer traut sich mit auf die Weide?“, fragt Keckeisen in die Runde. Die Kinder sind kaum zu bremsen. Kein einziger Teilnehmer will an diesem Tag draußen bleiben. Selbst die Kleinsten wagen sich ganz nach vorne, fassen ins dichte Fell und berühren ehrfürchtig die eindrucksvoll ausladenden Hörner.

Was frisst eine Kuh?

Im Milchviehstall steht der Speiseplan der Tiere auf dem Programm. „Was frisst eine Kuh?“, fragt Margit Keckeisen in die Runde. Die Kinder aus Rottenacker sind fit. „Heu“, schlägt einer vor, „Stroh“ ein anderer. „Beides richtig“, lobt Keckeisen. Sie nickt anerkennend und zeigt anhand einer vorbereiteten Ration, welche Mengen eine einzelne Milchkuh jeden Tag zu sich nimmt: zwei Kilogramm Heu, ein halbes Kilogramm Stroh, außerdem 12 Kilogramm Grassilage, 18 Kilogramm silierten Mais, fünf Kilogramm geschrotetes Getreide mit Mineralstoffen und Salz sowie zwei bis sieben Kilogramm Milchleistungsfutter. Dazu gibt es bis zu 100 Liter Wasser. Eine ganze Menge, staunen die Kinder. Im Gegenzug gibt jede Kuh täglich Milch. 30 bis 35 Liter pro Tier seien das im Schnitt, schätzt Keckeisen. Wer besonders viel Milch produziert, bekommt auch besonders viel Futter.

Wer mag, darf sich im Melken versuchen

Im Melkstand dürfen die Kinder später selbst Hand anlegen. Wie fühlt sich ein Euter an? Wie eine Zitze? Und ist es schwer, von Hand zu melken? Margit Keckeisen ermuntert jeden, es zu versuchen. Einer schafft es tatsächlich, mit geschicktem Griff ein paar Spritzer Milch aus den Zitzen zu bekommen. „Das ist mein neuer Mitarbeiter“, sagt Keckeisen und lacht. Der Junge strahlt.

Geschickt: Ein Teilnehmer schaffte es gleich im ersten Anlauf, eine der Kühe von Hand zu melken.
Geschickt: Ein Teilnehmer schaffte es gleich im ersten Anlauf, eine der Kühe von Hand zu melken.
© Foto: Foto: Amrei Oellermann

Bauernhof hautnah erleben, das heißt an diesem Tag auch, im Melkstand einige Spritzer Urin abzubekommen, wenn die Kühe auf die glatten Fliesen pinkeln. Die Kinder lachen, kreischen und gehen in Deckung. Dreckige Jacken und Hosen findet in dieser Gruppe niemand schlimm.

Selbstgemachte Butter auf frischem Bauernbrot

Zum krönenden Abschluss dürfen die Kinder schließlich selbst Butter herstellen. Mit reiner Muskelkraft schütteln sie Sahne, bis sich Fett und Flüssigkeit voneinander trennen. Die so entstandene Butter wird direkt verkostet: Auf frischem Brot mit Wurst und Käse. „Lecker“, lautet die einhellige Meinung.

Mit reiner Muskelkraft schüttelten die Kinder Sahne zu Butter.
Mit reiner Muskelkraft schüttelten die Kinder Sahne zu Butter.
© Foto: Foto: Amrei Oellermann

Erlebnisse wie dieses sind für Projektleiterin Anna Scharpf vom Fachdienst Landwirtschaft des Landratsamts das erklärte Ziel des „Lernorts Bauernhof“. „Wir wollen, dass die Kinder den Bauernhof mit allen Sinnen erleben“, sagt sie. Dass sie riechen, schmecken, sehen und fühlen dürfen, was Landwirtschaft ausmacht – „fernab von Bilderbuchromantik“. Nur wer wisse, wo seine Lebensmittel herkommen, könne sie wertschätzen. „Und wenn dieses Verständnis da ist, geht man mit der Natur auch anders um“, ist Scharpf überzeugt.

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Angebot für Schulen, Kindergärten und Gruppen


Konzept Seit fast zehn Jahren gibt es im Alb-Donau-Kreis das Projekt „Lernort Bauernhof“. In seinem Rahmen können Kindergärten, Schulen und Jugendgruppen auf rund 40 Betrieben zwischen Altheim (Alb) und Dietenheim, Mundingen und Ulm erleben, wie Lebensmittel wie Milch, Fleisch, Honig und Getreide erzeugt werden.

Voraussetzungen Um sich zum Lernort Bauernhof zu qualifizieren, müssen interessierte Betriebe gewisse Voraussetzungen erfüllen: So muss qualifiziertes Personal nachwiesen werden, etwa durch den Abschluss eines landwirtschaftlichen Studiengangs, und vor dem Projektstart eine dreitägige Schulung absolviert werden.