„Gottes Güte als Maß“ – so lautete das Thema der ersten Fastenpredigt in der Liebfrauenkirche am Sonntag. Dabei ging es um einen fundamentalen christlichen Wert: um Gerechtigkeit, die, mit der Liebe Gottes verknüpft, eine ganz andere Bedeutung bekomme.

Mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg suchte Referentin Dr. Irme Stetter-Karp, Leiterin der Hauptabteilung Caritas im Bischöflichen Ordinariat, ein Beispiel christlicher Fürsorge, das so gar nicht zu unserem irdischen Gerechtigkeitssinn passen will: Da wird das Reich Gottes mit einem Weinbergbesitzer verglichen, der am Morgen Arbeiter für die Arbeit im Weinberg einstellt. Er vereinbart mit ihnen einen Tagelohn von einem Denar, einem Silberstück.

Den Widerspruch aufgeklärt

Der Weinbergbesitzer geht nach jeweils drei Stunden weitere drei Mal, und ein letztes Mal nach elf Stunden auf den Marktplatz, um Arbeiter einzustellen. Am Ende des Arbeitstages, nach zwölf Stunden, bezahlt er zuerst die zuletzt Eingestellten, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, ein Silberstück. Auch alle anderen erhalten diesen Lohn.

Stetter-Karp verstand es in ihrem Vortrag, den Widerspruch der vermeintlichen Ungerechtigkeit aufzuklären. Sie ging auf die sozialhistorische Bedeutung des Bibeltextes ein, der so interpretiert wird, dass ein Denar Tageslohn die Summe war, von der eine Familie satt wurde. Und plötzlich scheint der Lohn gar nicht mehr so ungerecht. Da wird einfach nicht die Leistung des einzelnen belohnt, sondern dem Menschen das gegeben, was er braucht.

Von Aschermittwoch bis Ostern Fasten: Das musst du wissen

Ulm

Die Referentin, die aus der Sozialarbeit der Caritas kommt,  stellte somit unser Leistungsprinzip in Frage, solange es mit dem Menschen untrennbar verbunden ist: Wer viel leistet, bekommt viel, wer wenig leistet, hat weniger verdient. „So wird uns Gott nicht sehen“, meinte die Katholikin und forderte auch die Christen dazu auf, den Menschen nicht unter diesem Gesichtspunkt wahrzunehmen. „Überall, wo Jesus gewirkt hat, beginnen die Gleichnisse mit: Jesus kam und sah“. Er habe eine Wahrnehmung gehabt, die uns Vorbild sein könne, den ganzen Menschen zu sehen, sich für sein Leben zu interessieren, die Vorgeschichte, die ihn an den Punkt gebracht habe, an dem er gerade stehe.

Die Letzten sind die Ersten

Mit dieser Wahrnehmung, sagte Stetter-Karp, könnten wir erkennen, warum Geflüchtete bei uns ein neues Zuhause finden wollen, warum Frauen in der Prostitution landen. Dieses genaue Hinsehen, meinte sie, ist die Praxis der Diakonischen Verbände und diese Praxis führe direkt zum Bibelspruch: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“

Das könnte dich auch interessieren: