Ehingen Tarifkonflikt: Keine Schraube reingedreht

Ehingen / Andreas Hacker 03.02.2018
Bei Liebherr in Ehingen stand am Freitag bis auf wenige Ausnahmen das Werk still. Die IG Metall hatte zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Gewerkschaftssprecher Michael Braun kündigt Urabstimmung an.

Kaffee war wichtig am Freitag an den Zugängen zum Liebherr-Werk in Ehingen. In Reihen standen die Thermoskannen, damit die Gewerkschafter, die seit 5 Uhr in der Früh die neun Zugänge kontrolliert haben, etwas Warmes zum Trinken hatten. Mehr als 100 Vertrauensleute der IG Metall und Betriebsräte, schätzt Norbert Betz, waren als Posten im Einsatz, um den ganztägigen Warnstreik geordnet ablaufen zu lassen. Geordnet heißt für den stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden, dass bis auf wenige Ausnahmen niemand ins Werk kam und dort am Freitag „keine Schraube reingedreht worden ist“, wie Betz später in der Kundgebung sagte.

Rund 3300 Beschäftigte hätten sich am Warnstreik beteiligt, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft. Die IG Metall ist bei Liebherr nach eigenen Angaben gut organisiert. Zahlen nennt sie nicht, doch die Wirkung ihres Streikaufrufs war auch so zu erkennen:  Stille im Werk und vor Tor 1 ein bunter Haufen aus Hunderten von Menschen, die gekommen sind, um sich in Streiklisten einzutragen oder wie die Abordnungen von Neuweg in Munderkingen oder Rampf in Allmendingen ihre Solidarität zu bekunden. „Wir drei sind hier zur Unterstützung“, sagte Wilfried Richter, doch die ganze Belegschaft bei Neuweg beteilige sich mit einer Aktion Frühschluss an den Kampfmaßnahmen der Gewerkschaft. „Jeder geht zwei Stunden früher heim.“

Für die 225 Beschäftigten bei Rampf war am Freitag eine Gruppe von etwa 40 bei der Kundgebung dabei. Rampf ist, wie der Betriebsratsvorsitzende Franz Hirschle sagte, zwar nicht tarifgebunden, hat aber über einen noch bis 2019 laufenden Haustarifvertrag geregelt, dass die Ergebnisse beim Entgelt übernommen werden. „Als es bei uns ums Kämpfen ging“, sagt Hirschle, „haben uns die Kollegen von Liebherr unterstützt. Jetzt stehen wir an ihrer Seite.“

Notwendiges wird erledigt

Auch wenn es auf Ebene der Verbände heftige Auseinandersetzungen um die Zulässigkeit der Warnstreiks gibt, verlief der Arbeitskampf am Freitag ruhig. Das lag auch an der Einsicht der Gewerkschaft in betriebliche Notwendigkeiten: So durften Dienstleister, die die Maschinen putzen, am Freitag ins Werk, weil sie sonst am Wochenende hätten arbeiten müssen. Und Logistikpersonal, das zur Abwicklung der 70 bis 80 Lastzüge an Tor 2 notwendig war, bekam genauso Notdienstausweise wie jene Mitarbeiter, die notwendig waren, um einem eigens dafür angereisten Kunden aus Brasilien eine Schulung an einem bestimmten Kran möglich zu machen. „Wir stehen dazu, dass es betriebliche Notwendigkeiten gibt“, sagte Norbert Betz, machte aber wie Michael Braun als Bevollmächtigter der IG Metall deutlich, dass sich die Auseinandersetzung auch verschärfen kann.

Dann nämlich, wenn bei der Wiederaufnahme der Gespräche am Montag von Seiten der Arbeitgeber kein verbessertes Angebot auf den Tisch gelegt werde, wie Braun sagte. „Da läuft etwas schief“, rief er den Streikenden zu, wenn Daimler-Chef Zetsche Rekordgewinne von 14,7 Milliarden Euro verkünde und Liebherr in Ehingen sich über Großaufträge aus Dubai und Moskau freue, aber die Beschäftigten mit ein paar Prozent abgespeist werden sollen. „Es seid doch ihr, die diese Großaufträge erst möglich machen“, rief Braun und mahnte, dass Liebherr-Geschäftsführer Mario Trunzer in seiner Eigenschaft als Berater der Verhandlungskommission der Arbeitgeber sich für einen Abschluss stark machen solle. Sonst sehe die weitere Entwicklung so aus: „Mittwoch und Donnerstag Urabstimmung, und wenn es sein muss, dann Erzwingungsstreik.“

Südwestmetall krtisiert Gewerkschaft

Ausstand Im Bereich der IG Metall Ulm gab es gestern auch ganztägige Warnstreik beim Bushersteller EvoBus und BusWorld Home in Neu-Ulm  mit insgesamt 4000 Beschäftigten. Parallel zu den Warnstreiks fand bei Silit in Riedlingen eine Arbeitsniederlegung mit Kundgebung statt. Hier beteiligten sich 100 Beschäftigte am Warnstreik. Bei Neuweg in Munderkingen haben rund 130 Beschäftigte über alle Schichten zeitweise ihre Arbeit niedergelegt. Die Zahl der in die Warnstreiks einbezogenen Betriebe hat sich damit in der Region Ulm, dem Alb-Donau-Kreis und dem Landkreis Biberach auf 46 erhöht und die Zahl der Warnstreikteilnehmer liegt seit Ende der Friedenspflicht nun bei 29.000.

Arbeitgeber Als „unverantwortlich und völlig unangemessen“, kritisiert die Bezirksgruppe Ulm des Arbeitgeberverbands Südwestmetall (Vorsitzender ist Liebherr-Geschäftsführer Mario Trunzer) die 24-Stunden-Warnstreiks. Diese stellten für die bestreikten Unternehmen eine erhebliche Belastung dar, die drohenden Schäden gingen weit über das übliche Maß von Warnstreiks hinaus. Südwestmetall-Ulm-Geschäftsführer Götz Maier: „Das Streikgebaren ist damit auch Gift für den Standort und alles andere als eine Werbung für die Mitgliedschaft im Flächentarif.“ Maier kritisiert ferner, dass die IG Metall in der jüngsten Verhandlungsrunde ein weitgehendes Angebot der Arbeitgeber abgelehnt habe. Maier betont auch: Die Forderung nach einem Entgeltzuschuss für bestimmte Arbeitnehmergruppen, die ihre Arbeitszeit verkürzen, sei rechtswidrig. Aus diesem Grund seien auch alle Streiks dazu rechtswidrig.