Mit dem Ausbau der künstlichen Intelligenz und der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche hat sich der Mensch eigentlich ein ganz schön dickes Ei gelegt, auch noch ein Kuckucksei. Und das liegt nun in seinem Nest, so aufdringlich artfremd. Soll er es wie ein rohes Ei behandeln? Oder lieber weichkochen? Wird es bald zum faulen Ei?

Sprachbilder wie diese zeigen: Der Mensch ist ein zutiefst analoges Wesen, das in Bildern denkt, assoziiert – und nun eben auch erkennt: Die Digitalisierung ist das Gegenteil. Wie soll das zusammenpassen?

Der Zukunftsangst begegnen

Diese diffuse Zukunftsangst, die viele Menschen bei dem Thema spüren, einmal aufgreifen und ihnen begegnen wollte der „Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt“ der Evangelischen Landeskirche in Baden-Württemberg. Aus diesem Grund hat er zusammen mit der IHK Ulm und der Gewerblichen Schule Ehingen am Montag Pfarrer und Wirtschaftsvertreter zum gemeinsamen Forum „Digital lernen, produzieren, leben“ in der Schule eingeladen.

Nachdem die rund 40 Teilnehmer vor Ort die „Lernfabrik 4.0“ der Schule besichtigt hatten (siehe Bericht links), ging es in einem Schulungsraum philosophisch weiter. Professor Dr. Klaus-Jürgen Grün von der Goethe-Uni in Frankfurt traf bereits mit dem Titel seines Impulsvortrags den Nagel auf den Kopf: „Alles geht digital – nur der Mensch nicht!“ Anhand vieler Beispiele führte der Philosoph vor Augen, wie kreativ doch dieses analoge Wesen sei. So gab er den Witz zum Besten, in dem ein Fünfjähriger beim Besuch der Frankfurter Börse seinen Papa fragt, was denn diese Männer da machten und als Antwort erhält: „Die machen ihr Geschäft.“ – „Aber die haben doch gar kein Kackastühlchen.“ – „Ach, die bescheißen sich gegenseitig.“

Mit einer simplen, aber schnellen „1+1+1...“-Rechnung, bei der ein Zuhörer prompt ein falsches Ergebnis nannte, verdeutlichte der Professor andererseits, wie begrenzt unsere digitalen Fähigkeiten sind. Große Datenmengen, hohes Tempo, schon haut es das Gehirn aus der Kurve. Dafür habe der Mensch bei ethischen Fragen die Nase vorne. Anhand weiterer Beispiele belegte er: „Bestimmte Dinge lassen sich nicht digital verrechnen. Wir haben die Fähigkeit, Gefahren zu erkennen. Und dazuzulernen.“ Am Ende führe genau dies auch künftig zu guten Entscheidungen, war sich Grün sicher.

Ebenfalls optimistisch blickte  Referent Volker Rath in die Zukunft. In seinen „Impulsen aus der Praxis“ empfahl der Geschäftsführer von „artiso solutions“ aus Blaustein, einen kühlen Kopf zu bewahren. „Die Digitalisierung wird nicht Arbeitsplätze vernichten, sie wird neue und bessere schaffen“, prophezeite der Mann, dessen 60 Mitarbeiter an der Software für der Automatisierungsindustrie arbeiten und stets „individuelle Maßanzüge“ erschaffen wollen. Das archaische Denken nach dem Motto „Ich bin Einzelkämpfer und darf keine Fehler machen“, müsse überwunden werden. Statt sich auf Pflichterfüllung zu konzentrieren, gelte es Visionen zu entwickeln – von jedem Mitarbeiter. Die fachlichen Kompetenzen müssten durch methodische ergänzt werden. „Wir agieren nur in selbstorganisierten, selbstverantwortlichen Teams. Das führt zu einer sinnhaften Arbeit und dient der Selbstverwirklichung“, befand Rath.

Beim anschließenden Podiumsgespräch wies die Industrie- und Sozialpfarrerin Karin Uhlmann darauf hin, dass die Digitalisierung im privaten Bereich den meisten Menschen keine Angst mehr mache und nannte als Beispiel den 80-Jährigen, der mit seinem Enkel in Australien skypt. In der Arbeitswelt sei man weniger gelassen, weil dort viele Arbeitnehmer schon die Erfahrung gemacht hätten, das Fortschritt Jobs kostet.

Das Wissen hat es schwer

Otto Sälzle, Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm, meinte auf die Frage von Moderator Jürgen Klotz, ob die Digitalisierung nun Arbeitsplätze koste: „Die höhere Wirtschaftlichkeit führt einerseits  zum Abbau, andererseits zum Aufbau.“ Da in der Region Ulm jedoch zurzeit etwa 13.000 Fachkräfte fehlten, führe eine Rationalisierung hier eher zu positiven Effekten. Andererseits dürfe man sich nicht zum Spielball der Technik machen lassen und zum Beispiel noch nachts E-Mails lesen.

Leichter gesagt als getan, warf Prälatin Grabriele Wulz ein. „Dieses Wissen, was uns gut tut, hat es heutzutage schwer gegen dieses Gefühl der grenzenlosen Möglichkeiten.“ Rath forderte daher, den freien Willen des Menschen regelrecht zu trainieren. Grün sprach von der Autonomie, die sich der Mensch niemals nehmen lassen dürfe. Damit Neues nicht Angst, sondern Neugier erzeuge.

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