Wenn es in „Klein-Paris“ was zu feiern gibt, spielt meist auch das Wetter mit. Waren die Vorbereitungen am Samstag von Dauerregen begleitet, startete das Fest anlässlich „250 Jahre Kanzleibau in Oberdischingen“ zum „Tag des offenen Denkmals“ gestern trocken. Es wuselte auf dem Kanzleihof und bei der Ausstellung im Rathaus. Mit jeder Stunde verdrängte die Sonne mehr Regenwolken, weshalb das beeindruckende Schauspiel um die legendäre Hinrichtung der Schwarzen Lies von viel Publikum umsäumt war.

Rund 80 Mitglieder der Narrenzunft waren in die eng an die Historie angelehnte Szenerie eingebunden. Lautstark von den heimischen Henkertrommlern begleitet und pünktlich mit dem Läuten des Sünderglöckchens bewegte sich der Tross mit dem Malefizschenk hoch zu Ross und weiteren Amtsmännern sowie dem Hinrichtungskarren von der Allee zum Kanzleihof, wo der Henker schon auf die Verurteilten wartete: die Schwarze Lies, die Gaunerin Elisabetha Gassner, und der Dieb Matthias Käppeler. Dort angekommen herrschte damals Volksfestatmosphäre unter den Schaulustigen. Man erlebte nicht alle Tage eine Hinrichtung, war in der ärmlichen und freudlosen damaligen Zeit die Devise.

Das Volk jubelte dem strengen Reichsgraf zu und freute sich, dass die landesweit bekannte Verbrecherin endlich zur Strecke gebracht würde. Die Verurteilten wurden mit „Unrat“ beworfen und beschimpft – auch gestern Teil des minutiös choreografierten Schauspiels. Nach dem Todesurteil des Malefizschenks Franz Ludwig von Castell wird die Schwarze Lies mit dem Schwert gerichtet, Matthias Käppeler dagegen, dem der Tod mit dem Strang drohte, wird begnadigt.

Enge herrschte bei der Eröffnung der Ausstellung im Rathaussaal. Bürgermeister Fritz Nägele markierte den „Tag des offenen Denkmals“ darin, die Menschen für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren. Heuer liege der Schwerpunkt in Oberdischingen konform zum Jubiläum auf der Baugeschichte und der Entwicklung des Kanzleigebäudes zum Gerichtsgebäude. Letzteres dokumentiert der Museumsverein an zehn Stellwänden. Die umfangreiche Ausstellung und die reiche Historie des Gebäudes erläuterte danach Werner Kreitmeier als Vorsitzender des Museumsvereins und Motor des Kanzleibau-Jubiläums.

Demnach habe der Malefizschenk das Gebäude 1767 als Kanzlei auf den Grundmauern des abgebrannten Oberdischinger Schlosses errichtet, dann 1784 neben der Verwaltung auch als Zucht- und Gerichtshaus genutzt. Enthüllt wurde nun die Rekonstruktion des 1807 abgebrannten Schlosses, von dem passionierten Oberdischinger Modellbauer Wolfgang Glöckler gefertigt. Wie dieser berichtete, habe er 266 Stunden in den Nachbau investiert, 1760 Einzelteile angebracht, unter anderem 96 Fenster mit je zehn Kleinteilen. Die allegorischen Figuren auf dem Schlossnachbau hat die örtliche Künstlerin Sabine Schirmer kreiert.

Präsentiert wurde zudem die schmiedeeiserne Originaluhr vom Ökonomiegebäude des Kanzeleibaus aus dem Jahr 1767. Turmuhren-Spezialist Berthold Rapp aus Granheim, der die Uhr restauriert hat, lieferte interessante Infos zur Technik von einst. Auch die zwei Ölgemälde mit Porträts der Schwarzen Lies und ihres Mannes Johann konnten besichtigt werden. Kurzweilig moderiert wurde die Jubiläums-Veranstaltung den Nachmittag über durch den schwäbischen Barden Bernhard Bitterwolf.