Hans-Peter Huber weiß, dass er nicht der Erste ist, der in diesen Zeiten ein vergleichbares Video ins Netz stellt. Bereits in der vergangenen Woche hatte ein Bäcker aus Niedersachsen verzweifelt an die Bevölkerung appelliert, weiterhin bei seinen Kollegen und ihm einzukaufen, weil kleinen Betrieben in der aktuellen Krise schneller die Luft ausgehe als großen. Das Video erreichte in sozialen Netzwerken und Nachrichtensendungen  bundesweite Beachtung.

Sich etwas Luft verschafft

In der Nacht zum Sonntag hat sich auch Hans-Peter Huber zu einem solchen Schritt entschlossen. In einem 20-minütigen Facebook-Video beschreibt der Wirt des Gasthofs Ochsen in Ehingen die Lage seines Betriebs, und, wie er sagt, die Lage der Branche sowie aller kleinen Unternehmen. Mit seiner Ansprache wolle zum Nachdenken anreden, und sich selbst „etwas Luft verschaffen“. Er wende sich an Politiker sowie an alle Entscheidungsträger bei Kreditinstituten und Bürgschaftsbanken von Bund und Land.

Sichtlich ergriffen

Sichtlich ergriffen sagt Huber: „In dieser sehr schweren Krise, die uns alle, nicht nur die Gastronomen betroffen hat“, wolle er sich äußern. „Weil wir alle am Abgrund stehen.“ Man brauche „dringendst, schnellstmöglich einfachste Mittel“, sagt Huber. „Wir sind funktionierende Gasthäuser, Restaurants Kneipen, Hotels, Pensionen mit jeder Menge Mitarbeiter“, betont der Wirt.

„Stehen mit nichts da“

„Wir geben alles, wir machen unseren Job, unsere Arbeit mit Herz Leib und Seele, wir sind Gastgeber, wir möchten arbeiten, tragen aber auch Verantwortung für Gesundheit von Mitarbeitern und Gästen.“ Dann wendet sich Huber direkt an die Politik: „Daher haben wir auch ohne großes Murren, ohne großes Gezeter Ihre Anordnungen befolgt – und nun stehen wir letztendlich mit nichts da.

„Halten nicht lange durch“

Zwar gebe es Kollegen, die auf Vermögen zurückgreifen könnten. Vor allem aber kleinere Betriebe, Pachtbetriebe in erster Linie, verfügten über kein Polster. Auch wenn man bisher am Monatsende nicht habe knausern müssen, kommt Huber zu dem ernüchternden Schluss: „Wir halten keinen weiteren Monat durch. Keine drei Wochen. Sowieso in dieser Zeit nicht.“

Kein Frühjahrs-Aufschwung

Ungeachtet der Corona-Krise seien die ersten Monate des Jahres nicht die besten für die Gastronomie und Hotellerie. Nach Weihnachten und Silvester seien viele sparsamer, zudem sei Fastenzeit. Normalerweise ziehe das Geschäft Ende März, Anfang April wieder an. „Dann kommt die gute Zeit. Wir haben dann sehr, sehr viele Gäste. Wir haben Radfahrer, wir haben Wanderer, wir haben Tagestouristen, wir haben Wochenendtouristen, wir haben Langzeittouristen, wir haben Geschäftsreisende.“ Jetzt aber sei vieles anders.

Mitarbeiter erwarten ihr Gehalt

Trotzdem erwarteten die Mitarbeiter, dass Anfang des Monats ihr Gehalt überwiesen wird. „Viele haben Wohneigentum oder müssen andere Verpflichtungen erfüllen“, sagt Huber. Ohnehin sei die Gastronomie kein überbezahlter Berufsstand. „Wir leben von den Trinkgeldern, von den Zuschlägen.“ All das werde bei der Bemessung des Kurzarbeitergelds nicht berücksichtigt. Huber nennt ein Beispiel: Wenn jemand 1900 Euro netto verdiene, könne er mit lediglich zwei Dritteln kaum über die Runden kommen. Zudem müssten viele Mitarbeiter in der Gastronomie mit weniger auskommen.  Aber solange man keine 35 Euro für einen Zwiebelrostbraten oder 5,50 Euro fürs Bier verlangen könne, seien auch in guten Zeiten keine höheren Löhne drin. Jetzt aber, in der Krise, brauche die Branche großangelegte Sofortmaßnahmen seitens der Politik. „Meine Mitarbeiter möchten wissen, was Sache ist.“

