Allmendingen / Anne Hagenmeyer Der Vortrag „Wie leben Muslime in Deutschland?“ des Islamwissenschaftlers Hussein Hamdan in Allmendingen stößt auf großes Interesse.

Hussein Hamdan hatte Pfarrer Martin Jochen Wittschorek einen Islamwissenschaftler nach Allmendingen ins Pfarrer-Sailer-Haus eingeladen, der Aufklärungsarbeit zur Frage „Wie leben Muslime in Deutschland?“ leistete und auf viel Interesse stieß.

Der Islamwissenschaftler mit Orientalistik-Studium positionierte sich zuerst einmal selbst: „Ein Islamwissenschaftler ist kein Imam. Ich wurde auch von keiner Moschee geschickt“, sagte der Experte. Er sei kein Theologe und sehe mit einem kritisch hinterfragenden Blick auf Religion, Tradition und Kultur. Seit Juni 2012 ist Hamdan an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig.

Den Islam gibt es nicht“, sagte Hamdan, „hingegen gibt es viele Glaubensrichtungen im Islam. Er ist eine pluralistische Religion.“ Pluralistisch sei auch die größte Gruppe Einwanderer in Deutschland, die türkischen Gemeinden. Der türkischstämmige Bevölkerungsanteil in Deutschland sei mit rund 4,5 Prozent nicht so hoch, wie viele glaubten.

Da es im Islam kein Register, vergleichbar mit einem Kirchen- oder Taufregister gibt, werden die Einwanderungsgruppen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) laut der Einteilung im Herkunftsland kategorisiert. Für Hamdan eine deutliche Fehlerquelle, die er am Beispiel Iran erklärt. „Im Iran gibt es 80 Prozent Schiiten – das Bamf übernimmt die Zahl, ungeachtet der Iraner, die ihr Land nach der Revolution verlassen haben und ohne Religion sind, den Zoroastrismus verehren oder zum Christentum konvertiert sind.“

Hamdan, dessen Weltbild auf interreligiösen Dialog nach allen Richtungen ausgerichtet sei, warnt vor einem Dialog mit Salafisten, aus deren Reihen auch Anhänger des so genannten Islamischen Staates hervorgingen. Als Beispiel nennt er Pierre Vogel, dem immer wieder viel zu viel Raum in Talkshows geboten werde, um seine Ideologie zu verbreiten. „Im Gegensatz zu vielen anderen Religionsverbreitern haben die Salafisten die modernen Medien eingesetzt und erreichen über Youtube die Jugendlichen.“

Mit allen anderen Gruppierungen sucht Hamdan den Dialog, bemängelt aber die fehlende Struktur in den religiösen Gruppierungen. Der größte Verband in Deutschland, Ditib, sei ein von der Türkei aus staatlich kontrollierter Verband, der in Deutschland viele Moscheen baut. Dem gegenüber steht die Gülen-Bewegung, deren Mitglieder seit dem Putsch weltweit verfolgt werden. Gülen setze auf Bildung und war hier auch in islamischen Bildungseinrichtungen zu finden. Für Muslime aus aller Welt ist in Deutschland der Zentralrat der Muslime zuständig. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl kleinerer Verbände wie die der Aleviten, die eine liberale Haltung zu religiösen Regeln haben.

Dialogaufbau ist schwierig

Das Hauptproblem mit den Verbänden sieht Hamdan darin, dass sie keine hauptamtlichen Vertreter hätten, die verlässlich in ein kommunales Geschehen eingebaut werden können: „Für einen Bürgermeister ist es schwierig, den Dialog aufzubauen, wenn ein Moscheevorsitzender arbeiten geht und für die Belange seiner Gemeinde nur am Sonntagnachmittag zu sprechen ist.“

Die Zukunftsaufgabe der türkischen Verbände werde sein, „hier in Deutschland deutschsprachige Strukturen aufzubauen, Körperschaften des öffentlichen Rechts, immer auf der Basis unseres Grundgesetzes“, betonte der Referent. Er sieht darin auch eine große Emanzipationsaufgabe. Die Verbände müssten seiner Ansicht nach eigenständig arbeiten können. Erst dann sieht der Islamwissenschaftler die Voraussetzung geschaffen, um eines Tages sagen zu können: „Der Islam gehört zu Deutschland“.