Jubiläum Gedenken an Autor von „Ihr Kinderlein kommet“

Oberstadion / Anne Hagenmeyer 11.08.2018

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen sind die Bücher von Christoph von Schmid betuliche Moral-Geschichtchen mit süßlichen Texten, belehrend, und der Unterscheidung von Gut und Böse dienend. Versetzt man sich aber 200 Jahre zurück und betrachtet das Leben der Bauern und deren Kinder in dieser Zeit, dann kann man in dem Pfarrer Christoph von Schmid (15. August 1768 bis 3. September 1854) einen Pädagogen erkennen, der genau wusste, was die Menschen brauchten.

Gerhard Branz aus Mundeldingen hat sich eingehend mit dem Leben und Wirken des Pfarrers beschäftigt und auch eine Biografie verfasst. Er ist sich sicher, dass diese Geschichten den Kindern eine Welt illustrierten, die sie so nicht kannten: „Er konnte anhand einer Geschichte erklären, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen, als zu lügen. Anhand der Geschichte bekamen die Kinder ein Gefühl dafür. Ein Lehrsatz alleine hätte das nicht bewirkt.“

Kindheit gab es bis weit in das 19 Jahrhundert nur im privilegierten Bürgertum und im Adel. Zwar war die Schulpflicht in Württemberg schon 1649 eingeführt, doch galt sie nicht in den Sommermonaten. „Das hat man selbst in meiner Jugend in den 50er und 60er Jahren während der Erntezeit noch recht locker gesehen“, sagt Branz. „Vor 200 Jahren waren die Kinder kleine Arbeitskräfte.“

Als 1815 der damalige Oberstadioner Pfarrer starb, war Christoph Schmids Bruder Martin als Rentamtmann im Oberstadioner Schloss beschäftigt. Da lag es nahe, die Chance zu ergreifen und die Geschwister zusammen zu führen. Die Schwester Franziska führte Christoph den Haushalt. Einfach gestaltete sich die Übersiedlung nicht, war Christoph Schmid im bayerischen Tannhausen tätig und Oberstadion lag im württembergischen Ausland. Doch am 4. März 1816 nahm Christoph Schmid, Schulinspektor in Tannhausen, Abschied und zog mit seiner Schwester um.

Noch wusste niemand, dass dem verregneten Frühjahr kein Sommer folgen sollte: Das Jahr 1816 ging in die Geschichte als das Jahr ohne Sommer, das Hungerjahr, ein. Niemand konnte sich erklären, warum es in diesen Julitagen nicht richtig hell wurde, es im August schneite und die Ernte komplett ausfiel. Erst hundert Jahre später führte man dieses Wetterphänomen auf einen indonesischen Vulkanausbruch zurück, der die gesamte nördliche Hemisphäre verdunkelte.

Christoph Schmid war 48 Jahre alt, als er seine erste Pfarrstelle antrat und musste (natürlich zu Fuß) die Gemeinden Oberstadion mit Bühl, Moosbeuren, Mühlhausen, Mundeldingen, Rettighofen und Unterstadion versorgen. Im Pfarrhaus kamen Bauarbeiten nicht voran, und Schmid richtete sich unterm Dach eine kleine Schreibstube ein, die er sogleich mit einem gusseisernen Ofen ausstattete. Er ist heute als Ausstellungsstück in der Gedenkstätte zu sehen.

Bis zu seinem Umzug nach Oberstadion hatte der Pfarrer und Schulinspektor schon zahlreiche Bücher verfasst. 1816 wurde die Erzählung „Die Ostereyer“ fertig. Sie wurde so populär, dass die erste Auflage innerhalb eines Jahres verkauft war. Doch der Erfolg machte Christoph Schmid das Leben nicht leichter: Auch das Jahr 1817 war vom Hunger gezeichnet, und Schmid gründete einen Hilfsverein für die Bauern, verteilte Saatgut, das Württembergs Königin Katharina den am schlimmsten betroffenen Gemeinden zukommen ließ.

Auch um die Moral war es nicht gut bestellt: Branz recherchierte in seiner Biografie Schmids: „Soldaten verschiedener Heere und Räuberbanden machten das Land unsicher.“ So versteckte sich die spätere Begleiterin des berüchtigten „Schwarzen Vere“, Maria Josepha Tochtermann, bei ihrer Base in Oberstadion.

