Ehingen/Öpfingen / CORINNA JIRMANN  Uhr
Wenn am Montag die Dokumentation über Anton Schlecker im ZDF gezeigt wird, will Maria Denzel die Sendung besonders aufmerksam verfolgen. Sie war einst die Haushälterin seiner Eltern.

Auf den ersten Blick ist es ein gewöhnliches Fußball-Mannschaftsfoto, aufgenommen Ende der 50er Jahre, das die Öpfingerin Maria Denzel in ihrem Fotoalbum aufbewahrt. Doch das Logo auf den Trikots fällt aus dem Rahmen: ein weißer Kreis mit einem roten Schwein darauf. Gerne erinnert sich die einstige Haushälterin von Paula und Anton Schlecker senior an die Zeit zurück, als sie den Spielen der Jungs zusah, nicht ahnend, dass einer von ihnen einmal ein Drogerie-Imperium aufbauen würde, dessen fulminanten Aufstieg und ebensolchen Absturz ganz Deutschland mitverfolgen sollte.

"Die Mannschaft war oft erfolgreich. Ja gut, gefoult wurde schon auch reichlich . . .", sagt Denzel und grinst. Schleckers Vater, Metzgermeister Anton Schlecker senior, hatte die Truppe, bestehend aus seinen Lehrlingen und eben seinem fußballbegeisterten Sohn, gegründet. Nach jedem Sieg habe man gefeiert, und der Vater habe meist ein Bier und ein Vesper mit Fleisch aus eigener Schlachtung spendiert. Arbeit und Freizeit gemeinsam zu verbringen, das schweißt zusammen. "Ein echter Familienbetrieb war das", betont Maria Denzel.

Man wohnte auch unter einem Dach: Im Haus in der Bahnhofstraße war unten die Metzgerei, im ersten Stock lebte die Familie, im zweiten die männlichen Angestellten und im dritten die weiblichen. Aufgestanden und zu Mittag gegessen wurde gemeinsam. Hauptsächlich war Maria Denzel für den Haushalt und die Pflege der kranken Großmutter zuständig, doch sie half auch in der Metzgerei aus, füllte Schmalz ab oder machte Russische Eier und Sülze. Einmal kam Anton mit Schmerzen am wackeligen Schneidezahn aus der Schule. "Da habe ich ihn in den Arm genommen - und zack", sagt sie und macht die typische Bewegung beim Ziehen eines Zahnes von Hand.

Während der Sohn des Hauses regelmäßig Nachhilfe von einem Studenten erhielt, hatte sie stets genug zu tun. Dabei lernte sie auch ihren späteren Mann Karl kennen, den Paula Schlecker in Max "umgetauft" hatte, weil es bereits zu viele Karls als Angestellte gab. "Er war der erste Metzgerlehrling nach dem Krieg. Da hat sich eine besondere Verbundenheit aufgebaut", erzählt Maria Denzel. So hütete er schon mal die Kinder, wenn die Erwachsenen abends ausgingen. Später lieferte er als Fahrer regelmäßig Ware in den Raum Stuttgart aus.

Während ihrer Dienstjahre von 1954 bis 1960 bei Schleckers wuchs in Maria Denzel ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat, das sie so noch nicht gekannt hatte. 1934 in Rumänien geboren, wurde sie bereits mit fünf Jahren ausgesiedelt. Ihre Familie kam ins heutige Alte Konvikt in Ehingen, damals ein Flüchtlingslager, dann nach Oberdischingen, 1942 nach Polen. Die sechswöchige Flucht am Ende des Kriegs, bei der sie es bis nach Bad Sulza in Thüringen schaffen sollte, diesen Überlebenskampf hat sie bis heute nicht vergessen.

Mit 15 Jahren hatte Maria Denzel vom DDR-Regime genug und beschloss, in den Westen zu gehen - zurück nach Oberdischingen, wo sie als Haushaltshilfe 50 Mark im Monat verdiente. Nun war sie ganz auf sich gestellt, ohne Möglichkeit, den Kontakt zu ihren Eltern im Osten zu halten. Wie in der Vergangenheit bekam sie außerdem weiterhin zu spüren, "nur ein Flüchtling" zu sein. Als sie einmal einen unliebsamen Verehrer abweisen wollte, hat eine Bekannte sie gerügt: Sie solle schließlich froh sein, wenn sie überhaupt einer haben wolle.

Immerhin gab es noch Onkel und Tante in Untermarchtal. Sie besorgten ihr bald eine bessere Stelle auf dem Hof der Familie Fassnacht in Gütelhofen. Dort lernte sie die Schwester des Hofherrn, Paula Schlecker, kennen. "Die fand mich gleich ganz nett." Und umgekehrt. So kam es, dass die mittlerweile 20-Jährige von Paula Schlecker alsbald abgeworben wurde. Nun galt: Kost und Logis frei plus 120 Mark Verdienst. "Das war richtig viel."

