Ein Theaterstück nicht auf, sondern vor der Bühne, während daneben ein Jongleur seine Bälle durch die Luft wirbelt, während ein Mann mit Hut und Stirnlampe zwei Gipsköpfe in den Händen dem Jongleur entgegenkommt, während zwei junge Frauen mit Klarinette und Gitarre musizierend deren Wege kreuzen. „Freeze“, hallt es von der Bühne durchs Mikrofon, alle Darsteller im Raum erstarren. Stille, die Zuschauer sehen sich irritiert um.

Musik setzt ein, die Starre löst sich, eine Frau mit Maske starrt mal den einen, mal den anderen Zuschauer an, während ein Pärchen mit Clown-Nasen mit dem Publikum Schabernack mit einer Klobrille und einer Schnur treibt, während Puppen im Hintergrund spielen. Mit der Premiere des „Traumtheaters“ hat am Donnerstagabend die Eröffnung des Interim-Festivals in Ehingen auf dem Volksplatz geendet.

Zuvor hatte OB Alexander Baumann die viertägige Veranstaltung im Zelt eröffnet, dem Festival die „idealen Plattform“ für einen Austausch der kulturellen Vielfalt zugesprochen, um Bestehendes im hiesigen Kulturleben zu vernetzen und Neues zu schaffen. Finanziert wird das Festival vom Land Baden-Württemberg und der Kulturstiftung Trafo, Besucher haben zu allen Veranstaltungen freien Zugang.

Kultur, sagte der OB noch, habe seit jeher in Ehingen einen hohen Stellenwert, worüber er sich aber besonders freue, sei die „generationenübergreifende Zusammenarbeit“ – und verwies auf Jugendhaus und Schwäbischen Albverein Ehingen, die für die Ton-Installation im Wolfertturm gemeinsame Sache machen.

Ehinger erzählen Geschichten

Der Turm ist während des Festivals geöffnet, zu hören sind darin Ehinger, die über ihre Erlebnisse mit dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt sprechen. Dazu sind dort 275 Zeichnungen aus den Händen von Kindern und Jugendlichen aus Kindergärten und Schulen zu sehen, die den Wolfertturm dargestellt haben, wie sie ihn sehen.

Interim findet bereits zum dritten Mal statt, zuletzt in Heidengraben 2017, jetzt in Ehingen – und mit Rainer Markus Walter unter neuer Leitung. Ob er der Grund sei, weshalb Musik diesmal mehr Gewicht bekommen habe, fragte Moderatorin Dana Hoffmann. Ja, es gebe Musik, aber nicht zwingend mehr, „aber der popkulturelle Aspekt hat sich geändert“, antwortete Walter. Ulrike Böhme, seine Vorgängerin bei Interim, habe ihn ermutigt, das mitzubringen, worin er eben zuhause sei: Musik (siehe Info).

Warum er so alltägliche, „recht merkwürdigen Gegenstände“ auf der Kunstwiese eine so große Rolle einräume, fragte Dana Hoffmann Christian Greifendorf, künstlerischer Leiter Bildende Kunst. Er habe mit dem Künstler Edgar Braig, der auf dem Festival mit Besuchern über Vasen sprechen möchte, gemein, dass sie beide die Überflussgesellschaft thematisieren und mit der Kunst Alltagsgegenstände weiter verwenden wollen.

Einen ähnlichen Weg geht Künstlerin Patricija Gilyte mit ihrem „Donau_Wald_Floß“, das aus Christbäumen vom Ehinger Marktplatz und anderen Bäumen besteht. Sie wolle sehen, was passiert, wenn man die Lebensdauer eines Gegenstandes verlängert und zugleich in Ehingen versucht, in die Donau zu kommen. Das sei ja gar nicht so einfach. Am Mittwoch ließ sie das Floß bei Rottenacker zu Wasser – und bis nach Ehingen treiben, begleitet mit einem Filmteam, das das Video am Donnerstag fertig geschnitten hat, damit es auf dem Festival gezeigt werden kann.

50 Darsteller, ein Publikum

„Neues gibt es nicht“, antwortete Andreas von Studnitz, Leiter des „Traumtheaters“, auf die Frage von Dana Hoffmann. Neu sei die Verarbeitung der Sagen und Mythen der Schwäbischen Alb. Wie ein Staubsaugervertreter habe er Klinken geputzt und sich jeden geschnappt, der nicht bei zwei die Tür zugeschlagen habe. Das Ergebnis „sind 50 Leute, die auf sie losgelassen werden“, sagte von Studnitz zum Publikum.

20 Minuten dauert das Spektakel, das mehrmals auf den Ruf „Freeze“ hin erstarrt (zu deutsch: festfrieren, was bei der Sommerhitze draußen und der Gluthitze im Zelt mindestens einen Hauch an Ironie in sich birgt). Das Theater ist die pure Reizüberflutung – auf eine angenehme Art. Es macht neugierig, mehr von allem mitzubekommen. Zwei Vorstellungen gibt es noch, dann ist Schluss.

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Rißtissen

Auszüge aus dem Programm


Musik: Zur Eröffnung spielten „Porter and the Fab Gang“, am Freitag spielen sie erneut, ebenso „Kinga Dobay & Chor“ und weitere Gruppen (von 20 Uhr an). Samstag spielt die Formation „Blechlabor“, zu der sich zehn Musiker mehrere Musikkapellen der Region zusammengetan haben (20 Uhr). Am Sonntag trifft das Trio „Moltke und Mörike“ auf „Pump Gas“, die gemeinsam ein Konzert gestalten (18 Uhr).

Kunst: Die Ausstellung Kunstsphäre Alb ist in der Städtischen Galerie zu sehen, noch bis 10. August. Auf der Kunstwiese am Volksplatz ist bis Sonntag die Ehinger Straßengalerie ausgestellt, mit Fotos von Ehingern. Ferner Fotos von Jaewon Park, die in Ehinger Wohnungen aus dem Fenster hinaus fotografieren durfte.