Ehingen/Hamburg Eine Brücke auf der Brücke

Ehingen/Hamburg / SWP 31.08.2016
Heute kommen sie wieder hier an:  Fast zwei Wochen lang haben neun  junge Leute aus Ehingen in Hamburg einen steinernen Teppich restauriert.

Zuerst gab es die Arbeit, dann das Eis: Wie die Käfer hockten neun Schülerinnen und Schüler aus dem gymnasialen Kunstkurs Klasse 12 und 13 der Kaufmännischen Schule Ehingen (KSE) und der Magdalena-Neff-Schule (MNS) auf einem Steg am Eingang zur Hamburger Hafen-City und restaurierten mit dem Bildhauer Frank Raendchen dessen 2005 geschaffenen „Steinernen Orientteppich“. Die allwinterliche Bestreuung mit scharfkantigem Splitt hatte über die Jahre dem farbenfrohen Steinteppich ganz schön zugesetzt, so dass das knapp 28 Meter lange Kunstwerk zum zweiten Mal saniert werden musste. Und so haben viele Helferhände den Teppich gereinigt, repariert und farbig neu gefasst.

„Eine Brücke auf der Brücke“, das war sein Ansatz als Künstler, erklärt Frank Raendchen sein Werk – ein rechteckiger Teppich, in Kunstharz erstarrt, als markanter Belag auf einer Brücke zwischen Speicherstadt und Hafen-City. Nach den tagelangen Säuberungsarbeiten tritt er jetzt wieder in seiner ursprünglichen Farbenpracht zutage – im Januar 2017 wird die Brücke mit der Eröffnung der Elbphilharmonie der zentrale Zugang zum neuen Konzerthaus.

„Ein tolles Projekt“, sagten deshalb die Ehinger Schüler einhellig nach dem Abschluss der Arbeiten, für die sie sich genauso einmütig entschieden hatten: Raendchen ist seit drei Jahren Kunstlehrer an der KSE und der MNS in Ehingen und hatte in seinem Kunstkurs gefragt, ob da jemand bei der nach fünf Jahren wieder fälligen Sanierung mithelfen wollte: „Da flogen die Hände“, erzählt der Kunstlehrer voller Freude über das Engagement.

Als Muster hatte dem heute 54-Jährigen ein Orientteppich gedient, den Raendchen, der damals noch in Hamburg lebte, bei einem Teppichhändler entdeckt hatte. Dass der Bildhauer ausgerechnet einen Orienteppich ausgewählt hatte, kam nicht von ungefähr: Kaum ein Wirtschaftszweig wird heute stärker mit der Speicherstadt verbunden als der Teppichhandel. Noch heute gilt der Hamburger Hafen mit der Speicherstadt als größter Handelsumschlagplatz für orientalische Teppiche.

Es gibt aber noch einen ganz anderen Grund dafür, warum Frank Raendchen den Orientteppich als Motiv für sein Kunstwerk auswählte. „In der arabischen Kultur gilt der Orientteppich als Sinnbild des Paradiesgartens. Hier herrscht Frieden. Im weltlichen Kontext bedeutet dies, dass auf ihm keine Waffen getragen werden, nicht gestritten und stattdessen fair verhandelt wird.“ Ob sich die vielen Liebespaare vielleicht deswegen das Geländer der Wilhelminenbrücke für ihre Liebesschlösser ausgesucht haben? „Das kann schon sein“, sagt Raendchen im Gespräch mit der „Welt“ und lächelt. „Als ich den Teppich 2005 anlegte, waren sie jedenfalls noch nicht da.“

Der wohl längste steinerne Orientteppich der Welt

Kunstwerk Mit 67 Quadratmetern Fläche und einer Länge von mehr als 27 Metern ist das 2005 von Frank Raendchen geschaffene Kunstwerk auf der Wilhelminenbrücke am Eingang zur Hafen-City in Hamburg der wohl längste Steinerne Orientteppich der Welt. Er besteht aus einem epoxitharzgebundenen, farbigen Granulat aus Quarz, Granit und Marmor. Er ist zugleich Kunstgegenstand, Wertobjekt mit hohem Gebrauchswert und Symbol für die Bedeutung des Hamburger Hafens und der Speicherstadt als weltweit größter Handelsumschlagplatz für orientalische Teppiche.

Künstler Frank Raendchen ist in Stralsund geboren. Nach Lehre als Steinmetz/Steinbildhauer Studium der Bildhauerei in Kiel und den USA. Arbeiten für den öffentlichen Raum unter anderem in der Münchener BMW-Welt. Raendchen lebt in Biberach, wo er auch sein Atelier hat, und ist seit drei Jahren Kunstlehrer in Ehingen. Bis 2015 war er auch Leiter des Ateliers des Musischen Zentrums der Ulmer Universität.

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