Hans-Joachim Krumpa ist stinksauer. „Wir Hausärzte werden in der aktuellen Situation völlig im Stich gelassen“, sagt er. In seiner Praxis in der Emerkinger Straße in Munderkingen könne er derzeit keine Patienten empfangen, die in Risikogebieten waren oder Kontakt zu einem Covid-19­-Erkrankten hatten. Der Grund: Krumpa verfügt nicht über die erforderliche Schutzausrüstung wie kunststoffbeschichtete Overalls, Schutzbrillen und Masken, die die Atemluft filtern. Und er kann sie derzeit auch nirgends bestellen.

Krumpa: „Habe keine Möglichkeit, mich zu schützen“

Der Krisenstab der Bundesregierung habe zwar Anfang März mitgeteilt, dass das Bundesgesundheitsministerium Schutzausrüstung für Arztpraxen, Krankenhäuser sowie für Behörden beschaffen werde. Bis heute habe er jedoch nichts dergleichen erhalten. Die Situation in seiner Praxis bleibt für Krumpa entsprechend schwierig. „Ich habe keinerlei Möglichkeit, mich zu schützen. Das ist eine Riesensauerei.“ Krumpa ist froh, dass er vor Wochen seinen Vorrat an Desinfektionsmitteln aufgestockt hat. Denn im Moment wäre auch das nicht lieferbar. Ein Umstand, der den Mediziner kopfschüttelnd zurück lässt: „Stellen Sie sich vor, das wäre eine Krankheit, die hochansteckend und garantiert tödlich wäre“, sagt er.

Zweiter Eingang für Verdachtsfälle für viele Praxen nicht möglich

Täglich meldeten sich bei ihm besorgte Patienten, viele hätten Angst. „Die Menschen sind sehr verunsichert“, sagt Krumpa. Er nimmt sich Zeit für sie, fragt am Telefon ab, ob die Anrufer in Risikogebieten waren, ob sie Kontakt zu Erkrankten hatten und ob sie grippeähnliche Symptome aufweisen. Ist das der Fall, schaltet er das Gesundheitsamt ein, damit die Betroffenen getestet werden. „Wir Ärzte arbeiten am Anschlag“, sagt Krumpa. Die Empfehlung, einen separaten Eingang und ein eigenes Behandlungszimmer nur für Covid-19-Patienten und Verdachtsfälle einzurichten, kann er aufgrund der räumlichen Situation nicht erfüllen – „wer kann das schon?“, fragt er.

Praxis Leinberger-Gohr in Ehingen ist versorgt

In Ehingen scheint die Situation entspannter. „Wir sind versorgt, wir können uns schützen“, heißt es aus der Praxis von Doris Leinberger-Gohr. Desinfektionsmittel, Schutzanzüge, Schutzmasken und Co. seien in ausreichender Menge auf Lager – „wir haben glücklicherweise rechtzeitig bestellt“. Eine Schleuse gibt es aber auch hier nicht: „Menschen, die in einem Risikogebiet waren oder Kontakt zu Erkrankten hatten, müssen ins Krankenhaus“, heißt es deshalb.

Dr. Dietmar Schubert: Praxis umstrukturiert, Corona-Sprechstunde eingerichtet

Auch Dr. Dietmar Schubert verfügte über keine entsprechende Schleuse. Nachdem seine Praxis Kontakt zu einem Corona-positiven Patienten hatte, hat er jedoch reagiert. „Wir haben uns dazu entschlossen, unsere Praxis umzustrukturieren und zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für unsere Patienten zu treffen“, verkündet Schubert auf seiner Internetseite. Drei Tage lang war die Praxis in der Nobelstraße deshalb geschlossen, diesen Donnerstag öffnet sie wieder. Künftig gibt es einen separaten Untersuchungsraum samt eigenem Eingang für Corona-Verdachtsfälle und -Patienten, zudem wird für sie eine eigene Abendsprechstunde eingerichtet, die von Montag bis Freitag immer um 19 Uhr startet.

Jeder, der Praxis betreten will, muss vorab Fragebogen ausfüllen

Außerdem führt Dietmar Schubert weitere Maßnahmen ein, um Patienten und Mitarbeiter zu schützen. „Jeder Patient muss einen Fragebogen ausfüllen, bevor er unsere Praxis betritt“, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Dies sei entweder online bereits von zu Hause aus oder spätestens vor Ort möglich. Darin wird abgefragt, an welchen Symp­tomen der Patient leidet, wann diese aufgetreten sind, aber auch, ob er sich in den Tagen zuvor in einem Risikogebiet aufgehalten oder Kontakt zu einem Covid-19-Erkrankten gehabt hat.

Testkit für alle begründeten Verdachtsfälle

Für alle Patienten, die an grippeähnlichen Symptomen leiden, gilt: „Sobald klar ist, dass sie sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben oder Kontakt zu einem Erkrankten hatten, dürfen sie die Praxis zunächst nicht betreten.“ Sie erhalten per Post ein Testkit nach Hause geschickt, müssen einen Abstrich vornehmen und die Probe dann in das im Kit angegebene Labor schicken. „Wir haben eigens eine entsprechende Kooperation“, sagt Schubert.

Räumliche Trennung zwischen Verdachtsfällen und normalen Patienten

Ist klar, dass der Patient nicht vom Coronavirus betroffen ist, kann er regulär in die Sprechstunde kommen. Ist der Test dagegen positiv, wird er in die Abendsprechstunde für Corona-Patienten geschoben, die in dem eigens eingerichteten Infektionszimmer stattfindet. „So können wir ganz klar trennen zwischen den Patienten, die Risikogruppe sind, und denen, die es nicht sind“, sagt Schubert. Der Umbau sei ihm leicht gefallen: „Wir hatten schon zuvor ein Notarztzimmer mit separatem Eingang für Patienten, die vom Rettungsdienst abgeholt werden.“

Schubert: „Möchte der Entwicklung nicht hinterherlaufen“

Über die notwendige Schutzausrüstung verfüge seine Praxis. „Wir haben damit gerechnet, dass eine solche Erkrankungswelle kommen wird und deshalb rechtzeitig bestellt“, sagt er. Auch ansonsten ist Schubert vielem einen Schritt voraus. „Ich möchte der Entwicklung nicht hinterherlaufen“, sagt er. Das sei mit der Grund für die Einführung seiner Corona-Sprechstunde: „Wir müssen schließlich sicherstellen, dass Erkrankte auch nach der Diagnose weiter versorgt werden“ – auch außerhalb von Kliniken.

Kassenärztliche Vereinigung plant Beschaffung


Großbestellung Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ist das Problem mit der fehlenden Schutzausrüstung in Arztpraxen bekannt. „Wir sind derzeit dabei, über das Bundesamt für Beschaffung eine große Menge Schutzkleidung zu ordern“, sagt Swantje Middeldorff, stellvertretende Pressesprecherin der KVBW. Die Lieferung von Atemmasken, Overalls und Co. soll spätestens Ende März eintreffen; die Kassenärztliche Vereinigung werde dann die Arztpraxen im Land ausstatten. Wie genau die Verteilung läuft, sei derzeit aber noch in der Planung. Man werde zeitnah mit den Ärzten in Kontakt treten, um die Abläufe zu besprechen, heißt es.