Schon mit der kurzweiligen Stellprobe, bis er das Mikrofon an der passenden Stelle hatte, dem herzlichen Händeschütteln und dem lockeren Schwätzle mit zahlreichen Kirchgängern markierte der prominente Mönch, Buchautor und Fernsehmoderator aus Frankfurt, Bruder Paulus, das Fundament seines persönlichen Schaffens und die Philosophie seines Ordens. „Bei uns gibt es kein oben und unten. Kein Herr und keine Untergebenen. Auch der Papst ist nicht höher als jeder Gläubige“, berichtete Bruder Paulus, der seit 40 Jahren dem Kapuzinerorden angehört.

Kirche als Restauranttisch

Sein Anliegen an die Menschen: „Hört nie auf, ein Glaubender zu sein.“ Der 59-Jährige bekannte, als Jugendlicher zwar streng katholisch erzogen und Messdiener gewesen zu sein – „mich hat der Glauben aber nicht berührt.“ Zumal der Gemeindepfarrer die Freiheit des Glaubens sehr eingeschränkt habe.

Erst als er einen Priester traf, der ihm den Altar der Kirche als Restauranttisch näherbrachte, bezogen auf Jesus beim Abendmahl mit den Jüngern, sei er neugierig geworden. Als dieser Geistliche ein Jahr später das Bild eines großen Baumes malte, mit einem weitverzweigten Wurzelwerk, einem mächtigen Stamm und vielen Ästen, sinnbildlich für das Christentum – wobei nur ein kleiner Ast für die kirchlichen Würdenträger reserviert sei – habe sich sein Herz geöffnet. Ihm war dadurch klar geworden, die Arroganz mancher Geistlicher und die oft gehörten Worte „Du musst“ seitens der Kirche schaden dem Glauben.

An die jungen Zuhörer gewandt, meinte Bruder Paulus, der mit 25 Jahren zum Priester geweiht wurde: „Gehorcht im Glauben niemandem, nur dem Evangelium. Auch nicht dem Papst.“ Das Oberhaupt der katholischen Kirche sei nicht der Stellvertreter Gottes auf Erden. „Der Stellvertreter von Gott ist nur Jesus. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Weshalb auch die von der Kirche auferlegten Gebote nur von Menschen gemacht seien, betonte er.

Der Kapuzinermönch markierte Jesus als das direkte Verbindungsglied zwischen den Menschen und Gott. „Jesus ist ein Zugeneigter. Er hört den Klang der Melodie Gottes in jedem Menschen.“ Weshalb man sich mit dem von Gott durch Jesus gegebenen Grundvertrauen einkleiden und ihn im Gebet darum bitten soll, dass er in unser Herz fliegt gemäß seinem Versprechen in der Bibel, das da lautet: „Ich bin, der ich bin, für Euch da.“

Christsein bedeute, sich von Gott einbinden zu lassen. Bruder Paulus markierte die Verbindlichkeit als Lebenselixier. Zumal Jesus die Verbindlichkeit bis in den größten Schmerz und die Dunkelheit mitgenommen habe. Für bedauernswert erachtete der langjährige Seelsorger die Tendenz in der Gesellschaft, nur nach sich und nicht nach dem Nächsten zu schauen, nach der Devise „I am first“.

Teilen als Balsam für die Seele

Der Kapuzinermönch plädierte für Mitmenschlichkeit, Verzeihen, Frieden und Gerechtigkeit. Wobei letztere für Verbindlichkeit stehe, „aber in dieser Welt gerecht zu sein und sich dafür einzusetzen, ist nicht einfach.“ Stärkend befand Bruder Paulus für Glaubende, „dass wir nicht tiefer fallen können, als in die Hand Gottes“. Auch setzte er das Teilen in den Fokus, das auch zum Fitnessstudio für die Seele zähle. „Davon ist noch keiner arm geworden.“ Kurz riss er das Elend der katholischen Kirche an, die sprachunfähig geworden sei und keine Hoffnung mehr gebe, etwa mit dem Wissen „Jesus rette mich vor dem Tod“.

Zum Abschluss seines einstündigen Vortrags forderte der Mönch die Zuhörer auf, immer Suchende zu sein und nicht der Trappatoni-Typ mit dem Spruch „Ich habe fertig“. Bruder Paulus sprach sich für die Ökumene in der Christenheit aus und nannte das Projekt „Christsein bewegt“ der katholischen Seelsorgeheinheit Donau-Riss und der Kirchengemeinde Ersingen ein leuchtendes Vorbild.

Dann hatte Bruder Paulus noch den Wunsch, „dass jede eurer Kirchen in der Fastenzeit täglich von 19 bis 20 Uhr geöffnet wird, wie ein geöffnetes Fenster zu Gott, wo man seine Sorgen lassen kann“. Mit anhaltendem Beifall wurde der Geistliche am Ende verabschiedet. Pfarrer Dr. Harald Talgner bezeichnete den Kapuzinermönch als einen Menschen, der den Mitmenschen genau auf den Mund schaut und ihre Herzen berührt.