Fußball Ehinger Kroaten freuen sich über Einzug ins WM-Finale

Ehingen / Christina Kirsch 12.07.2018
Der Finaleinzug der kroatischen WM-Kicker verzückte auch viele Landsleute in Ehingen.

Bei der Abschlussfeier der Realschule tippte der kroatische Schüler Philipp Petrik auf einen 2:1-Sieg für die Kroaten. Doch so ganz siegessicher schien er nicht gewesen zu sein und hatte lange überlegt, bevor sein Nationalstolz die Oberhand gewann. Der junge Mann sollte mit seinem Tipp Recht behalten. Doch bis zum entscheidenden Tor im Halbfinale dauerte es 109 lange Minuten. Die erlebten die Kroaten zwischen Hoffen und Bangen entweder daheim oder in Gaststätten.

Jaulen und Luft anhalten

Der kroatische Hauptstützpunkt für ein öffentliches Mitfiebern ist die Bar „Nuovo“ in der Hauptstraße, die der Wirt zum Open-Air-Kino umfunktioniert hatte. Aus der Nachbarwohnung wurde der Fernseher durchs Fenster herausgereicht und stand auf der Straße. Davor rückten die Fans auf Bierbänken zusammen. Beinahe jeder trug irgendetwas rot-weiß Kariertes auf dem Kopf oder am Leib und viele hatten sich Nationalfahnen um die Schultern gelegt. In der Kneipe lief ein Fernseher, draußen wurde das Fußballspiel übers Internet empfangen und einige starrten auf den Live-Ticker des Handys.

Das frühe 0:1 gegen England sorgte für eine gedrückte Stimmung. Ging es auf das gegnerische Tor, jaulten die Fans erschreckt auf, lieferte ihre Mannschaft einen Fehlpass ab, hielt man die Luft an. Ein 0:1 zur Halbzeit schien man nicht akzeptieren zu wollen und vorsichtshalber fackelten die eingefleischten Fans ihre ersten bengalischen Feuer schon in der Halbzeitpause ab.

Ein Auto kam vorbei und lieferte als Nervennahrung Teigtaschen ab. Raucher drehten eine Zigarette nach der anderen und selbst die Polizei hatte zur Halbzeit aufmunternde Worte: „Da müsst ihr euch aber noch ein bisschen anstrengen.“

Die Aufforderung musste man der Fangemeinde nicht zweimal sagen. Man sang die Cover-Version des Titels „Wir wollen feiern“ mit und hüpfte rund um die Bierbänke. In der Kneipe saßen die Kinder so nahe am Bildschirm, dass er fast über ihnen hing. Von hinten drückten die Erwachsenen rein und draußen beschwerten sie sich, weil das Internet den Spielverlauf mit etwas Verzögerung auf den Schirm brachte. Da wurde drinnen schon gejubelt, während die draußen noch am Zittern waren. Am schnellsten rissen die Handy-Besitzer mit ihren Tickern die Hände hoch, so dass manchmal sekundenlang Konfusion herrscht. War das nun ein Tor? Wer foulte wen? Freistoß oder nicht?

Wie ein Bär stand Drasko Vidovici in der Türe der Bar und schaute mit einem Auge auf den Fernseher und mit dem anderen nach draußen. Dem Ehinger gebührte dieser Ehrenplatz, denn seine Oma ist die Schwester der Oma des kroatischen Trainers Zlatko Dalic. Der drückte seinen Kapitän Luka Modric nach dem Spiel in die Arme und auch die Ehinger Kroaten herzten sich reihum. Überhaupt der Trainer: „Das ist der schönste Mann unter all den Trainern“, meinte eine Zuschauerin, die auch für andere Dinge als den Ball ein Auge hatte. Manchmal sah man vor allem in der ersten Halbzeit gezügeltes Entsetzen in den Gesichtern. Doch dann die Erleichterung: Die beiden Ex-Bundesligaprofis Ivan Perisic und Mario Mandzukic drehten für die Kroaten das Spiel, in das sie über eine Stunde kaum gefunden hatten.

Autokorso will nicht enden

Schon Minuten vor dem Schlusspfiff begann in der Hauptstraße der Jubel. Nach der Verlängerung rissen sich die Kroaten die Fahnen unter den Nagel und die T-Shirts vom Leib. Die Hauptstraße glühte unter bengalischem Feuer und die Anwohner ließen die Fenster lieber geschlossen. Ein nicht enden wollender Autokorso hupte sich durch die Stadt und fuhr am Brunnen unter einer über die Straße gespannten Fahne durch. Bis zum Sonntag können sich die Ehinger Kroaten wieder beruhigen, um sich dann erneut aufzuregen.

Im Finalspiel wartet nun Frankreich – das Land, das den kroatischen Traum 1998 durch einen 2:1-Sieg im Halbfinale platzen ließ. In insgesamt fünf Vergleichen der beiden Länder konnten die „Kockasti“ noch nie gegen die Équipe Tricolore gewinnen. „Aber schon jetzt sind wir die große Überraschung der Weltmeisterschaft“, verkündeten die Kroaten.

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