Denzels Schilderungen zufolge haben Paula und Anton Schlecker senior in eindrücklicher Weise große Sparsamkeit mit immenser Großzügigkeit gepaart. Kam eine alleinerziehende Witwe in den Nachkriegsjahren in den Laden, "dann hat sie statt einem Pfund zwei Pfund Fleisch eingepackt - und jede Menge Wurstzipfel gratis dazu". Dienstags, am Markttag, wurde in einem riesigen Kessel Kesselfleisch gekocht und die Hälfte davon an arme Straßenarbeiter verschenkt. "Paula Schlecker war eine seelengute Frau." Andererseits wurden Lebensmittel niemals weggeworfen. Antons ältere Schwestern halfen selbstverständlich im Laden mit, statt sich wie manch andere Töchter wohlhabenderer Familien beim Tennis zu vergnügen. Luxus gab es nicht, auch nachdem s Anton Schlecker senior im Verlauf der Jahre mehr und mehr Filialen in Baden-Württemberg gegründet hatte.

Als Geschäftsautos wurden damals nur Gebrauchtwagen gekauft, Möbel für die Angestellten ersteigerte Schlecker günstig auf Auktionen. Und weil er sich den Denzels so verbunden fühlte und diese sich mit einer Gastwirtschaft selbstständig machen wollten, ersteigerte er nach und nach eine ganze Einrichtung, die er ihnen schenkte. Ihren Verdienst hatten sie - entsprechend dem Vorbild - jahrelang gespart und konnten nun das "Gasthaus zur Schenke" in Öpfingen kaufen.

Anfangs lief die Wirtschaft nur sehr schleppend. "Ich galt halt als Flüchtling, dem man nichts zutraut", vermutet Maria Denzel. Also behielt ihr Mann die Stelle bei Schlecker. "Es hat ihm auch unglaublich gefallen, für ein Unternehmen zu arbeiten, das immer mehr florierte."

Umso schmerzlicher empfand Maria Denzel später den Zusammenbruch des Schlecker-Imperiums, den ihr 1986 verstorbener Mann nicht mehr miterlebte. "Die Familie hat all die Jahre so viel Arbeit hineingesteckt. Das hat sie nicht verdient", findet die Frau, die in Öpfingen selbst zur Unternehmerin wurde und früh mit einem Schicksalsschlag zu kämpfen hatte.

Im Jahr 1966 erlitt ihr Mann einen Schlaganfall, wurde berufsunfähig und "ein anderer Mensch". Sie trieb die Wirtschaft um, zog die beiden Kinder groß und kümmerte sich um Karl. Mitte der 70er Jahre hat sie auf Altenpflege umgeschult, der Wirtsbetrieb lief weiter, während im großen Haus ein Seniorenheim für zehn alte Leute entstand.

Nebenher betrieb sie das Gasthaus weiter. "Alles nur eine Frage der Organisation", findet die 80-Jährige und zitiert einen Lieblingssatz von Anton Schlecker senior: "Du musst arbeiten, so lange du jung bist, damit es dir im Alter gut geht." Das treffe auf sie zu.

1975 baute sie ein eigenes Haus nebenan, in dem sie bis heute lebt. Die zehn Senioren konnten bis zu ihrem Tod im Gaststättengebäude bleiben, danach baute Denzel um. Heute sind darin fünf Wohnungen und ein Friseurladen untergebracht. Und in ihren eigenen vier Wänden bewahrt sie nicht nur das Fotoalbum auf - das außer dem Fußballbild auch ihren Mann in der Metzgerei und beim Fahrdienst zeigt -, sondern noch ein Buch mit dem Titel "Mein Leben". "Das habe ich als Erinnerung für meine Kinder und Enkel geschrieben", sagt die dreifache Oma und streicht verlegen und stolz zugleich über den Einband. Schließlich hat sie etwas zu erzählen.

Nichts Schlechtes sagen

Reaktion Am 28. Oktober wird Anton Schlecker 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass zeigt das ZDF am 13. Oktober, 21.45 Uhr, einen Dokumentarfilm über ihn (im Vorfeld dazu läuft um 20.15 Uhr der rein fiktive Spielfilm "Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab"). Nachdem unsere Zeitung Ende August darüber berichtet hatte, dass das ZDF für die Schlecker-Dokumentation vor Ort Aufnahmen mache mit dem Ziel, Schleckers negatives Image in der Öffentlichkeit etwas zu korrigieren, hat sich bei uns Maria Denzel gemeldet: "Ich kann über die Familie Schlecker nichts Schlechtes sagen, im Gegenteil", sagte sie.