Arbeitswelt Bügeln macht Rodica Istrate glücklich

Ob Sommer oder Winter, Rodica Istrate führt ihr Bügeleisen in der Dachwohnung über die Textilien ihrer Kunden. Die hohen Temperaturen in diesem Sommer machen ihr nichts aus. Der Hitze macht sie nur ein kleines Zugeständnis.
Ob Sommer oder Winter, Rodica Istrate führt ihr Bügeleisen in der Dachwohnung über die Textilien ihrer Kunden. Die hohen Temperaturen in diesem Sommer machen ihr nichts aus. Der Hitze macht sie nur ein kleines Zugeständnis. © Foto: Christina Kirsch
Ehingen / CHRISTINA KIRSCH 21.08.2018
Rodica Istrate führt das Bügeleisen mit Leidenschaft. Die hohen Temperaturen machen ihr nicht so viel aus ihren Kunden.

Wie muss man sich jemanden vorstellen, der in einer Dachwohnung am Bügelbrett steht und bei Außentemperaturen von mehr als 30 Grad Celsius hingebungsvoll bügelt? Hilft da ein kühles Handtuch auf den Schultern? Oder schafft ein Ventilator Abhilfe?

Nichts von alledem braucht Rodica Istrate, sie bügelt im Winter wie im Sommer gleich. „In Rumänien, wo ich herkomme, ist es im Sommer noch viel heißer“, sagt die professionelle Büglerin, die in der Hauptstraße in einer Dachwohnung ihr Bügelatelier betreibt. „Mir macht die Hitze nichts aus.“

Damit steht sie von allen, die in diesen Tagen gebügelte Hemden und Blusen brauchen, ziemlich alleine da. „Gott sei Dank bügeln Sie auch im Sommer“, hört die Büglerin derzeit öfter. Offensichtlich will bei hohen Außentemperaturen niemand gerne bügeln und empfindet das als unangenehme Tätigkeit.

Wellnessprogramm: Bügeln

Rodica Istrate hat ein ganz anderes Naturell. „Ich bügle für mein Leben gerne.“ Beim Bügeln komme sie zur Ruhe und entspanne sich. Wenn sie mit dem Bügeleisen die Hosenbeine und Hemdsärmel plättet, sei sie ganz bei sich. Meist höre sie dabei ruhige, klassische Musik und könne abschalten. „Bügeln macht mich glücklich“, sagt die Ehingerin und strahlt.

Wenn man Rodica Istrate zuhört, hat man das Gefühl, etwas Entscheidendes beim Bügeln noch nicht entdeckt zu haben. Das Stehen am Bügelbrett mit der Hand am Griff eines heißen Bügeleisens, das den Rundungen einer Manschette nachfährt und eingetrockneten Falten an den Kragen geht, soll glücklich machen? Diesen Wellnessfaktor einer notwendigen Tätigkeit können die wenigsten Menschen nachempfinden. Zum Glück für die Ehingerin, die seit fünf Jahren ihr Bügelatelier betreibt.

Geschäft laufen gut

Erstmals laufe das Geschäft auch in den Sommermonaten recht gut, sagt sie. In weniger heißen Sommern hätten die Menschen wohl noch eher selber gebügelt, mutmaßt die Büglerin. Die Hitze käme ihr da entgegen. Rodica Istrate bügelt Hemden und Blusen, Hosen, Tischwäsche und Bettwäsche. „Kurzarm geht natürlich schneller als lange Ärmel.“ Ein Vorteil, von dem jeder Sommerbügler profitieren dürfte.

Prinzipiell schaut Rodica Istrate zuerst auf das Etikett des jeweiligen Kleidungsstücks und entdeckt dort, aus welchem Material das Bügelgut gefertigt ist und bei welcher Temperatur gebügelt werden darf. „Gutes Material bügelt sich leichter.“ Schwierig werde es bei beflockten Shirts. Die bügelt sie entweder auf der linken Seite oder legt ein Tuch über den Aufdruck.

Rodica Istrate hat schon in ihrer Heimat in Rumänien in einer Textilfabrik mit Kleidung zu tun gehabt. Später war sie in einem Hotel in Hermannstadt die Chefin von 16 Zimmermädchen und kontrollierte auch in der Waschküche die Arbeitsqualität. Die Mutter dreier Kinder war 36 Jahre alt als ihr Mann plötzlich an Blutkrebs starb. „Da hatten wir gerade ein Grundstück mit einem alten Haus gekauft und wollten das Haus renovieren“, sagt die heute 57-Jährige.

Um die Schulden für das Haus bezahlen zu können, versuchte die junge Mutter, eine Arbeit in Deutschland zu bekommen. Eine Arbeitskollegin vermittelte ihr einen Job in Ehingen. „Ich hatte Glück und lernte immer mehr Deutsch.“ Rodica Istrate sagt über ihre Arbeit: „Man muss es mit Liebe machen.“ Die Ruhe beim Bügeln sei für sie so lebensnotwendig wie Wasser.

Zugeständnis an die Hitze

In ihrer Freizeit geht sie schwimmen und schätzt ihre Nordic Walking Gruppe. Vormittags pflegt Rodica Istrate Menschen, die sich nicht mehr selber versorgen können. Nachmittags bügelt sie.

Das einzige Zugeständnis an die hohen Temperaturen in diesem Sommer ist an manchen Tagen die Uhrzeit, zu der sie bügelt. „Ich gehe früh zu Bett und stehe manchmal morgens um 5 Uhr auf und bügle bei offenem Fenster.“ Das sei dann besonders schön.

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