Ehingen Essen aus dem Container: Dumpster Diver sind in Ehingen unterwegs

KARIN MITSCHANG 07.01.2015
Sie machen sich strafbar und sie lehnen die Routine der Wegwerf-Gesellschaft ab: Dumpster Diver sind nachts auch in Ehingen unterwegs, um aussortierte Lebensmittel aus Containern zu fischen.

Einmal wird es brenzlig. Paul und sein Kumpel wollen sich gerade aus dem Staub machen, da sind plötzlich mehrere Leute auf dem Gelände. Bauarbeiter wohl. Nach 24 Uhr? Die zwei verstecken sich schnell zwischen zwei Containern. Nur nicht gesehen werden, nur nicht Antworten geben müssen. Die Container sind diesmal mit einem Schloss gesichert, die Rucksäcke sind leer geblieben. Herzklopfen. Wie im Film. Warten, fünf Minuten, zehn Minuten. Es fühlt sich an wie eine halbe Stunde. Es ist kalt. Dann gehen die Männer endlich. Die Luft ist rein. Schnell weg.

Äußerst vorsichtig geht Paul stets vor, wenn er zwischen 23 und 3 Uhr nachts aus Containern der Supermärkte in Ehingen abgelaufene oder teilweise kaputte Lebensmittel fischen geht. Unauffällige, dunkle Kleidung zieht er dann an. Mütze oder Hoodie-Kapuze auf dem Kopf, Rucksack am Rücken. Manchmal ist sein Kumpel dabei, manchmal ist er allein. Er ist schon seit fünf Jahren ein Dumpster Diver, einer, der sich zwar sein Essen auch kaufen könnte, der Angestellter im Einzelhandel ist, aber der es nicht gut findet, wenn abgelaufene Lebensmittel weggeworfen werden, weil niemand mehr dafür zahlen will.

"Dem Wegwerf-System den Mittelfinger zeigen", nennt es eine Bekannte, die ebenfalls schon beim Containern dabei war, es aber nach der Geburt ihres Kindes aufgegeben hat. "Das ist auf jeden Fall aufregend, wenn man so spät nachts in schwarzer Kleidung loszieht", räumt sie ein, auch wenn sie es aus anderen Gründen tat. Um zu rebellieren. "Ich habe immer schon gern rebelliert."

Einmal schien ein Supermarkt viel zu viele Bananen bestellt zu haben, sagt die Angestellte. "Die waren zwar schon braun, aber ich konnte damit die ganze Woche lang Bananenmilch machen." Auch einwandfreie Orangen habe sie schon gefunden, oder Kartoffeln mit Trieben. "Klar, man findet da nichts, was noch super aussieht. Aber es sind immer noch Lebensmittel, die da weggeworfen werden. Was Schlechtes kann man ja abschneiden."

Ein Kumpel aus Berlin hatte Paul vor fünf Jahren erzählt, dass er Dumpster Diving betreibe. "Ich fand die Idee super und habe es dann ausprobiert." Später erzählte er einem Kumpel davon, und der probierte es auch, dann seiner Bekannten. Außer den Dreien muss es noch weitere von ihnen geben, die er selbst nicht kennt: "Einmal habe ich tagsüber jemanden gesehen, aber nur im Vorbeifahren." Möglicherweise war es auch jemand, der aus blanker Armut in den Containern fischte. Eine Containerer-Szene gebe es in Ehingen nicht.

Nicht immer wird Paul fündig, zumal etwa Edeka den Müll unzugänglich bis zur Abholung aufbewahrt. Doch wenn die Container unverschlossen sind, findet er meistens etwas, auch wenn die Konzerne offiziell nicht wahrhaben wollen, dass gute Lebensmittel bei ihnen weggeworfen werden. Paul weiß es besser: Mandarinen- oder Orangennetze, in den eine Frucht einen tiefen Kratzer abbekommen hat und schimmelt, zum Beispiel, ärgern ihn. "Die anderen sind trotzdem noch gut. Ich denke mir dann schon: Mann, was schmeißt ihr hier weg?!" Allerdings ist auch ihm klar, dass Großkonzerne eben leider nur genormte Waren verkaufen und keine Teile davon vermarkten können.

