GESCHICHTE Harte Arbeit und Nudismus einst am Vogelhof

Siedler, Lehrer und Freunde der Arbeitsgemeinschaft Vogelhof im Jahr 1923.
Siedler, Lehrer und Freunde der Arbeitsgemeinschaft Vogelhof im Jahr 1923. © Foto: Reproduktion
Erbstetten / CHRISTINA KIRSCH 17.08.2015
Der Vogelhof bei Erbstetten war in den 1920er Jahren eine Landkommune, in der eine Gruppe von Aussteigern die Natur suchte und ein karges Leben fand. Franz Romer berichtete über diese Bewegung.

„Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg waren die Leute hier oben keine Gewöhnlichen“, begann Franz Romer seine Betrachtungen über den Vogelhof in Erbstetten. Eine große Gruppe Interessierter hatte sich vor dem Landschulheim eingefunden, um etwas über die Vergangenheit dieses Anwesens zu erfahren.

Die Geschichte des Vogelhofs beginnt 1868, als Cirillus Rapp, ein Lehrer aus Erbstetten, sich etwas abseits vom Dorf ein Haus baut. Er nennt das Haus Vogelhof. Dieses Haus zieht in den 1920er Jahren Menschen an, die ein anderes Leben führen wollen. Sie wollen zurück zum Ursprünglichen. „Ein neues Dasein, ehrlich wenn auch hart, und bei reiner, giftfreier Lebensführung Herstellung von Beruf, Arbeit und Religion“, zitiert der Autor Hartmut Kistenfeger im Jahr 1987 Matthäus Schwender, einen der Gründerväter der Landkommune. Es müssen auf dem Vogelhof die unterschiedlichsten Menschen zusammengekommen sein, die sich in vielen Dingen nicht einig waren. Matthäus Schwender etwa ist Bankbeamter, der so gut wie keine Ahnung vom Ackerbau hat.

Der Maler und Dichter Willo Rall kommt aus Runheim bei Gaildorf und fertigt Holzschnitte mit Ansichten des Vogelhofes, um mit deren Verkauf Geld für das Projekt zu sammeln. Aussteiger wie Hans Reichart bevorzugten die Mehrehe, berichtete Franz Romer. Am 2. März 1921 besichtigt der Vorstand und Aufsichtsrat der inzwischen von den Aussteigern gegründeten Genossenschaft „Hellauf-Siedlung“ den Vogelhof. Am 21. März 1921 wird das Geschäft mit dem Besitzer, einem Bierbrauer, perfekt. Auf dem Vogelhof trägt man die schlichte und bequeme Reformkleidung und ackert ansonsten auf einem kargen Boden. Alkohol und Nikotin sind verpönt, die vegetarische Lebensweise ist hoch willkommen.

Die Aussteiger fühlen sich einerseits der Wandervogel-Bewegung nahe, meinte Franz Romer, andererseits sind sie „altgermanisch bewegt“. „Es einte sie das Ziel, alles Lebensfremde auszumerzen“, meinte Romer. Die völkische Idee wird auch im „Herbeirufen blonder, lichtvoller Seelen im Hell-auf-Sinne“ vom Stuttgarter Oberreallehrer Friedrich Schöll hoch gehalten. Bis vors Gericht führt die Menschen ihre sommerliche Angewohnheit, im so genannten Lichtkleid, also nackt, herumzulaufen.

1921 und 1922 bauen die Vogelhof-Siedler das „Schlößle“ als erstes selbst errichtetes Haus. Es muss ein entbehrungsreiches und arbeitsreiches Leben gewesen sein, das die Aussteiger leben. „Die Wirklichkeit der kärglichen Verhältnisse auf dem Vogelhof unterschied sich doch zu drastisch von der Gemeinschaft der Siedler-Treffen vor dem Ausstieg“, schreibt Hartmut Kistenfeger in einer Broschüre über den Vogelhof, die die Museumsgesellschaft herausgegeben hat. Die Bauernarbeit fällt den Städtern schwer. Gäste werden gebeten, ein Gastgeschenk zu spenden oder auf dem Hof mitzuarbeiten. Mancher Fahrende habe sich schnell wieder verabschiedet.

Auch anderen Aussteigern ist das Leben zu hart und der Streit untereinander zu unproduktiv. Von 1924 auf 1925 harren nur noch zwei Frauen und vier Männer auf dem Vogelhof aus. Mit dem Lehrer Friedrich Schöll tritt auf dem Vogelhof 1925 eine Verbesserung ein. Der Pädagoge richtet eine Internatsschule und ein Landerziehungsheim ein. Auch dort geht es kernig zu. Von November bis Januar wird im Haus unterrichtet, ansonsten im Freien.

Lehrer und Schüler duzen sich, und die Schüler haben praktische Arbeit zu verrichten. Man wirbt damit, auf der Alb die „Schlacken der Großstadt“ abstreifen zu können. „Fremdblütige“ waren von der Siedlungsgemeinschaft ausgeschlossen.

1938 schließt das württembergische Kultusministerium die Vogelhof-Internatsschule wieder, und der Reichsarbeitsdienst für Frauen richtet 1939 in dem Schulgebäude eine Unterkunft ein. Später werden dort Mütter und ihre Kinder aus dem zerbombten Ulm untergebracht. In den letzten Kriegstagen sollen „Werwolf“-Einheiten auf dem Vogelhof Unterschlupf gesucht haben. Heute ist der Vogelhof ein Schullandheim.

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