Der Hohle Fels in Schelklingen gibt immer neue Funde preis. Am gestrigen Montag hat die Universität Tübingen mitgeteilt, dass dort Knochen des Riesenhirsches "Megaloceros giganteus" gefunden worden sind. Diese Hirsche, die noch während der späten Eiszeit in Europa lebten, müssen tatsächlich riesig gewesen sein: Bis zu 1,5 Tonnen wogen die Tiere, ihr Geweih hatte die enorme Spannweite von bis zu 3,40 Metern.

Die Tübinger Forscher haben jetzt anhand der im Hohlen Fels und im Hohlenstein-Stadel (bei Asselfingen) gefundenen Knochen die Erbinformationen des Riesenhirsches rekonstruiert - und so mögliche Ursachen für sein späteres Aussterben gefunden. Bemerkenswert für die Forscher ist, dass die Knochen ein Alter von 12.000 Jahren aufwiesen. Bislang war nicht bekannt, dass während dieser Zeit noch Riesenhirsche in der Nähe der Alb lebten. Die Wissenschaft war bislang der Meinung, dass die Hirsche nach dem Höhepunkt der letzten großen Eiszeit vor rund 20.000 Jahren im zentralen Europa ausgestorben waren. Nur noch in Nordwesteuropa sollen sie überlebt haben. Dort verschwanden sie dann vor rund 7000 Jahren endgültig von der Bildfläche.

Zunächst hielten die Wissenschaftler die Funde aus dem Hohlen Fels deshalb für Elchknochen. Denn Elche waren zu dieser Zeit im Gebiet des heutigen Süddeutschland weit verbreitet. Die Isolierung der so genannten mitochondrialen Genome (mtDNA) durch das Forscherteam und die anschließende genetische Analyse zeigten aber, dass es sich um Knochen des Riesenhirschs Megaloceros handelte. "Es ist nicht leicht, Elch und Riesenhirsch anhand der Form kleiner Knochenfragmente zu unterscheiden", wird der Forschungsleiter Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Uni Tübingen in der Mitteilung zitiert. "Es könnte durchaus noch mehr Knochen geben, die bisher dem Elch zugeordnet wurden, aber vom Riesenhirsch stammen", sagt Krause.

Reiner Blumentritt, der Vorsitzende der Museumsgesellschaft Schelklingen, ist nicht sehr überrascht vom neuen Knochenfund: Es seien ja bereits Spuren vieler Tierarten aus der Eiszeit im Hohlen Fels gefunden worden. Blumentritt nennt dabei Knochen des Wollnashorns und des Höhlenbären. Und die im Hohlen Fels entdeckte Venus von Schelklingen, die weltweit älteste erhaltene Darstellung eines Menschen, ist aus dem Stoßzahn eines Mammuts geschnitzt. Wollnashorn, Höhlenbär, Mammut, Riesenhirsch - alle diese Tiere verschwanden am Ende der letzten Eiszeit. Ein Massensterben sei damals vor sich gegangen, schreibt die Uni. Warum so viele Arten zu dieser Zeit ausstarben, ist bis heute ungeklärt.

Die Forscher fahndeten jetzt anhand des Erbguts nach den Ursachen für das Verschwinden des Riesenhirschs. Sie verglichen die DNA der Knochen aus dem Hohlen Fels mit der DNA heute vorkommender Hirscharten. Es zeigte sich, dass der Damhirsch der engste lebende Verwandte des ausgestorbenen Riesenhirschs ist. Das bedeutete eine Überraschung. Denn aufgrund des Körperbaus war spekuliert worden, dass der Riesenhirsch am nächsten mit dem Rothirsch verwandt sei. "Dies können wir in unserer Studie klar widerlegen", sagt Alexander Immel aus der Forschungs-Arbeitsgruppe. Der Damhirsch ist eigentlich in Vorderasien heimisch, er wurde von den Fürsten des 17. Jahrhunderts als Jagdwild nach Europa geholt. Bisherige Studien kamen übrigens zu keinem klaren Ergebnis, mit welchen heutigen Hirschen der Riesenhirsch am meisten verwandt ist.

Die Forscher untersuchten außerdem das Kollagen von Riesenhirsch, Rothirschen und Rentieren. Kollagen bildet einen wesentlichen Bestandteil der Knochen. "Vor der letzten Kaltzeit unterschieden sich die Werte von allen drei Arten, danach zeigte sich eine klare Übereinstimmung - das deutet auf einen kleiner werdenden Lebensraum oder eine sich überschneidende Ernährungsweise der Hirscharten hin", berichtet Dorothée Drucker, die das Kollagen untersuchte.

Die Forscher vermuten nun, dass sich die Riesenhirsche nach der letzten Kaltzeit den Lebensraum und die Nahrung mit anderen Hirscharten teilen mussten. Auch das riesige Geweih der Hirsche war zunehmend weniger geeignet für das Leben in Europa, in dem nach dem Ende der Eiszeit immer mehr Wälder wuchsen. Die Konkurrenz mit anderen Arten setzte den Riesenhirschen zu. Vermutlich trug aber auch der Mensch seinen Teil zum Aussterben bei: Es könnte sein, dass der Hirsch zu viel gejagt wurde. All dies führte nach Meinung der Forscher dazu, dass das Tier heute nicht mehr zu finden ist.

Im Übrigen sind weitere überraschende Funde aus dem Hohlen Fels nicht ausgeschlossen. Am 22. Juli, 11 Uhr, wird es eine Pressekonferenz mit Professor Nicholas J. Conard im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren geben, berichtet Reiner Blumentritt. Was dort genau präsentiert wird und ob am Ende sogar eine neue Venus oder ein ähnlicher spektakulärer Fund gezeigt wird, wie schon vorab spekuliert wurde - dazu will sich Blumentritt nicht äußern.