Es sei ein gutes, wenn auch ein zwiespältiges Gefühl, in Mülltonnen zu wühlen, sagt Paul, der seinen echten Namen nicht öffentlich nennen will, gerade weil man ihn sonst wohl als Müll-Esser verunglimpfen würde. Dass er sich strafbar macht, stört ihn naturgemäß, doch als Dieb oder Einbrecher sieht er sich selbst nicht. "Ich nehme ja, was andere wegwerfen. Das ist deren Müll! Und ich zerstöre nichts. Wenn ein Container verschlossen ist, habe ich eben Pech."

Paul geht nur in der kalten Jahreshälfte an die Container. Im Sommer vergammeln die Lebensmittel zu schnell und es kann gesundheitsschädlich werden. Er sucht nach dem "Re-Food-Container", in dem Obst und Gemüse ist. Nicht nach dem Container mit dem verpackten Müll, ausgelaufenen Joghurts und Ähnlichem. Informationen über diese Abfall-Systeme hat er nicht. "Mich würde das schon mal interessieren, was mit dem Inhalt eigentlich passiert, ob das Schweinefutter wird oder zur Biogasanlage kommt oder verbrannt wird." Auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE antworten die Supermarktketten gar nicht oder nur schwammig. Die Rede ist von "bestimmungsgemäßer", "fachgerechter" Entsorgung. Nur "Denn's" Biomarkt macht einigermaßen konkrete Angaben.

Die Neugier von Paul bezieht sich auch auf Alternativen zu unserem Handelssystem, in dem Abfall vorprogrammiert sei. "Ich will wissen, wie die Lebensmittelproduktion funktioniert." Doch für ein Selbstversorger-Projekt mit eigenen Anbauflächen "müsste man viele Gleichgesinnte finden, das geht alleine nicht", sagt er. Zumal er einem Job nachgehen muss und die Anbaufläche fehlt. Zumindest versucht er alles, was zuhause kaputt geht, selbst zu reparieren. Dazu gibt es auf Videoplattformen im Internet viele Anleitungen, zum Beispiel bei einem durchgeschmorten Draht an einer Tastatur. Er könnte manches Produkt zwar billig neu kaufen, "aber dann wird es jedes Mal neu produziert und verursacht CO2- und Erdölverbrauch." Paul setzt auch stark auf Fair-Trade- oder Second-Hand-Kleidung und -möbel, um bewusst mit den Ressourcen umzugehen und kleine Initiativen zu unterstützen. Auch seine Bekannte würde gern mehr Menschen animieren, die bald ablaufenden, reduzierten Produkte im Lebensmitteleinzelhandel verstärkt zu kaufen.

Und sie würde gerne Supermarktketten dazu animieren, von ihrem System abzukommen, dass oft abends noch im Markt oder in der angeschlossenen Bäckerei bis zum Schluss fast alles da sein muss. "Wenn ich etwas wirklich brauche, schaffe ich es auch, rechtzeitig einkaufen zu gehen", ist ihre Argumentation. "Was jeder auch tun kann ist, öfter, aber dafür weniger einzukaufen, um den eigenen Müll zu reduzieren." Durch kleinere Einkäufe könnten die Produkte schnell verzehrt und so nicht mehr im Kühlschrank vergessen werden.

Was die Handelsketten zum Thema Müll verheimlichen

Umfrage Auf Anfrage bei Supermarktketten in Ehingen - also Rewe (mit Penny), Edeka, Kaufland, Aldi Süd, Lidl und Denn's - ob sie mit Dumpster Divern Erfahrungen haben, antworten alle negativ. Die Container sind teils verschlossen oder in abgesperrten Bereichen. Alle verweisen auf reduzierte Preise vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Aufgrund von exakter Planung sei ein Überangebot an noch genießbaren Lebensmitteln unwahrscheinlich. "Schließlich lebt der Handel ja vom Verkauf und nicht von der Vernichtung der Lebensmittel", schreibt etwa Edeka. Wenn dies doch vorkommt, geben alle Ketten an, gehen solche Lebensmittel an die Tafelläden.

Entsorgung Was "ungenießbar" und daher nicht an die Tafeln weiterzugeben ist, wird "fachgerecht" entsorgt. Wieviel Müll genau anfällt und was damit passiert, gibt keine der Ketten an. Denn's verweist auf die Ehinger Müllabfuhr für Bio- und Restmüll, Verpackungen gehen an den Großhändler zur Wertstoffverwertung zurück.