Verkehr Fahrradfahrer leben im Schmiechtal riskant

Gundershofen / Bernhard Raidt 08.10.2018
Ein Fahrrad-Pendler berichtet, was er auf der unfallträchtigen Kreisstraße von Gundershofen nach Böttingen erlebt.

Motorradunfälle auf der Kreisstraße zwischen Gundershofen-Springen und Böttingen sind traurige Routine. Erst Mitte September flog der Rettungshubschrauber einen 20-Jährigen schwer verletzt in eine Klinik. Die Strecke ist wegen ihrer vielen Kurven bei den „Bikern“ beliebt.

Einer, der einen ganz eigenen Blick auf die Geschehnisse hat, ist Jörg Hailer aus Altheim. Er fährt regelmäßig mit seinem Elektro-Fahrrad nach Münsingen-Auingen zur Arbeit und wieder zurück. Dabei muss er – wohl oder übel – die Kreisstraße nutzen. Das, was offiziell durch die Polizeiberichte bekannt werde, sei längst nicht alles, sagt er. Nur die Motorradfahrer, die verletzt liegen bleiben, werden erfasst. Es gebe aber weitaus mehr Unfälle. „Ich sehe sie dann, wenn sie etwa ihre kaputten Spiegel einsammeln“, sagt Hailer. Kürzlich habe er auch einem geholfen, der ins Grüne gerauscht sei. „Der hat nur gejammert, dass seine neue Maschine kaputt sei. Dabei hätte er mich beinahe auch erwischt. Das war ihm aber egal.“

Als Fahrradfahrer sei die Fahrt über die Kreisstraße ein echtes Risiko. „Ich höre sie meistens nicht, weil ich selber den Fahrtwind im Ohr habe. Sie rauschen dann mit einer enormen Geschwindigkeit an mir vorbei, ich erschrecke jedes Mal.“ Lärm, Geschwindigkeit und ein Überholen ohne Sicherheitsabstand seien die Regel. Noch viel beklemmender empfindet Hailer die Situationen, wenn ihm Motorradfahrer am Ausgang einer Kurve entgegenkommt. Die seien viel zu schnell und drifteten immer weiter, den Mittelstrich überfahrend, auf seine Spur. Er überlege sich dann die ganze Zeit, ob der wohl die Kurve schaffe und knapp vorbeiziehe oder ob´s diesmal doch nicht reiche. „Da können die Sekunden ganz schön lang werden …“

Neue Planken, weniger Bewuchs

Beim Alb-Donau-Kreis ist das Problem mit der unfallträchtigen Motorradstrecke bekannt. Anfang September hat es eine erneute Verkehrsschau gegeben. Die Verkehrssicherungsmaßnahmen wurden danach nochmals ausgeweitet, schreibt das Landratsamt. Weiter talwärts in Richtung Springen wurden etwa in einem weiteren Kurvenabschnitt Stahlschutzplanken mit Unterfahrschutz für Motorradfahrer installiert. Die Unfallauswertung habe gezeigt hat, dass Verkehrsteilnehmer den engen Kurvenradius offenbar nicht richtig einschätzen.

Zusätzlich werden auf den Leitpfosten weitere rot-weiße Kurven-Warnhinweise angebracht. Und auch die neu installierten Schutzplanken erhalten Warnreflektoren. Damit die Übersicht auf der Strecke zudem besser wird, schneiden Mitarbeiter der Straßenmeisterei Merklingen im Kurvenbereich den Bewuchs zurück. Durch diese Maßnahmen soll der Fahrbahnverlauf deutlicher gemacht werden. In die neuen Maßnahmen seien die positiven Erfahrungen mit eingeflossen, die man mit den schon aufgestellten Schutzplanken mit Unterfahrschutz für Motorradfahrer gemacht habe, schreibt das Landratsamt..

