Technik Der Macher von der Alb

Granheim / Julia Deresko 09.06.2018

Es ist kein Zufall, dass über dem Turmuhrenmuseum in Granheim der Satz „Hat er keins, so macht er eins“ geschrieben steht. Das hat Berthold Rapp der Großvater nachgesagt. Der 54-Jährige ist ein Macher durch und durch. „Ich könnte jetzt schon drei Leben füllen“, sagt der Granheimer, der auch Daniel Düsentrieb und Ikarus vom Lautertal genannt wird. „Er ist immer in Bewegung, hat immer Visionen und ist immer auf Achse“, sagt Irene Rapp (50) über ihren Mann. Jede freie Minute werkelt und tüftelt Rapp, der hauptberuflich System-Radar-Ingenieur bei Hensoldt in Ulm ist.

Großvater sah es voraus

„Du wirst mal Uhrmacher“ – das hatte Berthold Rapp einst der Großvater vorausgesagt. 50 Jahre später sollte er Recht behalten. Schon als Kind schraubte Berthold Rapp Wecker und Radios auseinander, deren Inneres ihn magisch anzog. Mit zwölf bekam er von seinem Großvater, diesmal mütterlicherseits, ein Motorrad geschenkt, eine Triumph. Von da an sei er mit anderen Jungs dauernd auf der Wiese gefahren: „Wir haben die Motorräder kaputt gemacht und wieder repariert.“ Mit 15 hatte Berthold Rapp bereits vier Modelle aus den 50ern. Die Liebe zu den Oldtimern blieb. Keines davon hat er verkauft. Mittlerweile enthält seine Sammlung 24 Maschinen der Baujahre 1933 bis 1982.

Die Turmuhren kamen später hinzu, wurden jedoch zum Herzstück und Namensgeber des Museums. Das erste Exponat einer wachsenden Ausstellung hatte Irene Rapp 2010 in einem Geschäft im Schwarzwald entdeckt. Die antike Turmuhr hätte sich gut als Schmuckstück neben den Motorrädern gemacht, so der Gedanke. Doch es kam ganz anders: „Da war der Sammlervirus für die Uhren drin“, erzählt Berthold Rapp. Als die Turmuhr – eine Fertigung der Firma Weule aus Bockenem – in Granheim angekommen war, stellten die beiden fest, dass diese 1911 gebaut wurde und damit ein runder Geburtstag bevorstand. Ein guter Anlass, um die 400 Kilo schwere und 100 Jahre alte Turmuhr öffentlich zu zeigen. Rapp hatte sie zuvor auseinandergebaut und wieder zum Laufen gebracht. Drei Jahre später, an Fronleichnam 2014, hat die Stunde geschlagen: Das Granheimer Turmuhrenmuseum wurde gegründet. Mittlerweile  sind 30 Turmuhren in der Sammlung, 20 sind ausgestellt. Damit zähle das Museum zu den zehn größten öffentlichen Turmuhrenmuseen in Deutschland. Das älteste Ausstellungsstück ist eine handgeschmiedete Turmuhr von 1600.

Die Exponate zogen mit ins Haus ein und bevölkern die Etagen. Im Grunde leben die Rapps nun mitten im Museum. Es habe schon etwas Überwindung gekostet, auch das Ess- und Wohnzimmer dem Museum und damit der Öffentlichkeit zuzugestehen, erzählt Irene Rapp. Doch letztlich gab es auch von ihr ein Ja.

Auch die ehemalige Garage dient nun als Museum. Die Autos genießen derweil die Frischluft. Der Platz sei jetzt schon knapp, sagen die beiden und haben ihr neues Projekt im Blick: Der 1000 Quadratmeter große Garten soll zu einer Freiluft-Ausstellungsfläche werden.

Das Museum rückt immer mehr in den Mittelpunkt des Lebens, nicht nur räumlich. Selbst im Urlaub folgt das Ehepaar den Turmuhren. „Es gibt drei knappe Güter bei uns“, sagen die beiden, „Platz, Zeit und Geld.“ Das Museum sei privat finanziert, „ohne Zuschüsse und Sponsoren“. Ihr Einsatz findet Widerhall: Viele Gäste, Familien und Gruppen, kommen ins Museum. 2017 gab es 40 Öffnungstage. Irene Rapp macht die Führungen und kümmert sich um die Verpflegung.  „Mir macht der Museumsbetrieb unheimlich viel Spaß“, sagt sie.

Tonnenschwerer Schatz

Im Hof steht eine der neueren Rappschen Eroberungen. Ein Museumsbesucher hatte vor zwei Jahren erzählt, dass in Mengen eine verrostete alte Dampfmaschine am Rande eines Sportplatzes ihr kümmerliches Dasein fristet. Einst hatte sie sich im Besitz der Sägerei Löw befunden und wurde zum Antreiben der Gattersäge genutzt, danach ging sie in den Besitz der Gemeinde über.

Für manch einen ein 16 Tonnen schwerer Schrotthaufen, für Berthold Rapp ist es ein wahrer Schatz. „Ich war im Fieber“, sagt der 54-Jährige. „Wenn er so was sieht, gibt es kein Halten mehr und kein Zurück“, erzählt Irene Rapp. So ging alles ganz schnell: Das Gefährt wurde mit einer 40-Tonnen-Lkw-Spedition nach Granheim transportiert. Dann kam ein Liebherrkran zum Einsatz: „Die Maschine wurde übers Museumsdach gehievt und abgeladen.“ Letztes Jahr im Herbst hat Berthold Rapp damit begonnen, den Schatz zu restaurieren und 250 Stunden Arbeit – das notiert er akribisch in den Kalender – in die Maschine gesteckt. Jüngst wurde der Dampfkessel sandgestrahlt. Als nächstes werde der Antrieb wieder auf den Kessel draufgebaut. Rund 500 Stunden – mit so viel rechnet Rapp insgesamt. „Dann ist erst mal Ruhe.“

Künftig will er sich ganz aufs Restaurieren alter mechanischer Uhrwerke verlegen und auch aufs Verkaufen – Berthold Rapp will sich selbstständig machen.

Dass die meisten Menschen die Projekte, die er nebenher stemmt, entweder für gar nicht machbar oder zumindest für ein lebenslanges Unterfangen halten, motiviert den Ingenieur umso mehr. „Ich höre das 20 Mal im Jahr: ‚Der spinnt‘“, erzählt er. „Für mich ist das ein Kompliment.“ Sein Geheimnis? „Sobald ich aufstehe, mache ich irgendwas.“

500

Arbeitsstunden – so viel plant Berthold Rapp für die Restaurierung der alten Dampfmaschine ein.

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