Stundung wäre Tropfen auf den heißen Stein

Ihm sei klar, dass derzeit viel los sei – sowohl bei den Banken als auch bei der Arbeitsagentur, an die er sich bereits gewandt habe. Er bedauere die Überlastung der Mitarbeiter dort, müsse aber auch seinen Verpflichtungen nachkommen: Strom und Gas werden abgebucht, Umsatzsteuer sei fällig: „Auch für den kleinen Umsatz, den wir im März gemacht haben.“ Eine Stundung wäre ein Tropfen auf den heißen Stein, notwendig seien Instrumente für eine großangelegte Sofortauszahlung.

Huber: Mit offenen Karten spielen

Huber appelliert an die Politik, mit offenen Karten zu spielen. Wenn die Wirtschaft an die Wand zu fahren drohe, müsse das offen kommuniziert werden: „Halten Sie uns nicht hin.“ Im schlimmsten Fall könne man gleich aufgeben. Wenn die Einschränkungen länger dauern als der Staat die Unternehmen „irgendwie durchschleusen“ könne, wie sich Huber ausdrückt, dann müsse das klar gesagt werden. Diese Offenheit hätten alle verdient, die den eigenen Betrieb und damit das Land vorangebracht hätten.

Selbst keine einfachen Zeiten

Er selbst hatte keine einfachen Zeiten, sagt Huber. Der Wirt spielt damit auf seine Insolvenz durch den Betrieb der Lindenhalle an, ohne näher darauf einzugehen. Mit dem Geschäft im „Ochsen“ sei er bisher zufrieden gewesen, und dank vieler Buchungen habe er „mit großem Optimismus in das Jahr 2020 geblickt. Obwohl unser Umfeld auch nicht gerade ganz einfach ist.“

Die Kleinen sind die tragende Säule

Die tragende Säule der deutschen Wirtschaft seien nicht die großen börsennotierten Konzerne, sondern die kleinen Unternehmen, sagt Huber. Diese Betriebe und ihre Mitarbeiter trügen einen großen Teil der Steuerlast. „Wir Kleinen sind die, die Euer Salär sichern“, sagt Huber in Richtung Politik, und mit ihren Steuern die Infrastruktur am Laufen hielten.  „Wir wollen alle, dass es weitergeht. Und dass es wieder aufwärts geht.“

„Pokern Sie nicht“

Jetzt, in der Krise, stehe man zusammen und helfe einander. Er sei guten Mutes, dass die Politiker die richtigen Entscheidungen träfen, meint der Gastonom. „Und dass wir nach dieser Krise, und während dieser Krise zwar nicht entspannt, aber einigermaßen beruhigt vielleicht mal wieder eine Nacht durchschlafen können und Zuversicht gegenüber den Mitarbeitern ausstrahlen können.“ Huber ergänzt: „Das machen wir auch jetzt schon. Aber es fällt nach jedem Tag schwerer, weil wir keine Signale von Ihnen erhalten, wie es weitergeht.“ Sein dringender Appell an die Bundespolitik lautet daher: „Sind Sie so gut, nehmen Sie ihr Herz in die Hand, pokern Sie nicht mit unseren Gefühlen und Hoffnungen. Sind Sie so ehrlich und sagen: Leute, es geht oder es geht nicht.

Verordnung


Geschlossen „Alle Restaurants und Gaststätten im Land müssen schließen“, heißt es in der Verordnung der Landesregierung, die am vergangenen Samstag in Kraft getreten ist. Ausnahme: „Essen zum Mitnehmen und auf Bestellung bleibt aber weiterhin möglich.“ Wie andere Gastronomen auch nutzt Hans-Peter Huber diese Möglichkeit. Die Verordnung betrifft auch Cafés, Cafés in Bäckereien und Eisdielen.

Geöffnet Die Schließungs-Anordnung des Landes gilt unter anderem nicht für Kioske, Hofläden und Metzgereien. Auch Tankstellen haben geöffnet.