Radfahrer wie Jörg Hailer leben auf der Strecke aber weiterhin gefährlich. Denn für sie sind keine Maßnahmen vorgesehen. Die Gründe? Ein Pendlerverkehr per Rad in Richtung Münsingen sei auf der Strecke nicht feststellbar, schreibt das Landratsamt. Seit 2003 sei auch kein Radunfall auf dieser Kreisstraße mehr vermerkt worden. Wegen der Tallage sei der Bau eines Radwegs dort auch sehr schwierig und nur mit hohen Kosten zu stemmen. Die Radwegekonzeption des Kreises, die der Kreistag vor einem Jahr einstimmig verabschiedet hat, sehe aufgrund des geringen Fahrradaufkommens auch keine Priorität für einen separaten Radwegebau, berichtet Bernd Weltin, Pressesprecher des Landratsamtes. Zudem gebe es für Touristen alternative Routen zwischen Münsingen und Schelklingen. Die vom Kreis ausgeschilderte Strecke führe von Schelklingen über Hütten, Sondernach, Schandental-Unterheutal in Richtung Münsingen.

Doch die Touristenroute bedeutet für Berufspendler einen Umweg. Radfahrer Hailer wünscht sich generell auch die Anerkennung von Radfahrern als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer, die zudem ein umweltschonendes Transportmittel nutzen. Und Hailer hofft auf mehr Kontrollen auf der Strecke: „Dass kontrolliert wurde, habe ich noch nie gesehen.“

Kontrollen durch die Polizei

Uwe Krause vom Polizeipräsidium Ulm berichtet dazu, dass die Verkehrskontrollen mit dem Schwerpunkten auf Motorrädern in der Regel vom Verkehrskommissariat Mühlhausen gemacht werden. Die Beamten dort überwachen auch weitere unfallträchtige Motorradstrecken, etwa die L 1200 Wiesensteig. Sie richten sich dabei auch nach dem Wetter, das die Motorradfahrer als  besonders günstig ansehen. Insbesondere werde auch an Wochenenden kontrolliert, schreibt Krause. Aktuelle Schwerpunktkontrollen auf der Straße von Gundershofen nach Böttingen seien am 16. August und am 12. September gewesen. Zudem überwache das Polizeirevier Ehingen im Rahmen der Streife die Strecke. Eine Ausdehnung der Motorrad-Kontrollen ist laut Krause im laufenden Jahr nicht vorgesehen – die Motorrad-Saison gehe ja auch zu Ende. Für kommendes Jahr stünden erneut anlassbezogene Zweiradkontrollen auf dem Überwachungsplan.

Mehr Schutz für die Anwohner

Sowohl Polizei als auch Landratsamt betonen, dass auf der Strecke mehrfach auf die gefährlichen Kurven und auf das vorgeschriebene Tempo 70 hingewiesen werde. Das sieht Radfahrer Hailer allerdings skeptisch: „Unbelehrbare, die auf der Strecke Rennen fahren, werden durch so Schilder nicht sonderlich beeindruckt.“

Hailer hat noch andere Erfahrungen mit der Straße gemacht. Der Forstwissenschaftler hatte auf der Strecke schon einen Reisteil erworben, in dem er Holz machte. Aber mit einem Anhänger vom Wald zurück auf die Straße zu kommen, war jedes Mal ein Risiko. „Da hatte ich schon Angst, dass einer um die Kurve schießt.“

Gundershofens Ortsvorsteherin Doris Holzschuh bestätigte im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE vor einiger Zeit, dass die Bürger die Strecke mieden – aus Angst vor Rasern. Jörg Hailer sagt, er erwarte nicht, dass speziell etwas für Radfahrer getan werde – aber für alle unbeteiligten Verkehrsteilnehmer und die Anwohner schon. Für sich selbst hofft er, die Strecke ohne Kollision mit einem Motorradfahrer weiter benutzen zu können. „Aber ich befürchte manchmal, mein Glück ist irgendwann aufgebraucht.“

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