Da staunte Ronja Kemmer nicht schlecht, als Oberstadions Bürgermeister Kevin Wiest gestern mit der CDU-Bundestagsabgeordneten einen Rundgang durch das Schulzentrum unternahm. Stolz präsentierte er mit Rektor Tobias Tress das außergewöhnliche Konzept der Grundschule, die nicht als Ganztagesschule angemeldet ist.

Nach den Worten des Bürgermeisters ist das Konzept ein echtes Novum für eine Gemeinde mit kaum 1650 Einwohnern samt Teilorten. So können die 90 Grundschüler nach Anmeldung ein Betreuungsangebot am Montag, Mittwoch und Donnerstag außerhalb der Schulstunden zwischen 7.30 bis 15.15 Uhr nutzen. In den Räumen der früheren Werkrealschule habe man Ruheräume sowie Bereiche für Bewegung und Unterstützung bei den Hausaufgaben eingerichtet. Allein am Montag hätten 17 Kinder die Hausaufgabenbetreuung wahrgenommen. Mehrheitlich werde die etwas abgespeckte „Ganztagesschule“ getragen durch ehrenamtliches Engagement – von einzelnen Bürgern, Vereinen und Lehrern, die in ihrer Freizeit mit weiteren Schülerbegleitern die Hausaufgabenbetreuung übernehmen. Überdies können Schüler in Arbeitsgemeinschaften (AG) wie Theater, Ersthelfer, Experimente, Fußball, Basteln, Spiele und beim Chor mitmachen. Zudem gebe es an drei Tagen einen preiswerten Mittagstisch. Letzterer werde durchschnittlich von zwei Dutzend Schulkindern genutzt, überdies von 15 Mädchen und Buben aus dem Kindergarten. „Das ist ein ganz schöner Trubel in unserer Aula“, berichtete der Rektor spürbar begeistert.

Nur durch Engagement möglich

Übrigens esse er selbst immer wieder dort zu Mittag. Die Angebote der AG’s seien gut besucht. Nach den Worten von Bürgermeister Wiest funktioniere dies nur durch das große bürgerliche Engagement. Wobei dies auch ein Stück weit eine Win-Win-Situation sei. „Das ist für die Vereine eine gute Möglichkeit, aktiv für Nachwuchs zu werben“, sagte Wiest. Wie Rektor Tress anmerkte, sei die Grundschule Oberstadion vom Oberschulamt als Modellschule ausgewählt worden, um zu sehen, wie eine Grundschule zur Ganztagesschule werden kann. Wobei Tobias Tress, selbst Vater von drei Kindern, eigentlich keine feste Ganztagesschule möchte. „Dann müssen die Schüler bis zum Nachmittag hier sein, jetzt dürfen sie es nach Lust und Laune.“

Für die Bundestagsabgeordnete ist die Grundschule Oberstadion ein Paradebeispiel, was mit  Herzblut, Engagement und Flexibilität entstehen kann. Der Bürgermeister und der Rektor möchten das Schulgebäude mittelfristig zum Kinderbildungszentrum und Betreuungshaus entwickeln – von der Kleinkindgruppe über den Kindergarten bis zur Grundschule. Bei ihrem Besuch durfte Ronja Kemmer noch die Kindertagespflege „Bärenbande“ besuchen, in der neun Sprößlinge zwischen einem und zwei Jahren von 7.30 bis 14 Uhr betreut werden. Tagesmütter sind Brigitte Forster und Elisabeth Schneider, die für die Kleinen sogar eigenes Mittagessen kochen. Während erstere, Mütter von drei Kindern, als ausgebildete Kinderpflegerin und Sanitäterin nur 30 Stunden für den Tagesmutterlehrgang aufwenden musste, waren es bei Elisabeth Schneider, deren fünf Kinder schon erwachsen sind, als gelernte Zahnarzthelferin 160 Stunden.

Die Gemeinde hat die Kleinkindgruppe mit dem Tagesmütterverein auf die Beine gestellt. Baulich bedingt war kein Platz im Kindergarten. Diesen zu erweitern, hätte 700 000 Euro gekostet, berichtete der Bürgermeister. Die Bundestagsabgeordnete war begeistert: „Das Angebot für die Kinder ist da. Jetzt kann jede Familie für sich entscheiden, wann sie ihre Kinder in die Betreuung geben möchte.“ Hier sei das politische Ziel, eine Infrastruktur für die Kinderbetreuung zu schaffen, perfekt umgesetzt worden.