Soziales Schelklinger rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Jürgen Walz – hier als Skipper auf der Ostsee – ist zwei Wochen lang Mitglied der Crew der Sea Eye.
Jürgen Walz – hier als Skipper auf der Ostsee – ist zwei Wochen lang Mitglied der Crew der Sea Eye. © Foto: Reiner Frenz
Dottingen/Schelklingen / Reiner Frenz 07.04.2018
Jürgen Walz aus Scheklingen ist ab Donnerstag an Bord der „Sea Eye“ um im Mittelmeer gekenterte Flüchtlinge zu retten.

Am kommenden Donnerstag sticht er in La Valetta auf Malta in See: Jürgen Walz aus Schelklingen. Er ist aber diesmal nicht wie so oft sonst Skipper oder Crewmitglied auf einem Segelboot, sondern Teil der Mannschaft der „Sea Eye“. Der Lebensmitteltechnologe opfert zwei Wochen Urlaub für einen Törn auf dem ehemaligen Fischkutter, der mit Ferien im herkömmlichen Sinne nichts gemeinsam hat: „Es geht darum, Leben zu retten“, sagt er.

Zwei seiner Seglerfreunde, einer aus Messkirch und der andere aus Hamburg, waren beide schon als Kapitäne auf der Sea Eye oder ihrem Schwesterschiff Seefuchs im Einsatz und hatten Jürgen Walz davon erzählt. „Das Thema hat mich seither beschäftigt“, berichtet der leidenschaftliche Segler. Als ihn Anfang des Jahres der Freund aus Messkirch darauf ansprach, ob er nicht im April an einer der Rettungsmissionen teilnehmen wollte – es fehlten noch Leute in der mindestens achtköpfigen Crew –, musste Walz nicht mehr lange nachdenken. „Ich habe noch am gleichen Tag zugesagt“.

Jürgen Walz weiß, worauf er sich einlässt auf der Sea Eye: „Es wird für mich garantiert eine prägende Erfahrung, schließlich geht es um Leben und Tod“. Dazu muss man wissen: Die Organisation Sea Eye sucht seit zwei Jahren nach Schiffbrüchigen und Ertrinkenden vor der libyschen Küste, nach Menschen also, die in überfüllten Schlauchbooten auf dem Weg von Afrika nach Europa sind. „Dabei geht es nicht um den Transport von Flüchtenden“, unterstreicht Walz, nicht um die Unterstützung der kriminellen Machenschaften von Schleppern, sondern um humanitäre Hilfe.

Wache in Vier-Stunden-Schicht

Die, das hat Jürgen Walz Anfang März bei einem Vorbereitungstreffen in Regensburg erfahren, dem Sitz der Organisation, besteht aus Bausteinen. Zum einen werden Flüchtende auf ihren Hochsee untauglichen Schlauchbooten mit Rettungswesten ausgestattet und mit Trinkwasser versorgt, zum anderen schaut man, ob ärztliche Notversorgung nötig ist. Deshalb sind in jeder Crew mindestens ein Arzt und ein Rettungssanitäter dabei.

Zur Crew zählt außerdem natürlich der Kapitän, dazu ein Maschinist, der sich um den Schiffsdieselmotor kümmert, ein Beibootfahrer und drei Wachführer, die sich in Vier-Stunden-Schichten abwechseln. Einer davon wird Jürgen Walz sein, der über seemännische Ausbildung für Sportboote verfügt. Er kümmert sich in seinen Schichten um die Navigation, um das Funken und will in freier Zeit, wenn er nicht gerade schläft oder isst, dem Maschinisten zur Hand gehen.

Wenn es zum Kontakt mit einem der Boote voller Flüchtender kommt, werde das Beiboot hingeschickt, das Rettungswesten und Wasser an Bord an. Zugleich wird die internationale Rettungsleitstelle informiert, die ein größeres Schiff zur angegebenen Kontaktstelle schickt, das in der Lage ist, die Flüchtenden aufzunehmen. „Im Notfall nehmen wir schwer Verletzte oder Kranke auch zu uns an Bord, aber 80 oder gar 100 Menschen können wir nicht aufnehmen“, weiß Walz. Man warte aber vor Ort, bis große Schiffe da sind.

Projekt Sea Eye: 13 284 Menschen gerettet

Hilfe Die Aktion Sea Eye startete im Herbst 2015, als eine kleine Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer beschloss, dem Sterben der Flüchtenden im Mittelmeer nicht länger tatenlos zuzusehen. Die Initiative kaufte zwei alte Fischkutter und rüstete sie zum Zweck der Seenotrettung um. Seit Beginn der Einsätze im Jahr 2016 konnten die Crews der Sea Eye und der Seefuchs 13 284 Menschen aus Seenot retten. Die Initiative ist inzwischen auf rund 1000 Menschen angewachsen. Sie arbeiten ohne Bezahlung an dem Projekt Sea Eye mit. Das Projekt wird in diesem Jahr rund 500 000 Euro benötigen: für Diesel, Flüge, Unterkunft, Rettungsmaterialien, Verpflegung, medizinisches Gerät und Elektronik.