Archäologie Ehingen: Latrinen als historische Fundgrube

Ehingen / swp 30.06.2018
Die Grabungen auf dem Areal der Volksbankhöfe sind abgeschlossen. Fundstücke erlauben Rückschlüsse aufs Leben im Mittelalter.

Eigentlich haben die Archäologen der Firma Archäograph auf dem Gelände der künftigen Volksbankhöfe mit Spuren mittelalterlichen Handwerks gerechnet. Doch die „erste großangelegte Ausgrabung im Stadtkern förderte einige Überraschungen zutage“, wie es in einer gestern veröffentlichten Pressemitteilung des Regierungspräsidiums Stuttgart, wo das das Landesamt für Denkmalpflege angesiedelt ist, heißt. So kamen vor allem „stille Örtchen“ der ehemaligen Bewohner zum Vorschein.

Wie die Denkmalbehörde mitteilt, zählten die Archäologen während ihrer Grabungen insgesamt elf Latrinen, die ganz oder teilweise freigelegt werden konnten. Seit Anfang Juni sind die Grabungsarbeiten, die im November begonnen hatten, abgeschlossen. Auf dem Areal der künftigen Volksbankhöfe können die Bauarbeiten fortgesetzt werden.

Menschen handelten damals pragmatisch

Laut Denkmalamt gehörten die Latrinen zu den inzwischen abgerissenen Häusern an der Schul- und der Sonnengasse. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Toiletten gleichzeitig in Benutzung waren. Die Menschen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit handelten vielmehr pragmatisch: War eine Latrine voll, wurde in der Nachbarschaft eine neue ausgehoben.

Und obwohl schon damals die Entsorgung von Hausmüll über den Abort nicht gern gesehen gewesen sei, taten die Ehinger genau dieses – was die nun offengelegten Latrinen zu „Fundgruben für Archäologen“ mache, heißt es in der Mitteilung weiter. „Die Abfälle geben Auskunft über die Lebensgewohnheiten vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.“ Zerbrochene Gefäße, Tierknochen, Lederreste, Obstkerne und andere vergängliche Materialien konnten geborgen werden.

Zurück an den Schreibtisch

Die Archäologen verlegen ihre Arbeit nun an die Schreibtische: Funde müssen gereinigt, Bodenproben ausgewertet, Pläne erstellt werden. Aus Sicht der Wissenschaftler lassen sich so viele Fragen des täglichen Lebens vergangener Jahrhunderte im Zentrum von Ehingen beantworten. So geben Knochen und Pflanzenreste Auskunft über den Speiseplan im Spätmittelalter, Bruchstücke von Geschirr spiegeln Geldbeutel und den Geschmack  der Eigentümer wider. Ein Tonfigürchen, das in einer Latrine gefunden wurde, ist in der Mode des 16. Jahrhunderts gekleidet, wie sie auch in einem der Bürgerhäuser in der Nähe des Marktplatzes gelebt haben könnte.

Auch ein bislang unbekannter Keller an der Sonnengasse kam bei den Grabungen zum Vorschein. Die Funde, die darin geborgen wurden, ließen darauf schließen, dass er bereits im 18. Jahrhundert zugeschüttet worden war. „Kein Wunder also, dass die Anwohner nichts davon wussten.“

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