Im Pfarrvisitationsbericht von 1818 lobt der Ehinger Dekan Dr. Johann Nepomuk von Vanotti den neuen Pfarrer in Oberstadion, „auch die Gemeinde sey mit dem Gottesdienst zufrieden und niemand könne die geringste Klage haben. Der Pfarrer wünsche sich ein besseres Singen und Musizieren“.

Auf der anderen Seite bemängelt Dekan Vanotti „die vielen unehelichen Kinder, das lange nächtliche Sitzen in Wirtschaften und Kunkelstuben, auch Trunkenheit, nächtliche Ruhrstörungen, Diebstähle und Bettelei unter dem Vorwand des Handels. Die Eltern sollen ihre Kinder besser zum Unterricht anhalten und nicht so gleichgültig sein“.

Vier Jahre später, 1822, wird Schmid aufs Neue von Vanotti gelobt: „Pfarrer Schmid hat bedeutende Verbesserungen am Pfarrhaus gemacht und dies auf eigene Kosten! Der Schulbesuch hat sich seit 1818 verbessert, Pfarrer Schmid ist sehr fleißig, und soviel es seiner geschwächten Gesundheit erlaubt, in allen Theilen der Seelsorge, besonders dem Unterrichte der Jugend tätig. Er besitzt Liebe und Achtung seiner Pfarrgemeinde. Jede freie Minute nutzt er zu literarischen Arbeiten.“

In der Zwischenzeit verfasste Schmid eine ganze Sammlung von Geschichten für Kinder, und 1819 erschien in „Blüthen, dem blühenden Alter gewidmet“ das Kinderlied. „Ihr Kinderlein, kommet“. Gerhard Branz hat eine Erklärung dafür gefunden, wie das Weihnachtslied in die Welt hinausging: Als es im Jahr 1869 in den Sammelband „Die Missionsharfe aufgenommen und in der Folge 25 Mal neu aufgelegt wurde, gelangte es so an alle Missionsstationen auf der Welt. Es folgten Übersetzungen, auch die von Schmids Hauptwerken – „Die Ostereyer“, „Rosa von Thannenburg“, „Der Weihnachtsabend“, „Genovefa und Heinrich von Eichenfels“.

Es waren 50 Bücher, die in 24 Sprachen übersetzt wurden. Schmid war gegen Ende des 19. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Jugendbuchautoren.

In einem Begleitschreiben zu den Medaillen in der Christoph-von-Schmid-Gedenkstätte heißt es: „In Anerkennung seiner Verdienste und Leistungen für die Jugendbildung befördert ihn Seine Majestät der König von Bayern (Ludwig I.) im Jahre 1827 zum Domkapitular nach Augsburg. . .“

Für Christoph Schmid (er entstammte einer Beamtenfamilie und wurde in Dinkelsbühl geboren; dort steht auch die abgebildete Skulptur) hieß das Abschiednehmen. 1837 folgte in Augsburg eine zweite Ehrung: Die Verleihung des Ritterkreuzes des „Königlichen Civil-Verdienstordens“, was einer Adelung entsprach: Aus Christoph Schmid wurde Christoph von Schmid. 1848 erhielt er den Ehrendoktor der Karl-Ferdinand-Universität in Prag.

Am 3. September 1854 starb Dr. theol. Johann Nepomuk Christoph Friedrich von Schmid in Augsburg an der Cholera.

Am Sonntag Gedenkgottesdienst

Gedenken Am Sonntag feiert die
Gemeinde Oberstadion anlässlich des 250. Geburtstags von Christoph von Schmid einen Gedenkgottesdienst, den die Musikgruppe gestaltet (10.30 Uhr, Kirche). Es werden Texte von Christoph von Schmid vorgetragen. Die Gedenkstätte im Keller des Rathauses, neben der Gemeindebücherei, wird geöffnet sein. Dort befinden sich vier Schaukästen, in denen sich, wie auch im Krippenmuseum, Miniaturen von biblischen Szenen finden – in diesem Fall sind es Illustrationen zu Schmids Liedern. Zu sehen ist außerdem der Ofen des Pfarrers, seine erste Anschaffung im Kältejahr 1816.

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