"Sie dürfen alles fragen - und ich weiß alles", sagt der Museumsführer freudig erregt. Aber er übertreibt nicht. Denn es führt der aufklärungswütige Sammler selbst durch seinen "Kosmos der Niederländer" und zeigt mit dem Finger auf jedes Detail. Christoph Müller hat über viele Jahre hinweg die Malerei des "Goldenen Zeitalters" gesammelt, und zwar enzyklopädisch: Landschaft, Genre, Porträt, Marinemalerei, religiöse Historie, Stillleben, Interieur, Architekturdarstellung. Und nicht weniger enzyklopädisch ist das Wissen des 76-Jährigen über diese Kunst.

Nicht die millionenteuren, unbezahlbaren Rembrandts, Breughels, Vermeers waren es, die den sparsamen Tübinger interessierten, er kaufte mit zunehmender Fachkennerschaft die weniger bekannten Namen: Willem Duyster, Joris van Son, Joos de Momper . . . Aber so fügte er die Malerei kleinerer Meister zu etwas Großem zusammen, trug ein phänomenales "Museum im Museum" über "Die sichtbare Welt" des 17. Jahrhunderts zusammen - so hieß programmatisch Müllers erste Ausstellung 1996 in Ulm.

Im Oktober vergangenen Jahres nun schenkte der in Berlin lebende, nachkommenslose frühere Verleger und Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts seine Sammlung dem Staatlichen Museum Schwerin: 155 Bilder von 138 holländischen und flämischen Künstlern des 16. bis 18. Jahrhunderts - im Wert von schätzungsweise 30 Millionen Euro. Der Katalog der ersten Ausstellung zur "Schenkung Christoph Müller" war damals in Zusammenarbeit mit dem Augustinermuseum Freiburg entstanden, jetzt ist fast der gesamte Bestand (137 Werke) ins Südbadische gereist.

Der "Kosmos der Niederländer" ist lohnenswert im Untergeschoss des Augustinermuseums zu erkunden. Und er ist Neuland für Freiburg, sagt Tilman von Stockhausen, Leitender Direktor der Städtischen Museen, dessen Haus am Augustinerplatz mit Preziosen aus dem Münsterschatz, mit mittelalterlicher Holzskulptur und Tafelmalerei unter anderem von Matthias Grünewald oder auch mit Gemälden Anselm Feuerbachs und Hans Thomas aus dem 19. Jahrhundert aufwarten kann, aber diese niederländische Kunst des Barock nicht besitzt. Nun peitschen im Breisgau, unten im sicheren Festland, zum Beispiel für ein paar Monate die Meeresstürme derart wild auf den Bildern von Julius Porcellis, Claes Wou und Aert Anthonisz, dass der Betrachter mit Blick auf Schiffe in schwerer Seenot geradezu weiche Knie bekommt.

Atemraubend - aber wenn Christoph Müller, der als Feuilletonist die Leser mit seinen Erlebnissen euphorisieren möchte und die "Kunst des Sichtbarmachens" seiner Maler so liebt, in Führungen seine Bilder vorstellt, dann will er den Betrachter tatsächlich für eine ganze vergangene Welt begeistern. Zwei, drei, vier Stunden kann eine solche Führung dauern - dazu gehört dann etwa eine Lektion über den Unterschied zwischen einem holländischen und einem flämischen Schiffsbug. Der Sammler, der bekanntlich alles weiß, fragt aber fröhlich bestimmt das Gelehrte am Ende ab: "Wenn Sie das nicht wissen, haben Sie versagt."

Ein typischer Müller-Satz - und zu erleben ist der Sammler derart in einen schön frechen wie herzlichen Radio-Porträt Florian Felix Wehys: "Alles Müller? oder: Der öffentliche Schwabe", das aktuell für SWR 2 entstanden ist. Der öffentliche Müller ist aber jetzt auch im Augustinermuseum präsent.

Radio-Feature

Zur Person Das Hörfunk-Programm SWR 2 sendet morgen, Sonntag, 14.05 Uhr ein Radio-Feature von Florian Felix Weyh über Christoph Müller: "Alles Müller? oder: Der öffentliche Schwabe". Der heute 76-jährige Müller war von 1969 bis 2004 Verleger und Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübingen und überregional beachteter Theaterkritiker. 2013 schenkte der in Berlin lebende Journalist seine Sammlung niederländischer Malerei dem Staatlichen Museum Schwerin.

Ausstellung "Kosmos der Niederländer" - die Sammlung Christoph Müller" ist bis zum 12. April 2015 im Augustinermuseum Freiburg zu sehen: Dienstag bis

Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

SWP