Wenn in der Franz-von-Sales-Realschule 480 Schülerinnen in den Parkanlagen des Klosters sind, ist es auffallend ruhig. Sie flanieren miteinander plaudernd über die Wege, lassen sich zu einem Schwätzle auf Bänken nieder oder sitzen im Sonnenschein auf dem kleinen Sportplatz neben der Allee im östlichen Bereich hinter dem schmiedeisernen Tor zusammen, dessen Ornamente aus der Zeit um 1700 sich im Chorgitter des Münsters wiederholen. Auf der anderen Seite des Zauns, am Rand des Klosterhofs, steht am Weg zum „grünen Seitentörle“, der zum Meierhof (Petrushof) führt, eine riesige Linde, die als Naturdenkmal ausgewiesen ist. Sie wurde nach der Säkularisation gepflanzt, als das Kloster in den Besitz des Fürstenhauses Thurn- und Taxis kam. Wie Armin Henne aus Giengen-Burgberg 1987 in seiner Diplomarbeit schrieb, gehört diese Linde zu den „beachtenswerten Einzelbäumen“, die „einen kulturhistorischen und hohen ästhetischen Wert darstellen“.

Die 1871 nach Ende des Deutsch-Franzöisischen Krieges gepflanzte „Kaiser-“ oder „Friedenslinde“ vor dem Hauptgebäude im Westen fällt jedem Besucher sofort auf, der durch den Torbogen auf die beiden Kirchtürme schaut. Zwischen dem Münster und den in jedem Frühjahr von Robert Rott aus der örtlichen Gärtnerei Schänzle zugeschnittenen kugelförmigen amerikanischen Linden ist dieser Baum des Friedens, dessen Stamm einige Meter Umfang misst, auf Anhieb auszumachen. In der Nähe kam 1976 in die Oase am Weg zum Eingang ins Bildungshaus von der Gemeinde eine Sommerlinde hinzu, anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Kommune.

Baumkomitee war 1982 aktiv

Das „Baumkomitee des Klosters Obermarchtal“ , unter der Regie von Walter Heberle und Architekt Wolfgang Mayer, fügte 1982 eine Winterlinde ein, die Bischof Georg Moser gewidmet ist. Auf der anderen Seite des Weges im Bereich der ehemaligen Schlossgaststätten setzte das Baumkomitee 1983 zu Ehren von Prälat Max Müller eine Roteiche. Der 85-jährige Gärtner Anton Schänzle, der fünf Jahrzehnte die Kugellinden zugeschnitten hat, bedauert, dass vor Jahrzehnten ein Sturm die größte, Jahrhunderte alte Winterlinde zerstört hat. Laut Plan stand sie im Mittelpunkt des einstigen barocken Gartens von 1771 neben der Allee in der Mitte der heutigen Sportanlage. Das bestätigt Bürgermeister a. D. Hermann Branz, der unserer Zeitung die Diplomarbeit von Henne zur Verfügung gestellt hat. Darin berichtet der Autor, dass Eduard Mörike, der sich 1831 im Schloss des Fürsten Thurn und Taxis aufgehalten hat, darüber schrieb: „Ich erging mich wohl eine halbe Stunde ganz mit den Empfindungen eines Parisers aus dem Zeitalter Ludwig des XIV… durch die vortrefflichen Gartenanlagen, von denen man auf einer Seite jäh in ein malerisches Thälchen blickt, wo sich die Donau, unter schöner Krümmung und mit breitem Wörth, zwischen Mühlen und bebuschten Felsen durchzieht.“

Zwar wurden im Laufe der Gezeiten die Gartenanlagen immer wieder umgestaltet und angepasst. Der einst im französischen Stil angelegte Bereich neben dem Refektorium im Osten, dessen Klostergrenze mit einer Nadelbaumallee an der Donau markiert war, ist seit der Thurn- und Taxischen Zeit (sie endete 1973) nach und nach zum Landschaftspark geworden. Den Blick in das von Mörike gelobte malerisch-schöne Tal in Richtung Rechtenstein und auf den Hochberg gibt es immer noch. Auf direktem Weg vom großen Tor zwischen dem Sebastian-Sailer-Haus und dem Eingang zum Münster und Studienkolleg, auf dem Platz der einstigen Ölbergkapelle, kann man ihn genießen.

Für Romantiker lohnt sich auch einen Abstecher in den Innenhof des Sebastian-Sailer-Hauses, durch das Tor mit dem Katzenkopf-Pflaster, wo eine große Linde die Stille des Raumes unterstreicht. Ruhig geworden ist es auch im Innenhof der Klosterkomplexe, wo das Marchtaler Baumkomitee 2004 keinen Baum sondern zu Ehren von Bischof Dr. Gebhard Fürst einen modernen Brunnen gestellt hat. Damit wird auch die Erinnerung an Tradition der Brunnen in der Anlage wach gehalten.

Schüler bringen Natur hinein

Diplom-Ingenieur Armin Henne, der auf 80 Seiten die Besonderheiten und die Harmonie von Flora und Fauna zur Klosteranlage beschrieben hat, lebt in Wuppertal und ist als freischaffender Landschaftsarchitekt mit dem Schwerpunkt Gartendenkmalpflege bundesweit tätig. Vor knapp 30 Jahren hatte er in Vorbereitung auf eine Neugestaltung der Parkanlagen als Erholungsraum für Schule, Bildungshaus und Lehrer-Akademie die Analyse ausgearbeitet und Vorschläge für die Umgestaltung gemacht. Hin und wieder kommt der heute 56-Jährige noch nach Obermarchtal. Sein jüngster Besuch liegt etwa ein Jahr zurück. Auch wenn nicht alle seiner früheren Ideen umgesetzt wurden, ist der Fachmann zufrieden. „Es ist alles gut geworden“. Menschen könnten an diesem Ort Ruhe finden und die Natur beobachten. Das kann auch die Rektorin der Franz-von-Sales-Realschule Simone Mühlberger bestätigen. Der weiträumige Pausenraum in der Natur, die Stille und besinnliche Atmosphäre an den großen Bäumen und Wiesen rund herum wirke sich positiv auf die Schülerinnen aus. Sie kämen entspannt zurück in den Unterricht. Vor allem Jüngere brächten von draußen Blumen, Blätter oder Schneckenhäuschen mit, die sie dann bei ihren kreativen Arbeiten verwenden.