Wir haben ja keine Gewerkschaft, uns vertritt ja keiner“, sagt Frederike Schön. Seit Februar weiß sie, dass sich von diesem Monat an ihr Arbeitsentgelt neu zusammensetzt – und dass sie unterm Strich weniger erhält. Bislang bezog sie Brutto um die 350 Euro, in 24 Monaten, wenn die Änderung vollends wirksam ist, wird der Betrag unter 290 Euro liegen, zuzüglich Fahrgeld.

Die Frau aus dem Raum Ehingen ist zu 60 Prozent behindert, geht damit offen um, möchte dennoch ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Schön arbeitet seit Jahren in einer Einrichtung des Heggbacher Werkstattverbunds. Sie fühlt sich dort wohl, montiert Gegenstände für ein namhaftes Unternehmen, das mit der Werkstatt kooperiert. Zusätzlich zum Arbeitsentgelt bekommt sie, wie sie sagt, vom Landratsamt noch einen Betrag in vergleichbarer Höhe. Sie wohnt zwar bei ihrer Familie, zahlt aber Miete.

Bislang, sagt Schön, hätten sie und ihre Kollegen individuelle Bezüge für ihre Arbeit erhalten. Mit der Änderung gebe es jetzt Lohnstufen, sie selbst sei im oberen Mittelfeld eingestuft. Jeder Beschäftigte erhält Punkte für verschiedene Kriterien, die letztliche Punktzahl entscheidet über die Einstufung. Schön zufolge werde mit dem neuen System Leistung nicht mehr gewürdigt.

Zwei Drittel der Arbeiter stehen finanziell schlechter da als vorher

„Dadurch rutschen bei uns einige nach unten.“ Sie spricht davon, dass in ihrer Werkstatt zwei Drittel der Beschäftigten mit der neuen Regelung finanziell schlechter dastehen als zuvor, einige gar Einbußen eines dreistelligen Betrags hinnehmen müssen. Dass sie weniger Entgelt erhält, bestätigen ihre Unterlagen, die der Redaktion vorliegen.

Christian Metz, Sprecher der St. Elisabeth-Stiftung, zu der der Heggbacher Werkstattverbund gehört, bestätigt die Umstellung auf das neue System. Grundsätzlich, sagt er, sei das ausbezahlte Arbeitsentgelt Bestandteil von „Rehabilitationsleistungen“ (siehe Info). Mit der Neuordnung der Arbeitsentgelte werden seiner Aussage zufolge zwei Drittel der Beschäftigten sogar mehr verdienen. Er räumt aber ein, dass sich dies für die Einrichtungen in Ehingen anders verhält. „Dort wurden bisher unsere höchsten Entgelte bezahlt.“ Deshalb gebe es dort eine größere Zahl an Beschäftigten, die weniger bekommen, in Einzelfällen liege die Reduzierung im Bereich eines dreistelligen Euro-Betrags.

Für solche Fälle hat, das bestätigen die Entgelt-Unterlagen Schöns, die Stiftung eine Übergangslösung eingeführt: 24 Monate lang wird das Entgelt in mehreren Stufen abgesenkt, bis der neue Betrag erreicht ist. Bei Schön der erwähnte Betrag von grob 290 Euro. Wer weniger als 50 Euro Einbußen verzeichnet, bei dem gilt das neue Entgelt unmittelbar.

Metz begründet das neue Entgelt innerhalb der Stiftung damit, dass die Beschäftigten bislang bei gleicher Leistung in unterschiedlichen Werkstätten unterschiedlich verdienten. „Es lässt sich leider nicht vermeiden, dass es durch die Neuregelung neben ,Gewinnern’ auch ,Verlierer’ gibt.“ Gemäß Stiftungsangaben sind an den Standorten unter anderem in Ehingen, Laupheim und Bad Buchau 885 Beschäftigte betroffen.

Keine Alternativen zum neuen Entgelt-System

Alternativen zum neuen System gibt es laut Metz keine. Ihm zufolge lag den bisherigen Entgelt-Kriterien ein „Akkordcharakter“ zugrunde, „den wir als Entlohnungsgrundlage für Menschen mit Unterstützungsbedarf als unpassend erachten“. Nun wird auch die Sozialkompetenz bewertet, auch die Komplexität der Arbeit werde berücksichtigt. Für Beschäftigte mit herausragenden Leistungen könne ein Zuschlag gewährt werden. „Der Heggbacher Werkstattverbund spart durch die neue Ordnung der Arbeitsentgelte kein Geld ein, die Höhe der gesamten Ausschüttung steigt sogar.“

Schön ärgert sich darüber, dass sie erst im Februar über die Änderungen informiert wurde. Der Werkstattrat – ein Vertreterorgan der Beschäftigten – habe dem System zwar zugestimmt, aber die Chefs haben offenbar erst spät erkannt, was die Folgen davon seien. Sie macht ihren direkten Vorgesetzten keine Vorwürfe, ist aber enttäuscht: Denn sie geht davon aus, dass sie mit Fleiß und Leistung nun nicht mehr eine höhere Stufe für mehr Entgelt erreichen kann. „Ich halte das für blauäugig.“

Laut Metz entschieden die Werkstatträte im September darüber, bis Ende des Jahres 2018 erfolgte die Neuberechnung der Entgelte, im Januar habe es dann 17 Infoveranstaltungen an den Standorten gegeben. Ende Februar wurden alle Beschäftigten über ihr „zukünftiges Arbeitsentgelt informiert, welches dann Ende März zum ersten Mal zur Auszahlung kommt“.

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Kein Lohn oder Gehalt


Entgelt Die Rehabilitationsleistungen sind nach Angaben der St. Elisabeth-Stiftung nicht mit Tariflohn oder Gehalt eines sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisses zu verwechseln. Die Beschäftigten einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung haben der Stiftung zufolge Anspruch auf Sozialleistungen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.